Film 3639, Vol. 7, No. 52, Page 2
Makarofka [Rußland] Juni 11. 1913
Ach, wie erschrak ich, als ich in der Frühe am 11. Juni erwachte und das Rauschen eines gewaltigen Regens hörte, da ich doch am Tage vorher 100 Menschen bestellte den Raps zu rupfen! Was wird werden, wenn der Regen ein paar Tage anhalten sollte? - Nun ist es 12 Uhr mittags und noch immer gießt es in strömen.
Bis dato hat die Oekonomie Makarofka eine Auslage von 15.000 Rubel, die bis zum Ende des Jahres wohl auf 35.000 Rubel steigen wird. Diese Summe und noch viel mehr soll auch wieder vereinnahmt werden. Wie es werden wird, ist vor der Hand noch nicht abzusehen, obschon die Aussichten gut sind. Aber, was kann in der Zwischenzeit noch alles sich zutragen? Die Haare sträuben sich nur, wenn ich auf den Regen schaue. Der Gerste droht keine Gefahr, aber dem Raps und Winterweizen, der sich etwas gelegt hat und sich hoffentlich, wenn nicht ganz, doch einigermaßen wieder erheben wird. Im Mai hatten wir zweimal gute Regen, der ganz in Zeit kam, aber leider von starkem Sturm begleitet war. Ich schreibe und schaue ab und zu zum Fenster hinaus, aber der Regen will nicht nachlassen.
Aus dem südlichen Bessarabien kann ich jetzt nicht berichten, da ich längst schon dasselbe verlassen habe. Frau und Kinder schreiben mir aus dem Süden daß bei ihnen noch alles gesund ist und Tochter Antonia aus Tarutino war und ist noch, glaube ich, bei Mutter und Geschwistern auf Besuch. Das Getreide soll auch dort gut stehen. Mitte des Sommers gedenke ich auf einige Tage Frau und Kinder zu besuchen um nachzusehen wie es ihnen ergeht. Ich hoffe auch bald einen Brief von meinen Kindern aus Amerika zu erhalten, da ich ihnen meine Adresse ja durch das Blatt übermittelte. Vielleicht giebt mir einer aus dem Leserkreis die Adresse meines Schwagers Georg Mastio, dessen Adresse mir schon einmal im Blatte gemeldet wurde, doch habe ich sie leider durch das viele Umziehen verlegt. Mit diesem steht es, scheint's, auch wie mit Bruder Jakob, denn meine Adresse haben sie ja fast wöchentlich im Blatte, wenn sie schreiben wollten.
So lange ich näher bei Krasna war interessirten mich die Berichte des E Bauer nicht besonders, denn ich hörte da immer wie es steht; da ich nun aber weit von Krasna entfernt bin, suche ich immer eifrig im Blatte nach seinen Berichten. (Nun, E Bauer schreibt recht fleißig; auch in dieser Nummer ist wieder eine Korrespondenz von ihm zu finden. -Red. Staats-Anzeiger.)
Gruß zum Schluß an meinen alten Kollegen Anton Jochim, an Jakob Sommerfeld, an meine Kinder in Nord Dakota und an alle Leser des lieben Blattes.
Romuald Dirk.
Film 3639, Vol. 7, No. 52, Page 2
Krasna, Bessarabien, Rußland
Juni 12. 1913
Lieber Herr Redakteur!
Ich danke euch vielmals für euere Zeitung. Durch euere Zeitung bin ich schon so weit gekommen daß ich heute auch etwas weiß wie es in der Welt zugeht und ich habe jetzt schon mehr im Kopf als ich voriges Jahr hatte. Jetzt wunder ich mich nunmehr daß von meine Bekannte in Amerika schon so viel in der Zeitung schreiben. Da kommt es so heraus wie wir sagen, „Prakteziert is lieber studiert.“ Hätte ich schon so lange wie die dort die Zeitung gelesen, dann würde ich auch schon hochdeutsch schreiben, und ich meine, daß wenn es darauf komme, könnte ich auch schon hochdeutsch schreiben. Ich will diese Woche mich mal daran befleißigen und, zum ersten Mal, werde ich einen kleinen Artikel auf hochdeutsch schreiben. Wenn es gut herauskommt dann will ich auch einmal die Feder fliegen lassen und will mir dann auch den Staats-Anzeiger bestellen, aber erst später, bis ich mal ein bisschen Geld mache von der Frucht. Die Frucht steht ja bei uns gut. Jetzt ist es mir schon immer im Kopf herum gegangen: du sollst einmal hochdeutsch schreiben um zu sehen ob der Herr Redaktion es auch annehmen würde, aber ich schäme mich noch immer, weil ich noch können Fehler machen, und dann würde die Amerikaner dort lachen. Mein Sinn war, daß ich einmal so anfangen wollte: Geehrtster Herr Redaktionär: Da ich auch schon weiß etwas hochdeutsch schreiben, so will ich einmal zur Probe einen kleinen Artikel schreiben. Als ich aber den Artikel anfangen wollte bin ich stehen geblieben wie der Ochse am Bach. Ich denke aber, daß wenn ich eine Woche vornehme, dann bring ich doch einen fertig. Ich habe mich schon den Gedak angesehen; dem fliegt die Feder wie der Teufel. Ich habe jedesmal gedacht, wenn ich so schreiben könnte dann müßte der Teufel alles holen [?]. Ich werde ihm nächste Woche ein Stück Hochdeutsch schreiben und werde es dann schicken, aber ohne Name sodaß die Leute in Amerika nicht lachen können, und wann es dann kommt, dann werde ich sehen wie es aussieht. Wenn es gut ist, dann schreib ich nunmehr namenlos; ich schreibe dann wie alle Leute und schreibe dann auch mein Name darunter. (Nun, das mag der Herr Bauer halten wie er will, aber wir geben ihm die Versicherung, dass auch seine Artikel in deutsch-russischer Mundart gerne gelesen werden. -Red. Staats-Anzeiger.) Mit dem Name habe ich Angst, aber mit der Wahrheit kann ich überall durchkommen, und wer dann etwas hat, der kann mich dann verklagen.
