Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 4. Januar 1912

Film 11463, Vol. 6, No. 23, Page 2

Emmenthal, Bessarabien [kein Datum]

Lieber Kollege Anton Jochim!
Ihre Erwiderung auf meinen Bericht in No. 13 des Staats-Anzeigers habe ich erhalten in No. 16. Es freut mich, lieber Kollege, daß Sie sich und Ihre werthe Frau Gemahlin bei guter Gesundheit befinden. Muß mich aber wundern, daß Sie im Begriffe sind, wieder zurück in die alte Heimath wandern zu wollen. Ich denke, so etwas kann man nur dann thun, wenn man etwas Wohllust in den Beinen hat. Sollte wirklich Amerika nichts Besseres bieten können als Rußland? Dann wären viele menschliche Seelen zu bedauern, welche aus Rußland ein besseres Glück in Amerika suchten. Auch ich bekam in Rußland solche Wohllust in die Beine, was ich heute sehr bedauere. Sie sagen, daß wir uns auf unserer alten Stelle in Nikolaithal und Simonsfeld nicht glücklich fühlen konnten. Das haben wir freilich damals gedacht, worauf Sie Simonsfeld auch bald verließen. Ich selbst blieb nach Ihrer Abreise noch drei Jahre, dann suchte ich etwas Besseres zu meiner Heimathgemeinde Kraßna, fand aber leider nichts Gewünschtes, und bedauere heute noch, daß ich diesen Schritt gethan. So lange ich in Dienst stand, war ich bei Klein und Groß und allen meinen Vorgesetzten angesehen, was ich heute gar nicht mehr kenne.

Darum, lieber Kollege Anton Jochim, vergessen Sie das Sprichwort nicht: „Wer sein Brod hat, soll kein Sammelsuchen halten!“ Haben Sie ein wohlerworbenes Kleinkapital, so achten Sie es dort, wo Sie es erworben haben, denn in Rußland kann nichts dazu wachsen.

Gerne würde ich Ihnen etwas aus Simonsfeld berichten, aber weder aus Simonsfeld noch aus Nikolaithal bekomme ich Nachricht.

Lieber Kollege Anton, vielleicht haben Sie Gelegenheit, nach Stebbins, Morton County, zu kommen. Da habe ich zwei Töchter verheirathet. Die ältere an Ignatz Groß, und die jüngere an Eduard Richter. Besuchen Sie dann dieselben, dann werden Sie auch erfahren, was meine Beschäftigung ist. Denn seit dem ich nach zwölfjährigem Dienst aus Kotschabe ging, finde ich in keinem Geschäfte Ruhe. Alles was ich angreife, paßt nicht, und somit kommt man auf hunderte von Plätzen, bis endlich die Hosen durchgerutscht sind. Alles habe ich nach dem schon angefangen. Drei Jahre lang hatte ich einen Laden, nacher Gasthaus und jetzt in Emmenthal die Fleischerei. Habe aber mit diesem auch noch nicht Ruhe, sondern gehe zum Frühjahr in die alte Heimath Kraßna, und dort gedenke ich auch zu bleiben, so Gott will. Zwei von meinen Söhnen sind Schmiedemeister und der dritte ist Schuhmacher. Bei diesem werde ich Beschäftigung finden, bis der Sensenmann kommt.

Zum Schluß noch viele herzliche Grüße an Sie und Ihre werthe Gemahlin von mir und meiner ganzen Familie.

Lieber Freund Dosiderius Wagner in Canada!
Auch Dich will ich durch den Staats-Anzeiger benachrichtigen, daß ich Deinen Brief vom 7. Nov. erhalten habe, was mich wie auch meine ganze Familie sehr freute. Laut Deinem Versprechen bei der Abreise, hoffte ich bald Nachricht von Dir zu bekommen, wie Ihr an Ort und Stelle in Canada zugekommen seid. Aber es muß doch schrecklich weit sein von hier bis Canada, da Dein Brief vom April bis November zu thun hatte, bis er hier anlangte. Schreiben, weiß ich, kannst Du doch gut. Darum brauche ich nicht zu denken, daß Du vielleicht die ganze Zeit brauchtest zum Schreiben eines Briefes. Denn die einzige Ursache ist die weite Entfernung.

