Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 20. Februar 1913

Film 11463, Vol. 7, No. 30, Page 2

Petrofka, Bessarabien December 31. 1912

Heute haben wir den letzten Tag im Jahre 1912, ein Tag, der sich von uns verabschiedet, wie das menschliche Leben von der Erde. Dieser Tag erinnert jeden Menschen an das was war, darum soll derselbe viel mehr in Acht genommen werden, als der erste im neuen Jahre. Hört man aber an diesem Tage die Stimmen der Menschen, so muß man glauben, der Tag habe gar keine Bedeutung, und alles was Leben hat, sehnt sich nach dem Tage des neuen Jahres. Ach, wie ist doch der Mensch so verkehrt in seinen Ansichten und achtet nicht das was beachtenswerth! Ich selbst achte diesen Tag hoch, weil Gott mir das Glück verliehen hat, ihn zu erleben. Wenn Gott will, und der Mensch sich seinen Verordnungen fügt, so könnte es manchem im künftigen Jahre wieder Freude bereiten, denn letzten Tag des kommenden Jahres zu erleben. Was uns der erste im kommenden Jahre bringt, das werden wir übernacht erfahren, was uns aber der letzte bringt, liegt noch weit in Dunkel gehüllt. Gewiß werden mir, wie auch manchem Anderen die Tage kommen, von denen wir sagen: die gefallen mir nicht. Bis jetzt ist es mir gelungen, geistige Frische, körperliche Rüstigkeit, und vor allen Dingen auch fröhliche Gemüthsstimmung, unter strenger Beachtung der von Gott gegebenen Naturgesetze, in den 55 Jahren meines Lebens zu bewahren. Lieber Leser, es hilft nichts, gegen die Gesetze der Natur zu arbeiten oder zu strampeln, die nun einmal der liebe Gott uns gegeben hat. Es giebt Leute, die gegen solche Gesetze strampeln und die die Schicksalschläge Gottes nicht ertragen wollen, aber, Mensch, sei so klug du willst, so wirst du der Hand Gottes doch nicht entgehen.

Ja, die Jahre rücken nach und nach heran und auf einmal bist du alt; die Haare werden weiß, die Zähne fallen aus und die Haut bekommt Runzeln. Ist mal diese Zeit da, dann magst du dir die weißen Haare einzeln ausrupfen, dieselben mit dieser oder jenen Salve, der heute von Haarkünstlern weit und breit verkauft wird, einreiben, magst sie schwarz, braun oder blau färben, eine noch so moderne Perrücke tragen, auch dir ein nagelneues Gebiß in den lückenhaften oder gar zahnlosen Mund setzen lassen, auch alle angepriesenen Mittel gebrauchen die Runzeln zu vertreiben: nichts wird es dir helfen; verlaß dich darauf! Jedes nachwachsende, wiederum graue oder weiße Haar ist ein neuer Faden zu deinem Leichentuch, jeder ausfallende Zahn ein morscher Stein, der aus deinem baufällig werdenden Leibeshause herausfällt, jede Runzel eine Leiste für die unausbleiblichen sechs Bretter und zwei Brettchen. Durch jedes schlaff oder matt gewordene Werkzeug deines Körpers spricht dann die Natur laut und deutlich:
„Denke an die Abreise, denn deines Bleibens auf Erden wird nicht lange mehr sein! Mach' Platz, lasse Andere her!“ - Aber nicht wahr, lieber Leser, der du auch etwa in den Fünfzigern stehst; aber doch nicht jetzt schon sterben? Das wäre zu früh! - Beachte aber, lieber Jahreskollege, daß wir auf der Stufe stehen, dem Körper nach Pflicht und Schuldigkeit sein Recht zu geben, denn es muß ihm werden, wenn man das Alter erreichen will, das Gott ihm bestimmt hat. In den Jahren von fünfzig und aufwärts muß dem Körper besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, wenn dem Körperbau nicht vorzeitiger Einsturz bereitet werden soll. In der Jungend, bei voller Manneskraft, schwätzt freilich gar Mancher davon, daß er gar nicht alt, wenigstens nicht zu alt, werden möchte. „Was thue ich mit ein paar Jahren mehr oder weniger, wenn die Sinne abgestumpft sind, kein Genuß mehr möglich ist?“ heißt es da. Aber dieselben Leute pfeifen eine ganz andere Melodie, wenn sie wirklich alt werden! Der liebe Gott hat nun einmal in jedes Menschenherz den Trieb der Selbsterhaltung gelegt und, je näher der Sensenmann mit seiner Hippe rückt, desto krampfhafter klammern dieselben Menschen sich an's Leben an, die dreißig Jahre vorher sehr wegwerfend vom langen Leben schwatzten. Je länger ein Mensch gelebt hat, desto mehr soll und kann er Einsicht, Verstand und Erfahrung sich erworben und gesammelt haben. Wohl mag es sein, daß Mancher Methusalem's Alter erreichte und doch an Erfahrung und Einsicht ein Kind blieb. Für solche ist jedes gesprochene oder geschriebene Wort vergebens. Aber eben der Verständige und Erfahrene, sobald er spürt, daß er bergabwärts geht, soll seine gewonnene Einsicht und Erfahrung dazu verwenden, daß die noch bleibende Reife seines Lebens nicht verschwendet wird, seine alten Tage sich nicht ohne Noth mühselig und schmerzlich gestalten, sondern daß er als ein guter und verständiger Wirth mit dem Rest seines Lebensvermögens so haushälterisch als möglich verfährt. Und dazu will ich, soweit meine Erfahrung reicht, einige Worte beitragen.

