Film 3639, Vol. 8, No. 01, Page 2
Krasna, Bessarabien, Rußland Juni 16. 1913
So wie ich versprochen habe in meiner letzten Korrespondenz auch in hochdeutscher Sprache zu schreiben, so will ich heute den ersten Versuch machen, wie es auch gehen wird. Es hat mir schon schwer gefallen in der Muttersprache zu schreiben weil einem durch das viele lesen in der Zeitung das hochdeutsch schon vorstoßt. Ich hätte schon lange angefangen hochdeutsch zu schreiben, aber wann ich anfangen wollte dann hat mir das Herz gepocht und gezittert. Jetzt aber habe ich gedacht: frisch gewagt ist halb gewonnen, und schreibe mal hochdeutsch. Es werden sich wohl hie und da noch Wörter von der Bauersprach hineinmischen, aber die könnten sich mit der Zeit verlieren wie das Schaf die Woll.
Also, meine Herrn Kameraden in Amerika, nun will ich auch einmal schreiben wie man eigentlich in der Zeitung schreiben muß. Bis daher habe ich geschrieben und habe es dann mal durchgelesen und der Vers hat mir dann so gefallen daß ich lachen mußte weil ich durch das Zeitungslese in einem Jahr hochdeutsch schreiben kann. Die Zeitung ist doch nichts dummes, wann ich das früher gewußt hätte, daß man durch das Zeitungslese sich so heraus bilden kann, dann wäre ich klüger gewesen, dann hätte ich erst ein Jahr Zeitung gelesen und die Leute nicht erst klar gemacht mit der dummen Bauersprach daß ich nichts verstanden habe, dann hätte ich es so gemacht wie mein Kamerad Kahl: wann schreiben, dann gleich hochdeutsch.
Gewiß wahr, mein Artikel gefällt mir für den Anfang in hochdeutscher Sprache und schäme mich jetzt ganz weil ich immer in der dummen Bauernsprach geschrieben habe. Jetzt will ich mal schauen - so sagen die hochen Herrn - wie es weiter herauskommen wird. Kamerad Kahl! Wann ich mal ganz fix und fertig bin im hochdeutsch schreiben, dann bekommt die Redaktion Arbeit, dann will ich mal Rundschreiben halten über die Wahrheit und Unwahrheit, dann, so denke ich, werden mal die Heuchler, die wo einem immer so süß wie Honig vorsprechen, und wie eine Katze vornherein lachen und hinten kratzen, mal horchen was sich in Wahrheit und Unwahrheit auseinandersetzt. Die Leutchen sind heutzutage an die Unwahrheit gewöhnt als sei es Wahrheit, weil sie von Kindheit von der Wahrheit nichts mehr von ihren Eltern lernen. Halt, ihr meine Füchschen der Unwahrheit: ich habe es gepackt und wie länger ich schreibe wie besser die Feder rutscht.
Jetzt will ich mal mehr über diese schreiben die die schönen immer sein wollen und ihr Gläschen in den Schenken in Anschrekak immer in der verstohlenen Winkel leeren, damit es keiner sagen kann daß sie auch saufen wie die Bürstenbinder. Wenn dann so einer es auf dem Zug hat sich verstohlener Weise in solchen Schenkwinkel hineinzuschleichen, so schaut er sich unter größter Vorsicht erst zehnmal über die Schultern damit ihn ja niemand bemerken soll, daß ihm das Herzchen nach dem sanften Traubensaft oder nach dem erquickenden Kornöl schmachtet. Wann er sich dann herausgeschlichen hat und begegnet dann auf dem Markt einem seiner Dorfsleute, dann wischt er sich die Stirn ab von dem Schweiß wo ihm die wirkenden Getränke durch die Haut preßt und seufzet auf als habe er sich schon so matt gelaufen, und sagt, ach, man muß gehen und mal essen, ich habe heute noch nichts über die Lippen gebracht. Macht dann, wie es sich öfters auf dem Märkten trifft, der Begegner ihm eine Einladung zu einem Gläschen Rebensaft oder Kornöl, so wehrt er mit beiden Händen und sagt: ach nein, ehe ich nicht gegessen habe kann ich so etwas nicht, und auch zusagen, bin ich zu diesem kein Liebhaber. Nun wart, Füchschen, wenn du mir mal auf dem Markt wieder solche blinde Mäuse vormachen wirst, dann habe ich dich schon auf der List und du spazierst unter meiner Feder dahin wo ich dir sagen werde wie vielmal du dir in den Hinterwinkel das brennende Herz schon abgekühlt hast ehe du essen gegangen bist. Am Arziser Markt begegnete mir auch so ein Wundermann mit ähnlichen Geschicklichkeiten, will ihn aber gerade zu ersten Male in der hochdeutschen Abhandlung nochmal gehen lassen, aber das andermal geht er mir nicht mehr durch.
