Bismarck, Nord Dakota
vom 09.05.1928
Aus der alten Heimat
Kraßna, Bessarabien
den 11.April 1928
Hochgeehrter Herr Redakteur!
Herr Daniel Ternes hier überreichte mir Nr. 40 Ihres geschätzten Blattes, wo ich meinen Bericht vorfand, solchen zu lesen: so als wäre mir damit ein Geschenk gemacht worden.
Ich werde mich nun verpflichten, alle Neuigkeiten von hier beständig zu berichten, die außer Politik stehen: denn mit Politik beschäftige ich mich nicht. Ich lese sehr gerne Ihr Blatt, aber bei Herrn Ternes solches abzuholen, raubt mir immer die Zeit. Solches geht Ihnen unentgeltlich zu. Brief folgt! (Gruß! Red.)
Die Herren G. Aberle und M. Bauer aus Zeeland, N. Dak., Korrespondenten dieses Blattes, die zum Teil auch Namensvettern und mir befreundet scheinen, bitte ich freundlichst, meinen teuren Onkel Mathern mit Familie aufmuntern zu wollen, damit sie an mich schreiben mögen, denn die Lage, in der ich mich befinde, ist bedrückt genug. Ich grüße dieselben, wie auch die Onkels und Freunde in Ipswich, Theres und Brown mit ihren Familien.
Schon viele Jahre ist eine solche Geschichte nicht passiert, wie es Oswald Wagner, Sohn von Thomas in Kraßna, verübte. Er versuchte Selbstmord und wollte sich mit dem Rasiermesser die Kehle durchschneiden, Er brachte es aber nicht fertig, denn er hat mehr am Kinnbacken als an der Kehle geschnitten. Man holte sofort Dr. Beckmann aus Tarutino, ein Spezialist in dieser Sache, der ihm die überflüssige Öffnung wieder zuflickte. Wagner ist jetzt wieder wohlauf Als ihn seine Freunde frugen, warum er denn die Gurgel nicht ganz zugeschnitten hätte, so sagte er darauf nach kraßnischer Art: „Ei, es hat weh getan“! Dies kam am 22. Februar, Aschermittwoch, vor.
Auf der Totenliste stehen:
Im Januar 1928 - Marianna Bugolowsky, die Frau des Gottfried Bugo, Klara Folk. Gabriels Frau mit vielen Kindern.
Im Februar 1928 - Rochus Thernes, der seine Frau mit zwei Kindern hinterließ, Irene Bachmeier, Frau des Adam und Tochter von Johannes Leinz, hinterließ ein Kind.
Im März - Margarethe Haag, die Frau des Anton, die verheiratete und ledige Kinder hinterließ. Am 24. März Susanna Wolf, die Frau von Kasper, kinderlos. Am 20. März. der alte Michael Steiert, der Kinder in America hat.
In dieser Zeitung vom 7. März wird Herr Michael Paul von seiner Schwester Frau Anton Hilsendeger, gesucht. Derselbe befindet sich hier in Kraßna, den ich gut kenne. Er diente 10 Jahre als Küsterlehrer in Lerchen (Larga), Diminsky und Emental. Jetzt ist er dienstlos, weil er sein Augenlicht verloren hat. Es geht ihm sehr schlecht, und er lebt davon, was er von Gott und den guten Leuten erhält. Er bittet daher, ihm eine Unterstützung zukommen zu lassen.
Der Redaktion und den Lesern einen deutschen Gruß
Joseph Braun