Auszug aus der „Dakota Rundschau“ 4. April 1930 · 📰

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Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland

Kraßna, Bessarabien,
den 23.Februar ´30

Sehr geehrter Herr Redakteur Brendel!

Gegenwärtig staubt´s bei uns. Es sollte gut regnen oder schneien, damit die Erde mehr Feuchtigkeit bekommt; das kann aber noch alles kommen. Der alte Gott lebt noch.

Abends 9 Uhr am 17. Februar brach bei Eduard Ruscheinsky am Strohschober Feuer aus, das aber bald gelöscht wurde. Während der Zeit, daß man mit Löschen beschäftigt war, brachen bei der Witwe Luzia Groß Spitzbuben ins Haus ein, stahlen etwas Kleingeld und nahmen welche Papiere mit sich fort. Die Frau hatte vorher eine Kuh verkauft, darauf die Spitzbuben abzielten, das sie aber nicht bekamen, denn die Frau war vorsichtig genug, steckte ihr Geld ein, als sie auf die Hochzeit über die Straße ging. Zur selben Zeit wurde auch bei Erasmus Bunikowsky eingebrochen, wo die Diebe die Geldtasche und noch Kleinigkeiten mitnahmen. Die Diebe sind ohne welche Spur verschwunden. Man hat hier absichtlich des Diebstahles halber damit begonnen, etwas in Brand zu stecken und auf der anderen Seite auszurauben. Dem wird noch einmal ein Ende gemacht werden.

Plötzlich gestorben ist Peter Folk (Metheise Peter) am 11. Februar. Er ging am Abend auf die Bühne, Hafer für die Pferde zu holen, wo er tot niedersank. Er hinterläßt seine zweite Frau Marianna, geb. Hartmann und mehrere Kinder. Der Verstorbene war 66 Jahre alt.

Getraut wurden: Witwer Alex Deichert mit der Tochter des Heinrich Müller, Ottilia. - Isidor Ternes, Sohn des Martin, mit Luzia Furch, Tochter des Valerian und Nikolaus Müller mit Marianna Keller, Peters Tochter. Den jungen Leuten viel Glück.

Herr Philipp Kahl in Shields, N. D. besten Dank für seinen Bericht. Recht so, Herr Philipp, nur öfters geschrieben, wir haben Eueren Bericht gerne gelesen. Auch allen Kraßnaern, die Dakota Rundschau gegeben, die sie noch nicht erhalten haben sollten. Dieses Blatt ist das Beste und ist jedem zu empfehlen. Ihr könnt auch Fragen stellen, Vetter Philipp, was die Amerikaner interessieren tut. Recht viele Grüße von Eueren Freunden in Kraßna.

Herrn Georg Harsche in Shields. N. D., zur Antwort auf sein Schreiben, daß in der ersten Fortsetzung der Dorfbeschreibung zwei Häuser ausgelassen wurden. Sie haben recht. Vetter Georg, besten Dank. Wir wollen den Fehler gut machen: zwischen den Höfen von Joseph Wagner und Thimoteus Fenrich sind einzureihen: Joseph Getak mit Frau Apolonia. geb. Speicher, und dessen ältester Sohn Kasper mit Frau Emerentiana, Tochter des Isidor Leinz. wie auch dessen jüngster Sohn Anton mit Frau Aurelia, Tochter des Ignatz Becker.
Nebenan ist der Hof des verst. Gabriel Folk. Da wohnt sein ältester Sohn Nikolaus mit seiner Frau Marta, Tochter des verst. Mich. Heintz, und sein jüngster Sohn Joseph mit Frau Leogata, Tochter des Adolf Furch. Bei Joseph wohnt noch die alte Mutter.

Sie schreiben weiter, Vetter Georg, daß Sie die Rundschau mit meinen Berichten gerne lesen, das uns Krasnaer und besonders mich herzlich freut, daß ich damit guten Dienst erweisen kann. Auch werden euere Berichte immer guten Anklang finden. Sie wollen wissen, wessen Frau von Simon Wagners Buben (Ihres Schwagers) gestorben ist. Nicht des Korbinian, sondern dem Magnus seine Frau, Tochter des Adolf Furch, ist gestorben. Dem Korbinian seine Frau ist recht munter und läßt ihren Vetter schön grüßen. Auch bittet sie freundlichst, wenn sie die Güte haben wollen, ihnen die Dakota Rundschau zusenden zu wollen, denn ihre Kinder lesen recht gut. und es wäre eine Freude, das Blatt zu erhalten.
Von allen Freunden die besten Grüße.

Ein Unglück passierte bei Semforian Winter diese Tage. Er hatte einen Hofhund, der Anzeichen von Tollwut hatte und fortlief. Winter ließ den Doktor aus Tarutino kommen, der ihm anriet, sofort nach Kischineff zu fahren. Der Mann liegt schwer krank. Es soll aber nicht der Fall gewesen sein, daß er vom Hund gebissen worden wäre. Werde später über den Ausgang berichten.

Mit landsmännischem Gruß

Joseph Braun.

(Fortsetzung der Beschreibung des Dorfes folgt nächstens)


Von Bessarabien nach Brasilien

Mondebele, Brasilien

den 24. Februar 1930

Werte Dakota Rundschau.

