Film 11463, Vol. 5, No. 29, Page 2
Krasna, Bessarabien Januar 2. 1911
Ich wünsche zuvorderst der Redaktion und allen Lesern des Blattes ein glückliches neues Jahr und dem Staats-Anzeiger viele Tausende getreuer neuer Leser. Wenn mein Schreiben nicht in den Papierkorb wandert, werde ich bald wieder von mir hören lassen.
Das hl. Weihnachtsfest und den Schluss des alten Jahres haben wir glücklich und fröhlich gefeiert. Die Witterung war schön und warm, so dass, wer immer wollte, dem Gottesdienste beiwohnen konnte. Das neue Jahr wurde auch gut angefangen und angeschossen. Wahrscheinlich wurde dabei auch ein manches Gläschen Branntwein über den Durst getrunken, sodass mancher, statt in die Kirche zu gehen, das Haus hüten musste und vergass, sein Sonntags- oder Neujahrskleid anzuziehen.
Nun auch etwas über die Jagd. Mein Freund Oswald Wagner ist, wie meinen alten Kameraden in Amerika und Canada wohlbekannt, ein eifriger Jäger vor dem Herrn. Eines Tages ging er mit seinem Windhunde auf die Jagd, sich einen Feiertagsbraten zu schiessen. Endlich sprang auch ein Hase vor ihm auf. Im selben Augenblick krachte auch der Schuss, aber der Hase lief davon und der treue Hund hinterdrein. Der Hase wusste schliesslich keine Rettung mehr und verkroch sich in ein Fuchsloch. Natürlich dachte Oswald: der Hase kann doch nicht verspielt sein und Kroch selbst bis über den halben Leib in's Fuchsloch dem Hasen nach. Weil das Loch aber tiefer war als er dachte, konnte er den Hasen nicht erreichen. Jetzt wollte er wieder zurück, aber die Jacke rollte sich auf seinem Rücken zusammen und er befand sich bald in einer schlimmen Lage. Zum Glück kam eine arme Frau über's Feld gegangen, welche sich Brennzeug sammelte und hörte den armen Hilflosen jammern. Sie packet ihn herzhaft an den Füßen und zog ihn aus der Falle, in welcher er leicht hätte sein Leben verlieren können. Ihr Jäger, lasst euch ein jedes Fuchsloch zur Warnung dienen, auf dass es euch nicht auch einmal ergehe wie Oswald Wagner!
Einige Scherzfragen, welche Herr Joseph Hoffart aus Brazil, Nord-Dakota uns in Nr. 21 aufgab, habe ich, wie ich denke, richtig gelöst. Zum Beispiel Nr. 1; Was ist das beste am Floh? Antwort, dass er sich fangen lässt. (Nicht richtig. Die Lösung ist: dass er keine Hufeisen hat. Red.) Nr. 2: Zwei Köpfe, vier Ohren, sechs Füße, zehn Zehen, auf vieren muss er gehen; wer kann das verstehen? Antwort: Reiter und Ross. (Richtig. Red.) Nr. 3, die Rechenaufgabe, löse ich durch die Antwort, dass der Mann im Ganzen 45 Rubel hatte. (Auch richtig. Red.)
Meine Freunde wollen vielleicht wissen, wer in Krasna Oberschulze ist. Es ist Joseph von Chr. Krams und unser Pfarrer ist noch Ludwig Rissling.
Am 23. Dezember segnete alt Peter Müller das Zeitliche. Möge er ruhen in Frieden!
Gruss an alle Leser des Blattes, sowie Herrn Redakteur Brandt.
Anton Gedak