Lieber Freund Dosiderius! Dem Ding azuhelfen, daß die Briefe in Zukunft nicht mehr so lange Zeit brauchen, so mache Dich mit der Redaktion des Staats-Anzeiger in Devils Lake, N. D., bekannt. Diese bringt mir Deine Briefe in ihrem Blatte im Laufe von 16 Tagen hierher. Jetzt muß ich Dich in diesem Blatte benachrichtigen, wie es hier geht und steht. Du weißt doch, daß es früher hier bucklig ging, so geht es auch heute noch. Kaum denkt man, man steht auf den Beinen, so kommt wieder was dazwischen und macht einem durch die ganze Rechnung wieder einen Strich. Als ihr von hier fort seid, war es der 28. März. Von da an haben wir gearbeitet bis jetzt und haben uns ein wenig Kleinkapital zusammengelegt. Aber kaum denkt man, dieses bewerkstetigt zu haben, so ist auch schon wieder der hungrige Herr Winter als Gast da und läßt einen bis zum Frühjahr garnichts übrig, sondern hinterläßt einem wieder neue Sorgen, und selbst geht er den Sommer über nach Argentinien. Am 21. Nov. war ich in Kaunari auf dem Postamt, um die Korrespondenz für Emmenthal zu erhalten, woselbst auch drei Briefe waren von Amerika zurückgesandt. Einer hatte die Adresse an Thomas Haag in Canada, einer an Ignatz Groß in Nord-Dakota, und der andere an eine mir nicht bekannte Person. Was die Ursache ist, daß die Briefe mit richtiger Adresse nicht an Ort und Stelle gelangten, weiß ich nicht.

Verheirathet haben sich in Emmenthal: Elias Maas mit Theofilia Müller, und Melchior Seifert mit Eva Baumann. Die Ersteren wurden am 8. Nov. in Emmenthal im Bethaus kopulirt, zu welcher Feierlichkeit auch ich mit Familie eingeladen war. Doch konnte ich Verhältnisse halber der Feier nicht beiwohnen, sondern nur meine Familie. Das Hochzeitsfest dauerte drei Tage und amüsirten sich die Gäste bei genügender kulinarischer Vorsorge höchst fein. Noch besser hatte es die Köchin, Deine Mutter, denn am Abend des Beendigungstages oder Schluß des Hochzeitsfestes kam sie zu mir. Gerade war ich beschäftigt mit dem Lesen des Staats-Anzeigers und zählte sie ein Haufen Kupfer und Silber her, welches sie von den Hochzeitsgästen für gute Zubereitung des Mahles als Belohnung bekam.

Alle Neuigkeiten, die vom 28. März bis heute vorkamen, habe ich den Sommer hindurch dem Druck an den Staats-Anzeiger übergeben, und was weiter folgt, werde ich auch bringen. Bestelle Dir nur recht bald den Staats-Anzeiger, dann erfährst Du alles. So lange ich noch in Emmenthal bin, hätte ich noch manches zu berichten. Ich muß aber manches verschieben aus Mißverständniß der Leute, denn die Emmenthaler behaupten, wenn im Staats-Anzeiger eine Beschreibung kommt, deren Einsender ein Emmenthaler ist, so sei alles über sie geschrieben und machen dann schiefe Gesichter. Also darf ich von der alten Heimath nicht viel schreiben, sonst bekomme ich endlich in Emmenthal noch Feinde. Doch werde ich sehen, wenn ihr recht viel von dort schreibt, werde ich auch schreiben.

Mit herzlichen Gruß.

Romuald Dirk.