Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 5. Dezember 1912

Film 11463, Vol. 7, No. 19, Page 2

Petrofka, Bessarabien October 29. 1912.

Da ich infolge meines Verzuges aus Kraßna unmöglich Zeit gewinnen kann, dem Blatte abzuwarten, will ich trotz aller sich bietenden Schwierigkeiten, doch einige Minuten auf dasselbe verwenden und melden, daß ich nun in Petrofka meinen Wohnsitz habe und das liebe Blatt hier erwarte. (Herzlich Dank, daß Sie sich auf diese Weise aufopfern. -Red. Staats-Anzeiger.) Nummer acht war die letzte Nummer des Blattes, welche ich in Kraßna erhielt. Ob ich nun die laufenden Nummern hier erhalten werde, darauf warte ich. Es wird dem Leserkreis etwas lange währen, bis sie im Blatte wieder einige meiner Korrespondenzen zu sehen bekommen, doch bitte ich, Geduld zu haben. Drei Wochen nachdem ich im neuen Heim das Blatt zur Hand bekomme, werde ich mit Korrespondenzen auch wieder in Amerika sein. Diesen kleinen Abschnitt gebe ich in Druck, damit alle meine Freunde und Bekannten und meine Schwiegersöhne in Morton County in Nord-Dakota wissen mögen, daß ich seit dem 20. Oktober meinen Sitz fest hier gewählt habe. Briefliche Angelegenheiten für mich sind zu adressiren: „Gouvernement Bessarabien, Kreis Bender Postabtheilung Petrofka, Dorf Petrofka, Romuald Dirk.“

Gerade als das Blatt so interessante Abhandlungen enthielt, mußte ich den Umzug bewerkstelligen und dasselbe verlassen bis auf Wiedersehen in Petrofka. Das Warten auf den Staats-Anzeiger würde ich schon mit Geduld ertragen, aber ich zweifle, ob ich die auf Nummer acht folgenden Nummern bekommen werde, hoffe aber, daß die Redaktion darum besorgt sein wird, daß es keine ausgebrochenen Zähne giebt. (Der geehrte Herr Korrespondent mag ganz ruhig sein. Nummer 18 des Blattes schwimmt bereits auf der großen Pfütze und die Nummern 9 bis 17 gingen auch bereits in einem Packet nach Petrofka ab. Wir besorgten den Versandt sofort nach Empfang dieser Korrespondenz. -Red. Staats-Anzeiger.)

Die Witterung in Bessarabien ist dieses Jahr eine sonderbare. Die ersten Tage im Oktober brachten uns viel Regen. Im halben Oktober hatten wir für einige Tage so strengen Frost wie mitten im Winter, und in den letzten Tagen immer Regen auf Regen, sodaß der arme Bauer kaum im Stande sein wird, sein Welschkorn einzuheimsen.

Herzlichen Gruß an meine Schwiegersöhne Ignatz Groß und Eduard Richter nebst Frauen, an alle Freunde und Bekannte, und an den ganzen Leserkreis des Staats-Anzeiger.

Achtungsvoll

Romuald Dirk


Film 11463, Vol. 7, No. 19, Page 2

Krasna, Bessarabien, October 21. 1912.

Werthe Redaktion!

Ich muß mich diesmal kurz fassen. Die Zeit ist knapp, dagegen haben wir noch viel arbeit mit Welschkornstrohfahren. Das Welschkorn selbst ist bereits heimgeführt. Der Ertrag ist groß. Vergangenes Jahr gab es viel, aber dieses Jahr noch viel mehr.

Mit der Aussaat des Winterweizens sind die Bauern fertig und die Frucht steht bereits schön auf dem Felde; auch an Regen hat es nicht gefehlt. Bei den Emmenthalern hats noch Leute, die noch nicht gedroschen haben. Sie haben das nun auch nicht mehr nöthig, denn die Frucht ist total verdorben durch die vielen Regenfälle.

Am 14. Oktober hatten wir etwas Schnee beim 1.05 Reaumur Kälte. Jetzt aber hatten wir seither, Gott sei Dank, immer schönes Wetter - ein Tag schöner als der andere - und von 12 bis 14 Reaumur Wärme. Viele Kinder laufen noch barfuß.

Am 30. September um acht Uhr abends versuchte ein gottvergessener Halunke bei Martin Weber alt in Kraßna durch das Fenster hindurch das Kind in der Wiege, einen Säugling von sechs Monates, durch einen Schuß zu ermorden. Der Schuß durchlöcherte die Wiege, doch blieb das unschuldige Kind durch Gottes Schutz unverletzt, erwachte nicht einmal aus seinem Schlummer, und schlief ruhig und sanft bis die Mutter es in die Arme nahm. Die Mutter stand etwa sieben Fuß von der Wiege entfernt und die Großmutter saß dicht an derselben, aus einem christlichen Handbuche lesend. Wie wunderbar unser Gott uns doch vor Missethaten böser Menschen bewahrt:

Was Gott dir giebt
Das wahr als Pfand
Von seiner Gnad und Treue
Und schling darum der Liebe Band
Mit jedem Tag auf's neue.
Und was er nimmt,
Das lass' ihm gern;
Es ist wohl aufgehoben.
Einst kommt die Zeit
Wo du den Herrn
Auch dafür lernest loben.

