Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 20. März 1913

Film 11463, Vol. 7, No. 34, Page 2

Petrofka, Bessarabien Februar 5. 1913

Im Anfang meiner Korrespondenz will ich noch einmal zurückblicken in den Oktobermonat vergangenen Jahres. Gewiß fiel es mir nicht leicht, der Redaktion zu schreiben, das liebe Blatt für mich zurückhalten bis zur Einsendung meiner neuen Adresse. Die Umzugszeit war mir schwer, aber ich trug alles mit Geduld. Kaum in Petrofka angekommen, meldete ich es der Redaktion und somit war der Schritt gethan, das Blatt wieder zu bekommen. Das ich noch lange würde warten müssen, war mir klar, denn nach Amerika ist's kein Husarensprung und ich rechnete mir aus, daß ich den Staats-Anzeiger erst nach Verlauf von acht Wochen erhalten könne. So lange ohne das Blatt zu sein, ist eine schwere Sache für mich und wohl auch für andere, die gewohnt sind, es regelmäßig zu lesen. Nicht nur konnte ich es nicht lesen sondern mußte auch das Korrespondiren einstellen. Zu allem Glück stellte mir ein Kollege in Mathildendorf, der gewesene Lehrer Herr Johannes Strehle, seinen Schatz an Zeitschriften zur Verfügung und somit hatte ich doch etwas Zeitvertreib. Somit wurde die Zeit mir nicht so lang und eines schönen Tages begrüßte mich auf der Postanstalt zu Petrofka wieder der liebe Staats-Anzeiger mit seinen ergötzlichen Neuigkeiten aus aller Welt. Es verstrichen aber einige Tage, bis ich mich wieder der Federfuchserei widmete und mich wieder mit einigen Abhandlungen in Reih und Glied wagte. Meine Freude war aber kurz, denn im Empfang des Blattes traten Unterbrechungen ein. Von der 20. Nummer an erhielt ich bis drei Wochen kein Blatt mehr. Das schien mir bedenklich und ich las wieder die mir von Herrn Kollegen Strehle zur Verfügung gestellten Zeitschriften, denkend, daß der Staats-Anzeiger mir wohl nicht mehr zugeht. Da, mit einem Male, pautz! Da ist wieder Nr. 24, in acht Tagen Nr. 25 und in wieder acht Tagen Nr. 26. Es ist ärgerlich, wenn man eine Zeitung liest und es kommen solche Unterbrechungen vor, umsomehr, wenn man in der nachfolgenden Nummern lesen muß daß diese und jene Korrespondenz im Blatte bereits veröffentlicht wurde. So ersah ich auch in Nummer 26 aus dem Bericht eines Korrespondenten, Herrn Jakob Sommerfeld's Lebenbeschreibung bereits im Blatte erschienen ist. (Nun, lieber Freund, die Schuld dieser Unterbrechungen im Empfang des Blattes kann aber uns nicht beigemessen werden, denn hier geht das Blatt regelmäßig wie Glockenschlag an Sie ab. Da die Adresse richtig ist, kann die Schuld nur der Postverwaltung beigemessen werden. Natürlich thut das uns sehr leid. Aus Ihrem Schreiben also ist ersichtlich, daß Ihnen die Nummern 21, 22 und 23 fehlen, und diese werden Ihnen sofort gesandt, falls die Auflage nicht vergriffen ist. Wir werden sofort den Versandt veranlassen. -Red. Staats-Anzeiger.)

Infolge dieser Unterbrechungen habe ich auch nicht regelmäßig Beiträge geliefert und bin sogar meinem Kollegen Anton Jochim noch die Antwort darauf schuldig, weshalb ich den Lehrerdienst aufgab. Ich beabsichtigte, darüber etwas in meiner Lebensbeschreibung zu berichten, die zu schreiben ich aber infolge der Störungen zauderte, aus Furcht, das Blatt könne mir nicht zugehen. Da sich die Zeit somit noch lange hinziehen könnte, und ich meinen alten Kollegen so lange nicht warten lassen will, und sich wohl auch der gesammte Leserkreis für diese meine Gründe interessiren dürfte, so will ich den Pegasus besteigen und diese in kleinen Verschen geben. Also:

