Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 13. März 1913

Film 3639, Vol. 7, No. 33, Page 2

Krassna, Bessarabien, Rußland
Januar 25. 1913

Ich möchte doch einmal ein paar Zeilen an den Staats-Anzeiger schreiben, damit meine Freunde sehen, dass ich noch unter den Lebenden weile.

Wir haben hier Gemeindeberathung über Schulangelegenheiten, denn wir wollen zu Ehren des 300 jährigen Jubiläums des Herrscherhauses Romonov und zum Nutzen unserer Kinder eine Schule mit sechs Abtheilungen bauen.

Gegenwärtig arbeitet man, wie wir vernehmen, im Ministerium daran uns Deutsche in Bessarabien gewissermassen zu enterben. Hoffen wir, dass es nicht so weit kommen möge.

Die neue Eisenbahnstrecke von Leipzig nach Akkermann, die für uns alle von so grossem Vortheil sein wird ist das Tagesgespräch. Mit dem Bau soll also im Frühjahr allen Ernstes begonnen werden.

(Hier folgt ein rein persönlich gehaltener Angriff, dem wir die Aufnahme in Blatte verweigern müssen. Red. Der Staats-Anzeiger.)

Viele meiner Freunde in der neuen Welt wollen immer wissen wie es diesem und jenem hier geht. Nun ich kann sagen, im Durchschnitt geht es allen gut und auch Herrn Anton Gedak, der viele Bekannte dort hat. Er macht noch immer seinen gewohnten Spaziergang wir früher, geht auch manchmal noch auf die Hasenjagd und schiesst sich einen Hasen.

Wir haben schon seit einer vollen Woche das schönste Frühlingswetter.

Herzlichen Gruss an Peter Löb und alle Freunde und Bekannte von

Peter Leintz


Film 11463, Vol. 7, No. 33, Page 2

Petrofka, Bessarabien Januar 5. 1913

Hiermit der geehrten Redaktion zur Nachricht, daß ich für die Zeit meines Umzuges alle Nummern des Blattes, 9 bis 20, richtig erhalten habe, wie auch den Regensburger Marienkalender auf 1913. Dafür bin ich der Redaktion zu Dank verpflichtet. Nun sind aber seit Empfang der Nummer 20 bereits drei Wochen verstrichen, ohne daß ich die folgenden Nummern empfing. Was das Hinderniß sein mag, weiß ich nicht, aber ich will nicht verzagen und in Geduld abwarten, was die Zeit mir bringen wird. Ich war schon im Begriff, dem Leserkreise des Staats-Anzeiger weitere reihefolgende Artikel zur Erbauung und Unterhaltung zu unterbreiten, aber ohne Empfang aller Nummern des lieben Blattes ist das eine schwierige Sache. Somit kann es passiren, daß in meinen Berichten eine Unterbrechung eintritt. (Die folgenden Nummern sind gewiß dem geehrten Herrn Korrespondenten richtig zu Händen gekommen, denn hier gingen sie regelmäßig ab. -Red. Staats-Anzeiger.) Die Witterung war den ganzen Dezember bis zum 25. mild, regnerisch und schmutzig, dann aber bekamen wir Frost und sogar strenge Kälte bis zum 1. Januar. Heute aber, den 5., regnet es wieder wie im Dezember.

Von Diebstählen hört man diesen Winter in unserem Kreise sehr wenig. Auch Unglücksfälle ereigneten sich nicht. Da ich somit für diesmal wenig zu berichten hätte, will ich nicht unterlassen, ein komisches Ereigniß zu berichten, welches sich in einer Schule zutrug.

Also: ein Herr Schulinspektor hatte die Schule zu X inspizirt und hielt eine Konferenz mit den Lehrern. Der gestrenge Herr Vorgesetzte äußerte sich lobend über die Leistungen der Schüler. „Aber,“ so sagte er hinzu, die Schule ist nicht nur dazu da, den Schülern Wissenschaften beizubringen, sondern sie soll die Knaben auch zu einer gefälligen Lebensart und zur Höflichkeit erziehen. Dazu gehört nun auch, daß sie es verstehen in angemessener Form Antwort zu geben. Es ist mir aufgefallen, daß die Antworten der Schüler ungelenk, ja geradezu unhöflich herauskommen. Sie gaben dem Fragenden, dem sie antworteten, nicht die diesem zukommende Anrede. So antwortete, zum Beispiel, der Schüler, den ich nach seinem Namen fragte, mit einem kurzen: Müller, statt höflich zu antworten: Müller, Herr Inspektor. Sorget also, meine Herren, dafür, daß wenigstens diese Höflichkeitsregel den Schülern fest eingeprägt wird.„

Ein Jahr später! - Der Herr Inspektor ist von neuem zur Inspektion erschienen und tritt in das Klassenzimmer, in welchem den Schülern soeben Religionsunterricht ertheilt wurde. Man war gerade beim Sündenfall. Der Herr Inspektor - als Mann der Praxis - griff unmittelbar in den Unterricht ein und nimmt dem Herrn Lehrer das Fragstellen ab. „Was sagte da Gott zur Schlange?“ so frug er den kleinen Müller, und prompt erfolgte die Antwort, eingedenk der strengen Instruktion: „Verflucht sollst du sein, Herr Inspektor.“

„Nein, nein, das meine ich nicht. Was sagte Gott der Herr noch weiter zur Schlange?“ Müller: „Ich werde dir den Kopf vertreten, Herr Inspektor.“ Inspektor: „Nun, Müller, lassen wir die Geschichte von der Schlange. Was sagte Gott zur Eva?“ Müller: „Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären, Herr Inspektor.“ Inspektor: „Das ist aber kurios, Müller. Die Geschichte kommt ja endlich so dick, daß man sie nicht mehr schlucken kann. Wollen der Sache ein Ende machen und an etwas anderes gehen, was nicht so tief in den Händen Gottes liegt.“ - -

Zum Schluß will ich mich meines alten Kollegen Anton Jochim errinern, der an mich die Frage richtete, warum ich den Lehrer-, Schreiber- und Küsterdienst aufgegeben habe. Diese Frage werde ich beantworten in meiner Lebensbeschreibung mit der ich auch mein Bild einsenden werde. Bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen, ein diesem Zwecke entsprechendes Bild zu erhalten. Ich werde mich aber bestreben, dem Staats-Anzeiger bald alles zu senden.

Mit herzlichem Gruß an die Redaktion und an den Leserkreis des Blattes allerseits, zeichnet

Achtungsvoll

Romuald Dirk.