Film 11463, Vol. 7, No. 16, Page 2
Krasna, Bessarabien September 23. 1912
Lieber Herr Redaktionär:
Mein erster Artikel vom 25. Juli ist bei euch glücklich durchgegangen, und damit habe ich wissen können, daß ich noch immer die Wahrheit schreiben darf. Und weil ich geschrieben habe, daß ich auch einen zweiten Artikel schreiben will über wie es bei uns in Krasna auch mit der Schule zugeht, habe ich am 12. September einen Artikel über der Schule geschrieben und habe gedenkt, daß der auch durchgehen würde. Jetzt wollte ich warten bis der Artikel über der Schule gedruckt war. Aber wir halten es ja nicht aus. Kaum denken wir das Streit gekommen ist, dann ist auch schon der Anderer da. Sie haben über die Schule gestreitet und gestreitet bis sie es ledig waren, und sie haben bis heute mit der Schule noch gar nichts gemacht, und sie denken, daß es mit der Zeit noch schlimmer wird als es vor 20 Jahren war. Vor 20 Jahren gab es in Kraßna ein Lehrer der zwei hundert Kinder gelehrt hat und die Kinder worden von den eine Lehrer so gelernt, daß die Leute oder die Männer heute, wo immer sie in die Schulgang sind, so klug sind, das heutzutage der Hälft Lehr auch genug wäre. Wann keine besser gelernte wie sie auf der Welt wäre, dann glaubte ich das auch, aber ich nehme doch an, daß gelernt gelernt ist und dumm dumm ist. Wenn ich gelernt wäre, dann würde ich nicht den Deckel andersweg aufdecken, aber ich bin froh, daß ich doch etwas zusammen bringe um es in die Zeitung zu setzen, und sie denken, daß wenn sie ihre Name unterschreiben können, dann sind sie auch schon gelernt. Ich denke halt so: wo nichts darin ist, da können wir auch nichts heraus nehmen. Wenn ich doch unseren Leuten das wenig Wissen was ich habe in den Kopf gießen könnte, dann ging es in Kraßna doch ein wenig besser zu. Halt aber wenn einer garnicht gelernt ist, dann ist er einer von denen, wo er das Maul öffnen soll, da tut er es nicht, und wo er es nicht öffnen soll, da rißt er es offen bis an die Ohren.
Jahrelang hat sich bei uns der Küster begehen un quele misse in der Kirche ohne Fußharmonika. Als aber der Pater und der Anderer gesehen haben, daß es für den Kischter ohne Fußharmonika zu schwer ist, haben die Patern angehall, sie sollen doch ein Fußharmonika kaufen um dasselbe in der Kirche zu benutzen. Dabei hat keiner dagegen gesprochen, und als der Pater sah, was sie haben möge, hat er kollektiert und für das kollektierte Geld selber ein Fußharmonika gekauft. Das war dann gut, und jeder hat dann gehorcht, wie schön es dann in der Kirche ging. So haben sie etliche Jahren gehorcht. Diesjahr aber war das Fußharmonika um. Die Gemeinde ist einig geworden und hat für die Kirche eine Orgel gekauft. Das Fußharmonika blieb ist dann stehengeblieben. Jetzt, weil das Fußharmonika übrig und eine kollektiertes war, hat der Pater das Fußharmonika als Kirchegut verkauft für 100 Rubel. Man hätte aber einmal sehen sollen, wie etliche von den Schreier, als sie hörten das der Pater das Fußharmonika verkauft hat, wie sie ihre Mäuler offen rißte und schreiten: „Wir wollen einmal sehen, ob der Pater das Recht hat, ohne uns fragend, das Fußharmonika zu verkaufen. Her mußt es wieder, und wir verstatten es.“
Was denkt ihr jetzt, liebe Leser? Gibt es große Bildung in solch einen Kopf? Wenn einer nicht weißt was Kirchegut ist, und was Gemeindegut, dann, denke ich, versteht er nicht viel. Das ist jetzt nur über ein Fußharmonika welches lange, lange Jahre in der Kirche gespielt war und so der Schreier, mit den Jahre, vielleicht vergeßen hat, daß er nicht mit das kaufen geholfen hat. So kommen aber auch Sache in der Gemeinde vor die vorm Mittagessen passierten, und erst im nachmittag nimmt er es und schreit es in die Welt wie der Esel in die Luft. Ich bin auch ein Kraßner, aber doch kann ich nicht so ungeschlifft sein ohne sich die Sache zu überlechen. Wenn ich jetzt schreiben könnte wie der Pater am Sonntag (am 23. September) wegen denen Schreiern gepredicht hat, dann würde ich es sie noch besser auf dem Papier hinstellen als wie der Pater von der Kanzel. Aber, ich denke, daß unser Herrgott solche Leute doch bald den Heiligen Geist schicken muß, sodaß sie doch mal auch ein wenig Verstand in den Kopf kriegen.
