Interessante Berichte aus der alten Heimat Rußland
Kraßna, Bessarabien,
den 1. Juli 1930
Sehr geehrter Herr Redakteur!
Bei uns geht es vollständig in die Ernte. Das Ernteresultat wird nicht im besten sein; denn der Kern des Winterweizens u. der Gerste ist zusammengetrocknet, geschnurrt, wie wir sagen. Das Welschkorn geht so weit. Die Leute erzählen aber, daß sie Heuschrecken im Welschkorn gesehen haben und darüber sind die Leute sehr in Furcht gesetzt. Aus den Unterdörfern wird berichtet, daß man dort sehr viele Heuschrecken vernichtete, aber sie nehmen nicht ab. Wir hoffen, daß wir in acht Tagen die Ernte eingebracht haben und dann mit Dreschen beginnen können, wo wir dann sehen werden, was wir geerntet haben.
Soweit wäre alles gut. Wir haben sogar unseren König, Karl den Zweiten, so daß wir auf bessere Zeiten hoffen. Wir brauchen auch bessere Preise für das Getreide. Gerste kostet jetzt bei uns 20 Lei, Welschkorn 85 und Raps 40 Lei ein Pud. Ein mittleres Pferd 5000 - 6000 und eine Kuh um 1000 Lei billiger. Wie viele Pud Getreide muß man da verkaufen, um sich eine Kuh oder ein Pferd kaufen zu können?
Mit Mansfetus Folk passierte ein Unglück. Er wollte mit der Mähmaschine aufs Feld fahren. Die Pferde wurden scheu und nahmen über die Mauer Reißaus, wo der Folk darauf saß. Er wurde da heruntergeschleudert kam unter das Rad, wobei er starke Verletzungen davontrug, kommt aber mit dem Leben davon. Die Maschine, für die er als neu 10.000 Lei zahlte, ist gänzlich ruiniert, Die Pferde blieben unverletzt. Es war schauderhaft, diesen Vorfall anzusehen.
Auf der Totenliste steht die Tochter des Thomas Wuitschik, Theresia, im Alter von 16 Jahren, die am 26. Juni starb. Der Herr gebe ihr die ewige Ruhe.
Herr Maximilian Kahl läßt seine Freunde Kahl in Schields, N. Dak., grüßen und läßt fragen um die Adresse des August Kahl. Ist er noch unter den Lebenden?
Krasnaer, leset die „Dakota Rundschau“ und laßt solche Euren Freunden nach hier zugehen; sie ist die beste Brücke zwischen uns und Euch.
Zum Schlusse grüße ich die Redaktion und die Leser hüben und drüben.
Joseph Braun.