Film 3639, Vol. 8, No. 13, Page 2
Krasna, Bessarabien September 12. 1913
Aber siehe einmal Mensch her, was sich in der Welt nicht alles machen kann! Ich dachte immer, daß meinen Gekritzel im Staats-Anzeiger von die Leser ganz wenig oder garnicht angeschaut werde, aber wie ich sehe, so laut das ganz anders.
Vorige Woche habe ich von die Leute murmeln gehört, daß im Staats-Anzeiger jetzt noch ein andere Bauer schreibte, der sich aber ein wenig anders unterschreibte. Als ich das hörte, da hat es mich im Kopf gekribbelt, und ich bin dann gleich ins Dorf gegangen und wollte doch mal horchen, was das für ein Bauer sei und wie er sich anders unterschreibe. Ich ging von einem zum anderen und habe davon hie und da etwas gehört, aber keiner hatte den Artikel selber gelesen. Weil ich aber neugierig war zu erfahren was da für einen aufgestand sein sollte, der auch im Staats-Anzeiger schreibte, ging ich in die Schenke, um vielleicht dort etwas gewisses zu hören. Richtig, als ich in die Schenke kam hatte etliche Männer das Blatt vor sich gehabt, und lachte darüber, daß der zweite Zeitungsschreiber sich „aach e Bauer“ unterschrieben hat. Einer von denen Männer sagte: „Der zweite reibt jetzt dem erste die Nase, und wie der Erste dann dem die Nase reiben wird, das wird nachkommen in die andere Blätter.“ Als ich das hörte, habe ich es beinahe nicht ausgehalten bis die Männer das Blatt weggelegt hatte und noch ein Glas Wein getrunken hatte. Dann habe ich mir das Blatt genommen und habe Herr „Aach e Bauers“ Artikel durchgelesen. Dann konnte ich sehen, daß mein Artikel, den ich früher geschrieben hatte, denen „aach e Bauer“ außerordentlich geärgert hatte, doch war das wohl die Sache weil er zu arg mit der Wahrheit getroffen war. Ich hatte aber denen Mann doch nicht mit Name genennt. Wie konnte sich dann einer so ärgerlich anziehen was ich geschrieben habe - doch weil es wahr ist.
Ich habe gedenkt: Was ich schreibe, das schreibe ich so, daß niemand wissen kann woher und von wem es geschrieben war. Wie ich aber sehen kann, gibt sich bald einer selber heraus. Ich denke, wann der Herr „aach e Bauer“ noch ein Artikel schreibt, dann können wir die erste Buschtabe von seinen Name und Familie sehen, und wenn er noch einer schreibt dann schon die ganze Name und Familie. Ich weiß nicht warum mein Schreiben dem Herr „Aach e Bauer“ so arg schindet. Ich hätte gar nicht gedenkt, daß einer geschindet würde, weil bei uns Männer ist das schon etwas altes. Wann wir Männer abends vor der Mauer liegen, dann wird so etwas viel durchgeschafft, und dann hören wir, zu dem alte, immer noch etwas neues, und endlich muß ich mit meinem Nachbar wieder dorfwach gehen, dann siehen wir und hören mal was wieder, und so häuft es sich zusammen bis es ein Artikelchen gibt, welches ich dann an den Staats-Anzeiger schicke, sodaß unser alte Kameraden sich doch vorstellen können, wie wir uns da immer noch der alte Gewohnheit leben. Ich weiß nicht, soll dann der „Aach e Bauer“ nicht auch schon abends bei die Männer vor der Mauer gewesen sein? Ich glaube aber nicht, sonst passt ihm das Gespräch nicht, und dann sagte er: „Sie sind all aus dem Narrenhaus gesprungen.“ Siehe, ihr liebe Landsleute in Amerika, so geht es immer wie es früher ging. Nun, es ist wahr, wir schaffen dingen die manche Leute, die etwas angeht, ärgern, daß sie an der Herzwurzel greift. Der „Herr Aach e Bauer“ ist in seinem Schreiben nicht ungeschickt; wenn er in allem so gewitzt ist, ist er ein Molodez. Wann ein Bauer mal so weit ist, daß er sein Artikel mit Name aufschwänzt, dann steckt etwas schon in solche einem Bäuerchen. Dann kann er bald sagen: Herr was bin ich, Herr was kann ich nicht noch werden! - Da, lieber Kamerad, helfen die Reime nichts. Da heißt es: wann wir abends bei den Männer vor der Mauer ausgemacht haben, dann gehen wir heim bei das Weib und schlafen, und dann können sie in der Zeitung schreiben so viel wie sie willen; das schindet ihm dann gar nicht. Folgt mal meinem Rath, lieber Kamerad „Aach e Bauer,“ ihr werd sehen, daß es besser wird.
Ein schöner Gruß an alle meine Kameraden in Amerika und an den Leserkreis.