Jetzt will ich mal aufhören mit dem Schreiben, und will mal den Winter durch sehen, ob die Schreier sich fort machen, und wenn solche bis Oster noch nicht gescheiter sind, dann gehören sie auf die Liste genommen und mit Name genennt. Dann werde ich dem Pater auch sagen, daß er solche Leute nicht besser macht mit Predig, und er soll alles mit Geduld tragen und denken: „O, lieber Herrgott, erbarm dich unser, dein Volk; es sind wahrlich lauter Ziege.“
E. Bauer.
—————— Dialekttext —————– Bauer 11463-7162 14 Nov 1912
Krasna, Bessarabien 23. September
Liewer Herr Redaktionär:
Mei erschter Artikel vum 25. Juli is bei eich glücklich durchgang un hann dann wisse könne, daß ich der Wohrheit noch schreiwe derf. Un weil ich geschrieb hann, daß ich im zweete Artikel ach a Artikel schreiwe will wis bei uns in Kraßna ach mit de Schul zugeht dann hann ich mich hingehuckt und hann am 12. September e Artikel vun der Schul geschrieb un hann gedenkt, daß der ach durchgehen werd. Jetzt wollt ich warte bis der Artikel vun der Schul kummt. Awer merr halts jo nit aus, kaum denkt merre Streit is cum dann is ach schun de anre do. Mit der Schul hann se sich gestriet und gestriet bis ses ledich ware un hann bis heit mit der Schul noch gar nicks gemach un denk daß es mit der Zeit noch schlimmer werd wis mol vor 20 Jahr war. Vor 20 Johr war in Kraßna e Lehrer un der hot zwei hundert Kinner gelerht un die Kinner sin vun den ene Lehrer so gelernt wor das die Leut oder die Männer heut, wo sellemol in die Schulgang sin, so gluch sin, daß heutzutag an der Hälft Lehrer ach genung wär. Wann keh besser gelernte wie sie uf der Welt wäre dann dät ich das ach glawe, awer ich nemms doch an mir ab, daß gelernt gelernt is un dumm dumm is. Wann ich gelernt wär wie nitt, dann dät ich ne de Deckel annerscht ufdecke, awer so bin ich froh, daß ich wannscht doch was zamme bring vor in die Zeitung un die denke wann se ihre Name im Gemenespruch unnerschreiwe kenne dann sin se ach schun gelernt. Ich denk halt so: wo nicks drin is, do kammer ach nicks raus nemme. Wann ich doch unser Leut das bische Lehr was ich hen in de Kopp gieße kennt, dann dät es in Kraßna doch bische besser zugehen, awer wann halt ener garnitt gelernt is, dann is er vun denne ener, wo ers Maul ufthun soll, do thut ers nitt uf un wo ers nitt ufthun soll, do reißt ers uf bis an die Ohre.
Johre lang hat sich bei uns der Kischter begehen un quele misse in der Kirche ohne Fußharmonika. Wie awer e Pater un der annere gesiehe hann, daßs for de Kischter ohne Fußharmonika zu schwer is, dann hann die Patern an der Gemehn angehall sie soll doch for in de Kirch e Fußharmonika kafe, awer dann hat kanner ke Maul ufgethan un wie der Pater das gesiehen hat zu so was se Mage hann, dann hat de Pater kolektiert un hat for das Kolektierte Geld e Fußharmonika selwer kaft. Das war dann gut un jeder hot dann gehorcht wie schön daß es dann in der Kirch gang is. So hann gehorcht etliche Johr bis diesjahr. Diesjohr war awer das Fußharmonika rum un dann is de Gemehn doch mit Mache un Krache enich wor un hot e Orgel in die Kirch kaft un das Fußharmonika hat dann gestann. Jetzt weil das Fußharmonika üwrig war un e kolektiertes war dann hat dr Pater das Fußharmonika als Kirche gut freigebot zum verkafe un hats dann verkaft for 100 Ruwel. Awer es hätt mol e Mensch siehn solle, wie das etliche vun de Scheier gehört hann daß de Pater, ohne sie zu frohe das Fußharmonika zu verkaft hat, wie die ihre Mäuler ufgeriß hann un hann geschreit: „das welle mir sehen, ob der Pater das Recht hat ohne uns frohe das Fußharmonika zu verkafe. Her muß es wieder un mir verstate es.
Was denkt ihr jetzt, liewe Leser, is in sohne Köpp große Bildung? Wann ener nitt was was Kirchegut is oder Gemehngut, dann, denk ich, versteht er nitt viel. Das is jetz nar vum Fußharmonika wo lange lange Jahre in der Kirch gespielt is wor un sa e Schreier mit de Jahre vleicht vergeß hat, daß er es nitt hat helfe kafe, awer so kumme ach Sache in der Gemehn vor wo vorm Mittagesse basiern und bis ers Mittag geß hat, dann was ers schun nimmt un schreit in die Welt wie der Esel in die Luft. Ich bin so ach e Kraßner, awer doch kann ich so ungeschiff nit sin un in die Welt schreie ohne sich die Sach zu üwerleche. Wann ich jetzt so schreiwe kennt so wie der Pater am Sunntag (am 23. September) weger dene Schreier gepreticht hat, dann dät ich's sie noch besser ufm Papier hintellre as wie de Pater vun der Kanzel. Awer, ich denk unser Herrgott muß sohne doch balt de heiliche Geist schicke daß se doch mol ach e bische Verstand in de Kopp krien.
Jetzt will ich mol ufhern mit schreiwe un will mol de Winter üwer siehe ob so Schreier so fort mache, un wann sohne bis Oschtere noch nitt gescheiter sin, dann gehöre se uf de Lischt genomm un mit Name genennt. Dann werr ich dem Pater ach sahn daß er sohne mit Pretiche nitt besser macht und soll alles mit Gedult trahn un denke: O liewer Herrgott, erbarm dich unser dei Volk, es sin wahrlich lauter Ziegen.
E. Bauer.