Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 23. März 1911

Film 11463, Vol. 5, No. 35, Page 2

Balmas, Bessarabien, Rußland,
Februar 9. 1911

Ich muß doch der hochl. Redaktion berichten, daß ich die Schere richtig erhalten habe und daß dieses Geschenk mich und die ganze Familie hoch erfreute.

Möchte gerne wissen, ob mein Schwager Pius Job bei Rugby in Nord-Dakota nicht auch Leser des Blattes ist, weil man von ihm nichts zu hören bekommt. (Jawohl, Herr Pius Job ist Leser.-Red. Der Staats-Anzeiger.)

Verheirathet haben sich: Adam Mosser von Michael aus Kandel mit der Witwe Magdalena Mack, geb. Kurz. Ferner Markus Eberts von Fr. Peter aus Elsaß mit Elisabetha Roth von Johannes. Weiter: Lorenz Bullach von Ludwig mit Margaretha Wiest von Bartholomäus.

Gestorben sind: am 31. Dezember die 24 jährige Barbara Mack von Ludwig, und am 28. Januar Marianna Böhler von Joseph, welche gleichfalls 24 Jahre alt war.

Johannes Bullach, welcher von hier nach Amerika auswanderte, forderte mich im Blatte auf, von hier etwas zu berichten und nicht schreibfaul zu sein, wie einige Leute, die seine Briefe nicht beantworten. Nein, Johannes, Schreibfaulheit hält mich nicht vom Korrespondiren ab und, wenn es der Redaktion recht ist, werde ich öfters Berichte von hier gerne einsenden. (Uns soll das sehr angenehm sein!-Red. Der Staats-Anzeiger.)

Vielleicht interessiert es die Leser, zu erfahren wie sich hier die Landpreise stellen. Für eine Stelle von 50 Dessjatin zahlt man hier 800 bis zu 1.000 Rubel Abstand. Der Preis ist so hoch, daß es fast nicht zum Aushalten ist.

Es wurde seitens Korrespondenten im Blatte berichtet, daß ich Agent bei Herrn F. Mißler sei. Dies aber ist nicht ganz richtig.

Ich bin nicht Agent, sondern nur Vertrauensmann und habe von Herrn F. Mißler lediglich Vollmacht bekommen, Schiffskarten hier den Kolonisten verkaufen zu dürfen, aber nur zum Preise wie er in Bremen gezahlt werden muß.

Ich übermittele Grüße an Johannes und Frau Bullach, Vinzens und Familie Roth, Georg und Familie Jochim, Georg und Familie Sahli und an alle Bekannten in Amerika und Canada, sowie an meine Brüder. Gruß auch an Ludwig Rieger: möchte wissen, ob seine alte Mutter noch lebt.

Wir hatten während des Monat Februar strenge Kälte und viel Schnee, aber heute ist Thauwetter und statt Schnee haben wir tiefen Schmutz, sodaß die Wege kaum passierbar sind.

Karluscha Lacher ist auch nach Rußland zurückgekommen. (Wurde bereits vorher berichtet.-Red. Der Staats-Anzeiger.) Ich selbst habe ihn noch nicht gesprochen, aber die Leute erzählten mir, daß er in Rußland in Ketten gelegt wurde, weil er keinen Reisepaß hatte.

Mit Gruß an den Leserkreis und an die Redaktion

Nikolaus Roth