Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 1. Juni 1911

Film 11463, Vol. 5, No. 45, Page 2

Emmenthal, Bessarabien April 21. 1911

Das Wetter ist bei uns schön und warm, aber Regen hätten wir nöthig, denn das Erdreich ist trotz der reichlichen Winterfeuchtigkeit schon fast aus getrocknet. In Nummer 37 des Blattes las ich zu meiner Freude auch eine Korrespondenz von meinem Bruder Joseph Kopp in Canada und in derselben Nummer fand ich auch meine Korrespondenz abgedruckt. Nun, da ich doch weiss, dass der Redaktion meine Berichte willkommen sind werde ich öfters schreiben, und bitte auch den Bruder daselbe zu thun. Den Brief von den Eltern habe ich auch erhalten und freue mich, dass alle gesund sind.

Dem Bruder bin ich unendlich dankbar, dass er mir den Staats-Anzeiger zuschicken lässt. Gerade heute, während ich am Schreiben war, erhielt ich Nummer 38 des Blattes und ich kann deren Eintreffen kaum abwarten. Wenn ich das Blatt morgens erhalte, wird meine liebe Frau böse, denn an dem Tage wird nichts geschafft, weil ich erst das Blatt durchstudiren muss. In meiner vorigen Korrespondenz waren zwei Druckfehler: anstatt Knechte sollte es Mägde heisssen und anstatt Pius Job, Pius Kopp.

Am 19. April verstarb Peter Wagner im Alter von 60 Jahren. Er hinterlässt eine traurende Wittwe. Seine zwei jüngsten Söhne, beide schon verheirathet, reisten am 28. März nach Amerika und waren bei ihres Vaters Tod schon auf der Reise, doch wird ihnen die Trauernachricht durch den Staats-Anzeiger, der ja überall gelesen wird, übermittelt werden. Allen Hinterbliebenen spreche ich das herzlichste Beileid aus.

Heute erhielten wir lieben Besuch aus Krasna, nämlich die Vetter Jakob und Simon Engel. Bis Samstag fahren sie wieder nach Hause und ich fahre mit ihnen zum Besuch meiner alten Heimath in Krassna.

Bei uns im Dorfe nimmt leider das Laster des Trinkens sehr zu, und es giebt viele „Mogritsche“. Ich darf darüber gar nicht viel sagen, denn es gäbe böses Blut. Das Lügen ist vor Gott verboten, und die Wahrheit zu sprechen und zu schreiben verbieten die Menschen. Also, wenn man nicht lügen, und auch die Wahrheit nicht schreiben soll, muss man schon schweigen. Einen dieser Trinkfälle will ich aber doch berichten. Meine zwei Gevattersleute Raphael Löb von Peter und Rudolph Harbur von Christian, zusammen mit noch einigen Männern, hielten einmal abends „Mogritsch.“ Sie thaten des Guten zu viel, und geriethen schliesslich in Zank und Streit und im so grosse Muth, dass sie einander weidlich verprügelten. Es wäre schlimm geworden, wenn nicht ein Flintenschuss sie auseinander getrieben hätte. Rudolph Harbur, einer der Streithähne, rannte nach Hause, um sich zu bewaffnen. Er ergriff das Stalleisen, nahm es auf die Schulder, und ging zum Hofe hinaus den Schauplatze der Prügelei zu. Kaum hatte er aber die Strasse erricht, hörte er einen Flintschuss, der ihm so grossen Schrecken einjagte, dass er schleunigss zurückrannte. Nun weiss man nicht, konnte er vor Schrecken die Hausthüre nicht finden, oder wollte er nicht bis zu dieser laufen, kurzum, er sprang durchs Fenster gerade in das Schlafzimmer seiner Mutter, welsche zum Tode erschrocken aus dem Bette sprang, sich aber beruhigte, als sie ihren Sohn erkannte. Sie fing an zu schelten, aber Rudolph sprang zum anderen Fenster wieder hinaus. Schliesslich packet ihn die Nachtwache und brache ihn zur Ruhe.

In meiner nächsten Korrespondenz werde ich auch etwas über Krassna berichten, wo ich Schwester Carolina besuchen werde.

Gruss an meine Eltern und Geschwister, an die Redaktion und an den Leserkreis.

Zachäus Kopp (Von Martin)