In höchster Höflichkeit zum Schluß lieber Kamerad an dich, deine Frau und Kinder, wie auch dem Leserkreis einen herzlichen Gruß.
Ein Bauer.
Film 3639, Vol. 8, No. 01, Page 2
Schon wieder war ich nahe daran zu glauben, daß man mich wieder um eine Nummer des Staats-Anzeigers gebracht hatte, aber das Wetter wechselte sich unter der Thüre, denn gerade als ich mir Gedanken darüber machte wie es komme, daß die Reihe im Zahnausbrechen der Nummern so oft an mir ist, klingelte das Telephon. Ich sprang auf, ergriff das Sprachrohr und sagte Makarofka. Da war die Antwort: Es ist für Sie eine Zeitschrift auf der Postanstalt Sguriza. Ich stattete der Telephonistin meinen Dank ab und versprach ihr gleich einen Extraboten darnach zu schicken. Dann ging ich unter die Thüre und befahl meinem Kutscher, auf dem Reitwagen nach Sguriza zu fahren und meine Zeitung zu holen. Es dauerte eine halbe Stunde, da brachte er Nummer 45 und ich hatte beim Erhalten des Blattes auch gleich die Augen auf Canada, von wo mein alter Kollege Anton Jochim eine Beschreibung über ein Abenteuer mit einem Naturgläuber beschreibt. Ich meine, lieber Kollege, jener Mann könnte ein Kollege eines Professors gewesen sein, der da bestrebt war seine Zöglinge auf den Glauben zu bringen, daß der Mensch keine Seele habe. Da aber die Zöglinge ihm wenig Glauben schenkten und ihn auf ihren Beichtvater verwiesen, der ihnen faktische Beweise geliefert, daß der Mensch doch eine Seele habe, so wurde der Herr Professor so in die Hitze getrieben, daß er vor den Zöglingen den Beichtvater als eine Pelzkappe darstellte und bat sie, den Beichtvater von ihm grüßen zu wollen und, wenn er ihnen (den Zöglingen) eine Reihe gründlicher Beweise aus seiner Schatzkammer von Büchern und Schriften liefere, so möge er auch des Professors Vorschlag hören, nämlich,: wenn euer Seelsorger mir aus einem geschlachteten Menschen ein Stückchen Seele zeigt, bin ich auch bereit ihm Glauben zu schenken. - Die Zöglinge übermittelten ihrem Seelsorger des Professors Auftrag, worauf der Herr Pfarrer dem Herrn Professor durch die Zöglinge eine Besuchseinladung übermittelte, welche der Herr Professor höflichst annahm. Also machte der Herr Professor dem Herrn Pfarrer bald den erbetenen Besuch. Dabei verhandelten beide Herren den wichtigen Streitpunkt und der Herr Professor machte diesmal persönlich dem Pfarrer den Vorschlag, ihm aus einem geschlachteten Menschen ein Stück Seele zu zeigen, dann wolle er ihm beistimmen und glauben, daß der Mensch eine Seele habe. Der Pfarrer betrachtete sich den Professor und sagte dann kurz: Herr Professor, haben sie Verstand? Schlachten Sie mir einen Menschen und zeigen Sie mir aus demselben ein Stückchen Verstand, so will ich glauben, daß auch Sie Verstand haben mit Zöglingen über eine so wichtige Sache zu sprechen: widrigenfalls aber bleibe ich dabei und betrachte Sie als eine Zipfelmütze die von solchen Dingen nichts versteht. - Der Herr Professor hatte nichts mehr zu sagen, zog sich mit abgeschnittenen Hosen zurück, und berührte weiterhin mit seinen Zöglingen nicht mehr Sachen welche das menschliche Auge nicht sehen kann. - Solche Herren, lieber Kollege, sind alles Menschen, die ja suchen wo sie nichts verloren haben. –
Ueber das in der Vorhälfte des Juni herrschende Wetter will ich bemerken, daß die ersten Tage noch trocken waren, aber seit dem 5. Juni gehen bei uns große Regengüsse nieder. Wir stehen mit manchen Sorten Getreide bereits in der Ernte, welche durch regnerische Witterung sehr behindert wird. Aber: Hoffnung läßt ja nicht zu schanden werden! Darum tragen wir in Geduld und dann wird nach dem Schlimmen auch das Gute kommen.
Gerade als ich diese Zeilen schrieb, erhielt ich Nachricht, daß der Dekonomiedamm bei Makorofka infolge eines Gußregens so anschwoll, daß er auf der rechten Seite durchbrach. Obschon auf der linken Seite die Wassermühle sich befindet und dem Wasser vollkommen Ablauf gewährt, war der Wasser andrang dermaßen groß, daß der Ablauf es nicht erzwingen konnte. Gruß an meinen alten Kollegen Anton Jochim, wie auch an Herrn Jakob Sommerfeld und an andere Mitarbeiter und besonders an meine Kinder in Nord-Dakota.
Romuald Dirk