E t w a s v o m P r a h l h a n s

„Richte nicht, auf daß du nicht gerichtet werdest; verdamme nicht, auf daß du nicht verdammet werdest,“ spricht der Herr. Immerhin, wenn einer zwei Rubel für einen nimmt, so ist seine Heiligkeit nicht groß, spricht Hubertus.

Nun, Prahlhaus, erwäge, ehe du redest, ob Verleumdung oder Ehrabschneidung eine Todsünde ist.

Ich antworte ja,
1., wenn man ein Laster seinem Nebenmenschen beimißt, ohne es bestimmt zu wissen, oder wenn man seine wirklichen Fehler vergrößert.
2., wenn man des Nächsten Fehler ohne Noth offenbart und verbreitet. Das nennt man Ehrabschneidung, weil dadurch das Hauptgebot der Nächstenliebe übertreten wird.
Was du nicht willst, das man dir thu, das füg auch keinem Andern zu. Ehrabschneidung geschieht häufig aus Neid, Haß und Bosheit. Der hl. Barnabas sagt: „Ob Ehrabschneiden schlimmer ist, als den Ehrabschneider anhören, ist nicht leicht zu entscheiden. Wer solche Reden führt, dem sitzt der Teufel auf der Zunge; wer sie gerne anhört, dem sitzt der Teufel im Ohr.“

Wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß kommt. Erschrecklich ist was die hl. Väter lehren, nämlich daß der größte Theil der Menschen wegen Verleumdung und Ehrabschneiden verdammt werden. Behüte uns, o Jesus, daß wir nicht, durch Haß oder Mißgunst verblendet, unserem Nächsten durch üble Nachreden die Ehre abschneiden, und uns nicht der Gefahr dieser schweren Sünde aussetzen. Wird Jemandem die Ehre abgeschnitten, so tröste er sich, daß der gütige Gott solches zu seinem Besten schickt. Damit dir solches nicht zu schwer falle, richte deine Blicke auf die Heiligen, sowohl des alten als des neuen Testaments: Der Heilige Joseph mußte, als Ehebrecher angeklagt, unschuldig im Kerker liegen. Der sanftmüthige David wurde als ein blutdürstiger Mensch verschrien, der deswegen von Gott heimgesucht wurde. Die reine Susanna wurde als Ehebrecherin verklagt, gerichtet, und zum Tode verurtheilt. - Die Liebe zu Gott allein nur ist Leben. Kannst du dein Herz der Liebe weihen, so hat dir Gott genug gegeben. Die Heiligkeit des Prahlhans aber steckt lediglich im Gelde und deshalb nimmt er zwei Rubel für einen. Jesus Christus selbst, der heiligste der Heiligen, wurde als Gotteslästerer, der mit dem Teufel im Bunde stehe, verrufen, angeklagt, verurtheilt, und als ein Verführer des Volkes schmählich getödtet. O, du geduldiger Hubertus! Wenn ein Prahlhans alles erdenkliche Arge von dir sagte, so kann es dir nicht schaden. O, unschuldigster Jesu, der Du für einen Schlemmer und Säufer, für einen der mit dem Teufel zu thun hätte, für einen Gotteslästerer und Verführer des Volkes bist verschrien worden: ich ergebe mich Deinem göttlichen Willen. O, allmächtiger, gütiger Gott, der Du uns als Verwalter über Deine Güter gestellt hast: wir bitten Dich um die Gnade der wahren Versicht und geistlichen Klugheit. Wir bitten Dich, o Herr, Du wollest allen Reichen den Sinn und Willen geben, daß sie sich der Armen annehmen und gegen dieselben sich barmherzig erweisen. Nicht wie der stolze Prahlhaus, der zwei unverdiente Rubel für einem nimmt und sich gebärdet wie ein Wolf der die Schafe anfällt. - Verleihe auch allen Armen, o Herr, die Gnade, daß sie ihren Wohlthätern dankbar seien und durch ihr Gebet sich Wohnungen im Himmel erwerben mögen. O, du gottesfürchtiger, frommer und stolzer Prahlhans, betrachte zuvor das Gleichniß vom Pharisäer und Zöllner, und welcher von diesen Zweien gerechtfertigt nach Hause ging: der Gute und Fromme, oder der arme, reuige Sünder. - Wer sich selbst erhöhet, der soll erniedrigt, aber wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet werden. -

Wie steht es denn eigentlich mit meinem Freunde Michael Volk? Ich glaube gar, Michael, du bist nicht mehr Leser dieses lieben Blattes, denn man hört nichts mehr von dir. Hast du kein Geld mehr, das Blatt zu bezahlen? Nun, so gehe auf die Jagd und erlege wieder einen Wolf, damit du dir das Blatt wieder verschreiben kannst. Herzlichen Gruß an dich nebst Familie. Sei weniger schreibfaul, denn ich möchte bald wieder etwas von dir im Blatte sehen. Gruß auch an meine Schwester Theresia Kopp sammt Kindern. Nun, Joseph, nur immer fleißiger korrespondiren. Gruß auch an alle Mitarbeiter und Leser des werthen Blattes.

Achtungsvoll

Anton Gedak.