Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 15. Februar 1912

Film 11463, Vol. 6, No. 29, Page 2

Emmenthal, Bessarabien,
December 15. 1911

Obwohl ich nicht selbst auf den Staats-Anzeiger abonniert bin, lese ich das Blatt doch regelmassig bei meinem Schwiegersohn Zacheus Kopp, und ich muss gestehen, das Blatt interessiert mich sehr. Darum auch habe ich beschlossen, für den Staats-Anzeiger öfters zu korrespondieren, und ich hoffe, dass mein Geschreibsel nicht in den Papierkorb wandern muss.

Ein jeder Mensch hat seinen Preis, und so las ich auch in den Nummern 12, 13, 14 und 19 Korrespondenzen von hier, geschrieben von Romald Dirk, in welchen Angriffe auf Emmenthaler gemacht wurden. (Solche sind, wenn gemacht, aber nicht direct gehalten. Herr Dirk spricht über Zustände und Verhältnisse im allgemeinen. Red.) Die Angriffe gereichen uns nicht zur Ehre und manche Geschichten sind übertrieben, ja sogar erfunden. Ich möchte wirklich wissen, was Herr Dirk von uns Emmenthalern will und was er auszusetzen hat. Wir haben alle Land gekauft, einer mehr, der andere weniger - gleich können nicht alle sein, einer ist reich, der andere arm - aber Haus und Hof und noch einige Dessjatin Land hat ein Jeder. Natürlich haben wir auch Wirthe, die 50, 100, ja 200 Dessjatin Land besitzen und Dampfmühlen und tausende Rubel Geld dazu. Alle können es eben nicht so haben. Aber, ich war wirklich begierig zu erfahren, was Herr Dirk besitzt. Hat er auch nur eine Dessjatin Land, oder ein Haus, oder Hof, oder auch nur einen Hundestall, den er sein Eigen nennen könnte? Nein, der Herr hat nichts als einen zerrissenen Kittel auf dem Rücken. Darum rathe ich ihm: Sprech nie böses von andern Menschen, wenn Du es nicht gewiss weisst, und wenn Du es gewiss weisst, so frage dich: Warum erzähle ich es? Unsere besten Gedanken kommen aus dem Herzen, die bösen aber aus einem dummen Kopfe.

Zeitverschwendung ist die grösste ihrer Art, und Herr Dirk geht mit der Zeit nicht eben sparsam um. Hat nicht Herrn Dirk's Vater Romauld in Bester Absicht zu Sarata in's Seminar gesandt? Hat der Vater sich's nicht viel Geld kosten lassen? Was aber hat Herr Romauld Dirk gutes dort gelernt? Nichts als Allotria hat Herr Dirk dort getrieben, schlaue Kniffe hat er gelernt, bis schliesslich der Direktor ihn der Schule verwies. Welcher Art Zeugnisse hat Herr Dirk von der Schulbehörde erhalten? Gar keine. Warum nicht? Vergesse nicht:

Wie Du selber benutzt die Zeit
Ist sie Dir immer zu schaden bereit.

Ein Soldat wurde um die Rettung seiner Seele bekümmert und gelangte zur Erkenntniss und Erfahrung des Heils in Christo Jesu. Aber nun wurde er zum Gegenstand des Spottes seiner leichtsinnigen Kameraden und der Offiziere. Einer der letzteren, den er täglich bediente, frug ihm: „Was bringt Dir Deine Frömmigkeit ein?“ „Mein Herr“, antwortete der Soldat „ehe ich mich bekehrte war ich täglich betrunken, jetzt aber bin ich nüchtern. Vormals vernachlässigte ich meinen Dienst, jetzt aber erfülle ich meine Pflicht“. Der Offizier schwieg beschämt.

In allen guter Muth ist halbes Leben;
Ein faules Leben kann nur Herzleid geben.

Hätte Herr Dirk in der Schule gelernt, wie seine anderen Kameraden, wäre er heute Priester oder Lehrer. Jetzt aber ist er weder Priester noch Lehrer, noch Bauer noch Kuh- oder Schafhirt.

Wer nichts ehrt,
Ist nichts werth.
Wer Weisheit nur aus Büchern lernt
Und selbst nicht weise denkt und lebt.
Wird immer mehr von ihr entfernt,
Je mehr ihr zu nahen strebt.

Als Herrn Dirk's Vater im Dorfe Krassna starb hinterliess er ihm Haus, Hof und auch etwas Geld. Wo ist das heute? Herr Dirk verkaufte alles, Thor und Nagel, für 450 Rubel und zog mit seiner Familie auf das Zigeunerdorf Wolontirofka, wo er eine Traktir und eine Weinschenke aufrichtete. Wie lange war er dort? Kein Jahr, denn er konnte die monatliche Pacht nicht mehr zahlen und musste Reissaus nehmen.

Thu Deinem Bauche nicht zu gut,
Er ist ein sonderbarer Gast:
Wer ihm am meisten gütlich thut
Dem fällt am meisten er zur Last.
Frohen Sinnes, massig essen,
Kamen dabei nicht vergessen.

Wo zog Herr Dirk dann hin? Nicht wahr, nach dem Russendorf Tamur? Was fing er dort an? Wieder einen Weinkeller. Wie lange war er dort? Nach einigen Monaten musste er wieder ausrücken. Wahrscheinlich aber hat er zu wenig Kenntnisse in solchen Sachen, denn er muss verstehen:

Heisses und sehr Kaltes meiden
Schützet uns vor vielen Leiden.
Im Glauben klar
In Lieben wahr,
In Hoffnung fröhlich immerdar.
Nicht alle finden Gold, die scharren.
Am wenigsten aber die armen Narren,
Welche da gierig weiter graben,
Wo andere Schätze gefunden haben.

Nun kam Herr Dirk nach Emmenthal. Was arbeitet er hier? Nichts. Kürzlich war er auch in Krasna und besuchte auch die Kirche. Das war löblich von ihm, aber niemand wollte in der Kirche neben ihm stehen, denn das Ungeziefer spielte frech auf seinem Kittel. Das ist in Krasna noch nicht Mode, aber im Zigeunerdorfe Wolontirofka sieht man solche Vorstellungen oft. Auch im Russendorfe Tamur.
Einen Rath möchte ich noch Herrn Dirk geben:

Wer leben will sich wohl befinden,
Kümmere sich nicht um Anderer Sünden.
Man muss nicht Salz in des Nächsten Wunde streun,
Gedanken sind zollfrei, In Deinen Mund nehme Reisbrei.
Wer auf das Brot Anderer wartet
Muss oft hungrig schlafen gehen.

Dann Auch wieder:

Wer zu tief in's Glas guckt
Bekommt gläserne Augen.
Willst Du Weisheit Dir ersagen,
Lerne Wahrheit erst zu sagen.
Deutsch im Herzen
Tapfer und still,
Dann mag kommen
Was da will.
Fleiss bringt Brot,
Faulheit Noth.

Kennt Herr Dirk diese Sprüchlein?

Aus einem Körnchen Wahrheit
Backt der Lügner ein Laib Brot.

Gruss an alle Leser des Staats-Anzeiger und auch an die Redaktion.

M. Groß