Jetzt, lieber Komerade Niklos Kahl, jetz stell ich mich mit dir und schreibe bald ins Glätte. Wann ich mir die Zeitung dann verschreib und schreib auch mein Name darunter, dann kommst du doch nicht dahinter ob ich früher so namenlos geschrieben habe. Ich bestelle mir die Zeitung wenn sich andere bestellen, aber später schreib ich dir es im Briefe. Du möchtest jetzt ein Briefe von mir und ich schreibte dir auch, aber ich traue dir nicht, du könntest in der Zeitung rutschen [?]. Jetzt zum letzten Male, nochmals ein herzlicher Gruß an dich und an alle Kraßner in der neuen Welt.
E Bauer.
—————— Dialekttext —————–
Ich dank eich vielmol vor eier Zeitung. Duch eier Zeitung bin ich schun so weit kumm daß ich heit auch was weß wies in der Welt zugeht un hann jetzt schun meh im Kopp wie ich vormjohr gehatt henn. Jetz wunner ich mich nimmi daß vun meine Bekannte in Amerika schun so viel in dr Zeitung schreiwe. Do kummt's so raus wie mer als saht: Prakteziert is liewer studiert. Wann ich schun so lang die Zeitung lese dät wie die dort dann dät ich ach schun hochdeitsch schreiwe, un ich meen wanns druf ankumme dät, meen ich, kennt ich ach schun hochdeitsch schreiwe. Ich will die Wuch mich mol dran hucke un vors erschte e kleener Artikel uf hochdeitsch schreiwe. Wanns gut rauskummt dann will ich ach emol die Feder fliege lasse un will mer dann ach de Staats-Anzeiger beschtelle, awer erst später, bis ich mol bische Geld mach vor Frucht. Die Frucht steht jo bei uns gut. Jetz is mers schun immer in Kopp rum gang du selscht emol hochdeitsch schreiwe ob der Herr Redationär's ach annemme dät, awer ich scham mich noch ich kennt noch Fehler mache un dann däte de Amerikaner dort lache. Mei Sinn war ich wollt mol so anfange: Geehrtester Herr Redaktionär: Da ich auch schon weiß etwas hochdeutsch schreiben, so will ich einmal zur Probe einen kleinen Artikel schreiben. Wie ich awer de Artikel anfange wollt dann hann ich gestann wie dr Ocks am Berch. Ich denk awer wann ich e Wuch vornemm dann bring ich doch ener fertig. Der Gedak dem hann ich schun zukuckt, dem flieht de Fedder wie dr Deuwel, dann hann ich jedesmol gedacht wann ich so schreiwe kennt wie dat dann müßt dr Deuwel alle hole. Ich wer mol de anner Wuch e stück hochdeitsch schreiwe un wers dann schicke, awer ohne Nam, daß die in Amerika nit lach könne un wanns dann kummt dann wer ich sihn wies is. Wanns gut is dann schreib ich ach nimi prost, dann schreib ich ach wie alle Leit und schreib dann ach mei Name drunner. (Nun, das mag der Herr Bauer halten wie er will, aber wir geben ihm die Versicherung, daß auch seine Artikel in deutschrussischer Mundart gerne gelesen werden. -Red. Staats-Anzeiger.) Mit dem Name hann ich Angscht, awer mit dr Wohrheit kann ich iewerall dorchkomme, un wer dann was hat der mich dan verklan.
Jetz, liewer Kumerad Niklos Kahl, jetz stell ich mich mit dir im schreiwe ball ins Glitt. Wann ich mer de Zeitung dann verschreib un schreib ach mei Name unner, dann kummsch doch nitt derhinner ob ich friehr so prost geschrieb hann; ich bestell mer de Zeitung so drunnerin wann sich annre beschtelle, awer später schreib ich dirs im Brief. Du möscht jetz e Brief vun mir und ich dät dir ach schreiwe, awer ich trau dr nitt, du kenschts in dr Zeitung retsche. Jetz vors letschte mol nochmol e herzlicher Gruß an dich und an alle Kraßner in dr neie Welt.
E Bauer.