Auf diesem weiten Erdenrund
Wer ist geplagter als ein Hund?
Es scheint nunmehr ausgemacht zu sein:
Das arme Dorfschulmeisterlein!
Wenn's liebevoll die Kinder lehrt,
Und keines es deswegen ehrt,
Dann mag der Kukuk es wohl sein:
Ein armes Dorfschulmeisterlein!
Schlägt es geschwungner Weis' das Kind,
Weil's ungezogner als ein Kind,
So legt's die größte Feindschaft ein,
Das arme Dorfschulmeisterlein!
Giebt es im Dorf nicht jedem Lümmel
Die Ehre bis zum blaues Himmel,
Gleich schreit ein solcher wie ein Schwein
Auf's arme Dorfschulmeisterlein!
Kommt's auch einmal zum Hochzeitsschmaus,
So heißt's, wenn's kaum zur Thür hinaus;
Es frißt, es sauft, und steckt auch ein
Das arme Dorfschulmeisterlein.
Und wenn am Morgen, Mittag, Abend
Die Glocke es nicht pünktlich schlaget,
So schimpft der Schulz und die Gemein
Auf's arme Dorfschulmeisterlein.
Der Pfarrer auch macht es zu bunt
Und quält es fast wie einen Hund,
Jedoch, es muß gehorsam sein
Das arme Dorfschulmeisterlein.
Pariret nicht die Kirchenuhr,
Verfehlet sich der Zeiger nur,
Der Pfarrer wettert gleich darein
Auf's arme Dorfschulmeisterlein.
Wenn's Mittags keine Schule hält,
Geht's mit der Hacke über's Feld
Und hackt - weil der Gehalt zu klein
Dem armen Dorfschulmeisterlein.
Kommt's abends müd und matt vom Feld,
Und hat einmal ein Stückchen Geld,
So trinkt's beim Wirth ein Gläschen Wein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.
Und wenn es dann einmal geschieht,
Daß es, wie Noah, sich versieht,
So will es ihm kein Mensch verzeihn,
Dem armen Dorfschulmeisterlein.
In diesem Zirkel dreht es sich
Das ganze Jahr gar kümmerlich-
Schimpft Pfarrer, Schulz und die Gemein
Auf's arme Dorfschulmeisterlein.
Doch ist ihm dann der Trost bescheert,
Daß seine Noth nicht lange währt;
Ach Gott, im Grab wie wohl wird sein
Dem armen Dorfschulmeisterlein.
Zum Glück steht ihm die Freiheit dar
Sein klein Gehalt verlangen baar,
Und dreht den Rücken der Gemein
Das arme Dorfschulmeisterlein.
Will es nicht bleiben unterthan,
Dann tret es je vor wie ein Hahn
Und sing ein Liedchen grell und fein
Das arme Dorfschulmeisterlein.
„Ade, ihr Quäler, allzugleich;
Ihr seid mir alle gar zu feig.
Ich halt nicht länger aus die Pein
Als armes Dorfschulmeisterlein!“ -

Solche und dergleichen Verschen, mein lieber Kollege Anton Jochim, Freund Jakob Sommerfeld, und geehrte Staats-Anzeiger-Leser insgesammt, könnte so ein armes Dorfschulmeisterlein noch hunderte mehr dichten. Dann käme es aber nicht heraus, wie manchmal die Bauern sagen: „Der verdient sein Gehalt mit Zigarrenrauchen,“ sondern man müßte eher sagen: „Der verdient seine drei Kopeken im Stapellaufen.“

Von Schulmeisterei und Sauferei ist noch Keiner reich geworden. Ich finde deshalb, daß man solche Dinge nur in der Jugend thut, so lange man blind und unerfahren ist. Kommt das Alter, gehen einem schon die Augen auf, und dann sieht man gewöhnlich erst, daß man sich in ein Kamelsjoch begeben hat. Ist es dann noch möglich, ein Loch zum Herausschlüpfen zu finden, so ist man gerettet und steht in der Freiheit, nach welcher nicht nur einzelne Sklaven, sondern die gesammte Menschheit auf dem Erdenrunde streben.

Die Witterung war bei uns und wie ich aus Korrespondenzen im lieben Blatte ersah, auch in anderen Gegenden, regnerisch und schmutzig. Vom 2. Februar an aber fing der Winter hier an sein Recht noch zu zeigen, nämlich am 2. Februar mit 12 Grad unter Null, am 3. und 4. sogar 14 Grad unter Null. Aber heute haben wir noch 6 Grad unter Null, und der rauhe Bursche wird bald sein Regiment abtreten müssen, denn die liebe Frau Sonne macht ihm schon viel zu schaffen, und einer Frau muß man ja fast immer nachgehen.

Wer im Leserkreis des lieben Blattes in Amerika kann mir mittheilen, wo sich Mathias Nagel, Mathias Winter, Joseph Hintz, Maximilian Winter, Philipp Nagel, Daniel Dirk, Jakob Kopp und Anton Dirk, alle aus der alten Heimathkolonie Kraßna stammend, jetzt in der neuen Welt aufhalten? Gerne möchte ich diesen Herren als guten alten Kollegen aus der alten Heimath ein „Wachet auf!“ zurufen und weiter, „Greifet in die Tasche nach $1.50 oder $2, und sendet es dem Staats-Anzeiger nach Bismarck in Nord-Dakota zu und die Redaktion dieses trefflichen Blattes wird euch für diese paar Cents ein frohes, heiteres Leben für Alt und Jung bereiten.“

Herzlich grüße ich meine Schwiegersöhne Ignatz Groß und Eduard Richter nebst Frauen in Morton County Nord-Dakota, sowie auch den ganzen Leserkreis.

Achtungsvoll Romuald Dirk.