Deutsch
Film 11463, Vol. 5, No. 32, P. 2
Krasna, Bessarabien Januar 19, 1911
Wir haben noch immer schönes Wetter und werden, wie es scheint, diesen Winter auch keine Spazierfahrten machen.
Bei Theobalt M. Nagel hinterließ noch am letzten Tage im alten Jahre Freund Langbein einen gesunden Stammhalter. Pathen standen bei der Taufe Kaspar Kuss und Martha Schreiber. Die Hebamme (Babuschka) ist eine alte Frau und etwas unbeholfen, die Schwiegermutter Theobalt Nagel aber ist noch ziemlich jung -vielleicht Mitte der Vierziger- und stand deshalb der Hebamme zur Seite. Sie badete auch den frischen Ankömmling, kleidete ihn an und gab ihn den Gevattersleuten, welche ihn zur hl. Taufe zur Kirche trugen. Der Schwiegermutter wurde das Recht zugestanden, den Namen des Kindes zu bestimmen.
In der Kirche angelangt frug der Herr Pfarrer wie das Kind heissen solle. Die Antwort lautete: Peter. So also erhielt das Kind den Namen Peter in der Taufe. Zu Hause wurde das Kind der Mutter übergeben mit dem Bemerken, dass es auf den Namen Peter getauft sei. Die Mutter aber entdeckte bald, dass ein böser Irrthum vorgekommen war, denn sie sagte ganz erschrocken: um Gotteswillen, wie kann man ein Mädchen auf den Namen Peter taufen lassen? Babuschka, wo habt ihr die Augen gehabt? Hebamme und Schwiegermutter standen mit offenem Munde da und konnten kein Wort hervorbringen. Nach langer Pause stotterte die alte Babuschka, es sei nicht ihre Schuld, denn sie habe das Kind nicht gebadet und eingewickelt, sondern die Schwiegermutter, und diese habe deshalb auch den Namen gewählt. Natürlich muss ich der alten Frau Recht geben, die Schwiegermutter hat Schuld. Als der Vorfall dem Pfarrer gemeldet wurde, war dieser sehr erstaunt ob des Irrthums und bemerkte, dass so etwas ihm im Leben noch nicht vorgekommen sei. Zweimal kann das Kind unmöglich getauft werden, und so wird der Name nicht Peter, sondern Petronilla eingeschrieben. So, jetzt haben die Eltern ihr Töchterlein. Besser aufpassen das nächste Mal!
Joseph Hilzendeger's Räthsel in Nummer 25 will ich lösen: es waren 36 Gause in der Schaar.
Am 22 Januar verstarb Joseph J. Müller. Er hinterliess eine trauernde Wittwe und neun Kinder -zwei verheirathet und sieben ledig. Er erreichte ein Alter von 47 Jahren.
Geheirathet haben diesen Monat: der Wittwer Philipp Leintz und Wittwe There-sia Kuss, geb. Völler; ferner Rudolph Nagel und Dorothea Kopp, und Clemens Schick und Salomea Söhn.
Gruss an Schwager und Schwester Martin und Theresia Kopp, sowie an meine Freunde Jakob und Johannes Kopp und an Michael Volk. Ich wünsche allen viel Glück auf 1911. Auch sollten sie alle den Staats-Anzeiger bestellen, denn das ist bei weitem die beste Zeitung für deutsche Familien. Ich werde mich bemühen, öfters Neuigkeiten aus Krasna Bessarabien zu berichten, wenn sie der Radaktion willkommen sind. (Soll uns sehr freuen. Aenderung in der Prämie wurde gemacht. Die Schere geht Ihnen zu. Red.) Diese ist meine vierte Korrespondenz. Nun weiss ich nicht, ob alle der Redaktion zu Händen kamen. (Jedenfalls haben wir alle erhaltenen veröffentlicht. Red.)
Am 16. 17. und 18. Januar hatten wir Schneegestöber und somit ist es angenehmer den Ofen zu hüten als auf die Jagd zu gehen, aber der Schnee blieb nicht liegen. Am 14 Januar gingen ich und Albin Fenrich auf die Jagd und es gelang mir, einen Hasen zu erlegen - der einzige der sich blicken lies. Auf dem Nachhausewege flogen auch Gänse in unserer Nähe vorbei und ich habe eine derselben geschossen, aber sie flog noch über eine Anhöhe und ich konnte sie nicht finden, denn sie hat sich jedenfalls gut verkrochen. Am nächsten Tage aber fand ich sie. Leider hatte der Fuchs sie schon angefressen. Dafür werde ich Freund Reinecke auch nicht schonen, sollte er mir in den Weg kommen.
Gruss an die Redaktion und an alle Leser des Blattes
Anton Gedak