E. Bauer.
Dialekttext
Awer guck mol e Mensch her was sich in dr Welt nitt alles mache kann! Ich hann immer gedenkt daß mei Gekritzel im Staats-Anzeiger vun de Leser ganz wenig oder garnitt angeguckt werd, awer wie ich siehn so laut das ganz annerscht.
Die Wuch doher hann ich vun de Leit höre murmle daß im Staats-Anzeiger jetzt noch e Bauer schreiwe dät sich awer e bische annerscht unnerschreiwe. Wie ich das gehört hann dann hat mers gekriwelt im Kobb un bin dann gleich ins Dorf gang un wollt doch mol horche was das for e Bauer is un wie der sich annerscht unnerschreiwt. Ich bin vun eem zum annre, hann do drvun hie und da was ghört, awer kener hat den Artikel selwer nitt geles gehat. Weil ich awer neischierig war was do for ener uffgestann soll sinn wo aach im Staats-Anzeiger schreiwe thut, dann bin ich aach in die Schenk gang, vleicht könnt mer dort was gewisses höre. Richtig, wie ich in die Schenk kumm sinn dann hann grad etliche Männer das Blaat vorgehatt un hann gelacht daß der zweite Zeitungschreiwer sich „aach e Bauer“ unnerschreiwe thut. Wie awer ener vun dene Männer gesaat hat: „Der zwete reibt jetzt dem erschte die Nas, un wie der erschte dann demm die Nas reiwe werd, das werd so noch nochkumme in de annere Blätter.“ Wie ich dann das gehört hann dann hann ichs beino nimmi ausgehall bis die Männer das Blaat wechgelet gehat hann un hann wieder ihr Glas Wein getrunk, dann hann ich mer das Blatt genomme un hann dem Herr „Aach e Bauer“ sei Artikel durgeles un hann dann siehn kenne daß mei Artikel wo ich friehr geschrieb hann denn „Aach e Bauer“ dunnerwettrisch geärchert hann, doch woll weilr zu arich getroff war mit dr Wohrheit. Ich hann awer dene Mann doch mit Name nitt genennt, wie kann sich denn ener das was ich geschrieb hann, so ärcherlich an ziehn doch woll weils wohr is.
Ich hann gedenkt ich will das was ich geschrieb hann so schreiwe daß's nitt e jeder wisse soll wer un wo das war, awer wie ich siehn kann, so gebt sich schun ener ball selwer raus. Ich denk wann der Herr „Aach e Bauer“ noch e Artikel schreibt dann kann mer ihm schun die voderschte Buchstawe vun sein Name un Familje sahn un wann er noch ener schreibt dann schun de ganze Name un Familje. Ich wes nitt warum der Herr „Aach e Bauer“ mei Geschreibs so arich hinnere thut, do hett ich gar nitt dran gedenkt daß das ener hinnert weil das bei uns Männer schun ganz was altes is. Wann mir Männer oweds so bei em vor dr Mauer leie dann werd so was viel durchgeschafft und dann hört mer zu dem alte als immer noch was neies, un endlich muß ich als mit meim Nochber wider dorfwach gehn dann siet mer un hört als mol wider was un so häuft sichs zamme bis's e Artikelche gebt un das schick ich dann an de Staats-Anzeiger, daß doch unser alte Kumerade sich vorstelln könne wie mir sich do immer noch dr alt Gewohnheit lewe. Ich wes nitt, soll dann der „Aach e Bauer“ nitt aach schun oweds bei de Männer vor dr Mauer bei so was drbei gewehn sinn? Awer ich glaab nitt, sunscht das Gespräch dät ihm nitt basse un dät dann sahn: „die sinn all außen Narrhaus gesprung.“ Guckt so, ihr liewe Landsleit in Amerika, gehts immer wies frühr gang is. Nor sis wohr mer thut mit so was manche Leit ärchere, die was angeht, daß se an dr Herzwurzel angreift. Der „Herr Aach e Bauer“ is in seim Schreiwe nit ungeschickt; wannr in allem so gewitzt is e Molodez. Wann e Bauer mol so weit is daßr sei Artikle mit Name uffschwänze thut dann stecht schun in so em Bäuerche was drinn, dann kann er ball sahn: Herr was bein ich, Herr was kann ich nitt noch were! - Do, liewer Kumerad, helfe die Reime nicks do heschts so: wann mer oweds bei de Männer vor dr Mauer ausgemait hat dann gat mer hemm beis Weib un lat sich schlofe, un dann kenne se in der Zeitung schreiwe so viel wie se welle, das hinnert em dann garnitt. Folgt mol meim Roth, liewer Kumerad „Aach e Bauer,“ ihr werd siehn 'swerd besser.
E schener Gruß an all mei Kumeradn in Amerika un an de Leserkreis.
E. Bauer.