Zuerst möchte ich die geschätzte Redaktion bitten, meinen kleinen Reisebericht in der Zeitung aufzunehmen. Ich habe in der alten Heimat Kraßna, Bessarabien, die Dakota Rundschau öfters gelesen und mich überzeugt, daß dieselbe eine große Verbreitung hat und als Brücke zwischen der neuen und der alten Heimat die besten Dienste leistet. Ich möchte daher kurz meine Reise aus Kraßna, Bessarabien, berichten, damit unsere Landsleute in der alten Heimat und in den Vereinigten Staaten und Kanada darüber hören können.

Am 13. Juni 1929 verließen wir unsere Mutterkolonie Kraßna und bestiegen denselben Tag in Beresina den Zug zur Abfahrt. Am nächsten Morgen trafen wir in Tschernowitz ein, wo wir vier Tage verweilen mußten, um dort unsere Pässe in Empfang zu nehmen und alle anderen nötigen Papiere. Am 18. Juni fuhren wir weiter bis zur polnischen Grenze, wo man unsere Sachen gründlich untersuchte. Alles war in bester Ordnung; denn nichts Verdächtiges wurde bei uns gefunden, so daß wir bald weiterfahren konnten, Lemberg zu, wo wir einen zweistündigen Aufenthalt hatten. Dann setzten wir unsere Reise nach Warschau fort. Hier hatten wir acht Stunden zu verweilen, wiederum unserer Papiere halben die im Konsulat untersucht wurden. Von Warschau fuhren wir direkt nach Bremen, wo wir am 19. Juni glücklich eintrafen. Als wir uns bei der Schiffsgesellschaft meldeten, sagte man uns, daß unser Schiff schon vor zwei Tagen abfuhr. Wir waren demzufolge gezwungen, bis zum 15. Juli hier auf ein anderes Schiff zu warten. Wir begaben uns nach Lautheim, wo wir pro Tag und Person 2,10 Mark - 50 Cent - Kostgeld zu zahlen hatten. Am 15. Juli, abends 5 Uhr, begaben wir uns auf den Dampfer ,,Madrid“ und nach 5tägiger Fahrt auf der See legten wir an einem spanischen Hafen an und so über jeden Tag hielt das Schiff in vier Hafenstellen an, um neue Passagiere und Gepäck aufzunehmen. Am Fünften Tage begaben wir uns auf die hohe See, wo nur Himmel und Wasser zu sehen war. Das dauerte so acht Tage fort und den 9. Tag haben wir schon Vögel zu sehen bekommen, das uns als Zeichen diente, daß das Land nicht mehr fern sein muß, Am 10. Tage lief das Schiff im ersten brasilianischen Hafen, in Rio de Janeiro, ein, wo wir acht Stunden anhielten, und dann fuhren wir weiter nach Santo, unserem Endziel per Schiff. Hier mußten wir aussteigen. und es war gegen 4 Uhr nachmittags. Ein jeder kann sich wohl darüber Vorstellung machen, wie es uns war, als wir wieder mal festen Boden unter unseren Füßen bekamen, Die Füße wollten nicht mehr recht gehorchen, die waren steif. Hier hatten wir uns wieder freie Karten ins Land hinein zu besorgen, was alles gut gelang.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach San Paulo ab, wo wir um 5 Uhr abends eintrafen. Auch hier mußten wir wieder Karten zur Weiterfahrt besorgen. Wir übernachteten hier, bestiegen am nächsten Morgen wiederum den Zug und fuhren bis nach Bauru. Auch in Bauru mußten wir wieder übernachten, denn der Zug fährt nicht während der Nacht, sondern nur am Tage.

Am nächsten Morgen um 8 Uhr fuhren wir mit dem Zuge nach Lins, unserer Endstation, wo wir aussteigen mußten. Die ganze Bahnfahrt bis hierher war frei, nun aber war guter Rat teuer, denn wir verstanden die Leute nicht, und dieselben verstanden uns auch nicht. Es kam einem wirklich alles „spanisch“ vor, wie man gewöhnlich zu sagen pflegt. Alles Deuten mit den Händen, noch das deutsche, russische oder moldauische Sprechen half nichts, denn die Leute hier sprachen nur spanisch. Bald aber wurde ein Dolmetscher, ein Ungar herbeigebracht, der russisch verstand. Dieser besorgte uns ein Automobil und beförderte uns weiter. In solcher Lage versetzt fühlt man, wie stumm und dumm man ist, wenn man die Sprache nicht versteht. So geht es aber allen, die von Europa hierher kommen und die spanische Sprache nicht beherrschen.

Wir fuhren also per Auto bis nach Tomas, wo wir bei Sonnenuntergang eintrafen. Hier waren acht Familien aus meiner alten Heimat Kraßna ansässig. Ihr könnt euch wohl denken, welche Freude die Ueberraschung auslöste. Niemand wußte daß wir ankommen. Ich will es kurz machen und schließen: ein Grammophon spielte uns auf und zum Wohle der Gemeinde haben wir die ganze Nacht zugebracht. Ihr könnt euch denken, wie.

Allen unseren Landsleuten in unserer neue Heimat. denen in den Vereinigten Staaten, Kanada und in der alten Heimat, allen, allen unsere freundlichsten Grüße.

Johannes Müller.