Bist du in den Fünfzigern, und hast du bis dahin deinem Körper noch nicht zu gefährliche Rippenstöße versetzt, dann kannst du gewiß nach den Gesetzen der Natur es so weit bringen, daß du den Tag erblickst, die Grenze erreichst, die Gott dir gesetzt und verliehen hat. Vielleicht aber werden nun Manche im Leserkreis des lieben Staats-Anzeiger ausrufen: „Was? Woher will wohl der leichtdenkende Herr Korrespondent ein Mittel erfunden haben, das menschliche Leben zu verlängern? Ein Lebenselexir wohl gar, oder gar eine Goldtinktur, mit denen im Mittelalter die Alchemisten die Leute betrogen? Gegen den Tod kein Kraut gewachsen ist!“ Ich antworte darauf aber mit der Schrift: „Niemand kann seiner Lebenslänge eine Elle zusetzen.“ Es giebt eben sowenig ein Mittel das menschliche Leben künstlich zu verlängern, als irgend Jemand durch irgend etwas im Stande ist, die Körperhöhe zu verlängern. Und doch giebt es ein Mittel, die Zahl der Jahre die Gott uns gegeben hat, zu erreichen, und in diesem Sinne eine Kunst, das menschliche Leben zu verlängern, eine Makrobiotik. Du wirst gleich merken, lieber Leser, wo ich hinaus will, und daß ich keine Medizin oder Arznei irgend einer Apotheke im Sinne habe. Jedes Kind weiß, daß man durch einen ausschweifenden, liederlichen, sittenlosen Lebenswandel, durch Unmäßigkeit, sein Leben verkürzen kann. Eben so kann doch auch Jeder begreifen, daß wir im Stande sind, durch verständige Lebensweise unser Leben bis zur äußersten Grenze der Lebenstage die uns zugemessen sind zu verlängern. Freilich, und das ist ein Hauptpunkt, kommt viel auf die Beschaffenheit des Leibes an der uns nach Gottes Rathschluß zu Theil geworden ist. Manche haben von Hause aus, als Familienerbtheil, einen eisenfesten Körper empfangen. Die Gesundheit, die dauerhafte Gesundheit, ist ihnen gleichsam angeboren. Sie werden fast nie krank und, wenn sie kein besonderer, tödtlicher Unglücksfall trifft, selbst bei wenig sorgsamer Pflege ihrer Gesundheit, steinalt. Sie behalten oft bis in's höchste Alter hinein die volle Schärfe ihrer Sinne; ihr Geist bleibt frisch, selbst ihre Körperkraft dauert weit hinein in die siebziger, wohl gar in die achtziger Jahre, zumal wenn ihre Lebensstellungen und Geschicke derartige sind, daß weder schwarze Sorgen noch nagender Kummer den Schlaf ihrer Nächten verscheuchen und ihren Körper schwächen. Ja, zuweilen erreichen solche Naturen selbst unter ärmlichen Lebensverhältnissen, selbst unter solchen welche erfahrungsgemäß die menschliche Gesundheit untergraben, bei guter Gesundheit ein hohes Alter. Ich weise zum Belege dafür auf manche alte Krieger hin, die viele und beschwerliche Feldzüge mitgemacht, Hunger und Durst, Hitze, Nässe und Kälte, Lagerfeuer und Spitäler ertragen haben, in späteren Jahren nicht überflüssig viel zu brocken und zu beißen hatten, und doch ein hohes Alter erreichten.

Ich will aber, da dieses Thema, es ganz zu erschöpfen, eine lange Abhandlung nöthig macht, hier abbrechen und dieselbe in Fortsetzungen bringen, und schließe für diesmal mit herzlichem Gruß an alle Leser des Staats-Anzeiger.

Romuald Dirk.