Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 30. März 1911

Film 11463, Vol. 5, No. 36, Page 2

Krasna, Bessarabien Januar 22. 1911

Heute gegen elf Uhr morgens gingen Romanus Torner und Johann Speicher auf den Fischfang aus. Weil der Bach jetzt zugefroren ist, sind die Fische da zu finden, wo das Wasser am tiefsten ist. Das Wasser ist bei uns stellenweise 3 bis 4½ Arschin (7 - 10½ Fuß) tief und gerade auf eine solche Stelle trafen sie. Einen Tag zuvor aber war das Eis an dieser Stelle von Fischern durchgeschlagen worden. Nachts bildete sich zwar wieder eine Eiskruste und es war auch etwas Schnee gefallen, sodaß die beiden nicht sehen konnten, daß das Eis hier zu dünn war, einen Menschen zu tragen. Johannes Speicher ging einen oder zwei Schritte vor Romanus her, als er plötzlich durch's Eis brach und im Wasser versank. Im Augenblick aber kam er schnell wieder mit dem Kopfe über das Wasser und rief Romanus um Hülfe an. Dieser reichte ihm rasch die Hand, um ihn herauszuziehen, als auch unter Romanus Füßen das Eis brach und er mit seinem Kameraden sich im Wasser und in gleicher Gefahr befand. Beides sind junge Leute von nur etwa 18 Jahren. Johannes konnte sich leicht auf dem Eise festkrallen und über Wasser halten, aber Romanus wiegt gegen 240 Pfund und hatte mehr Mühe sich zu halten. Zum Glück kam sein Bruder Joseph beiden nach einigen Sekunden zu Hülfe und rettete sie. Sie wären sicher beide um's Leben gekommen, wenn Joseph nicht erschienen wäre. Johannes wäre wahrscheinlich erfroren und Romanus zweifellos ertrunken und Speise für die Fische geworden.

Am 21. Januar brachen nachts Diebe in der Kolonie Alt-Arzis bei Johann Maas und Emanuel Krukenberg in den Stall und entführten ersterem vier Pferde und ein Paar Pferdegeschirre, und letzterem zwei Pferde. Johann Maas hörte am Anschlagen seines Hundes, daß etwas auf dem Hofe verkehrt sei, und machte sich sogleich dahin auf. Er fand den Stall offen stehend leer. Es wurde sofort vom Thurme Sturm geläutet und die ersteren vier Pferde wurden den Räubern wieder abgesagt. Die Halunken aber entkamen und von den anderen Pferden und dem Geschirr hat man noch bis heute keine Spur gefunden, obschon nach allen Richtungen hin telegraphirt worden war.

Der Staats-Anzeiger geht mir immer pünktlich zu und die Sprungfederscheere habe ich am 28. Januar erhalten. Die Freude meiner Frau war dabei so groß, daß sie zur Gesundheit des Staats-Anzeigers, der Redaktion, und auf die meines Freundes Michael A. und seiner Frau Kunigunda Volk ein Glas Wein leerte und auch herzlichen Dank übermittelt.

Das Wetter hat sich bei uns in Bessarabien rasch geändert. Wir haben seit dem 1. Januar geradezu sibirische Kälte und leider nur wenig Schnee, sodaß die Wintersaaten ganz nackt stehen und ernste Besorgniß um die Saaten gehegt wird. Aber nicht in ganz Bessarabien liegen die Saatfelder so nackt, denn nördlich von uns liegt Schnee genug - stellenweise auf freiem Felde 10 bis 16 Verschock hoch.

Am 5. Februar verstarb Joseph Wolf, eine tieftrauernde arme Wittwe mit zwei Kindern zurücklassend. Er erreichte ein Alter von 62 Jahren. Der tiefbetrübten Witwe, sowie auch den Kindern sprech ich das herzlichste Beileid aus.

Am 8. Februar brachen sieben ledige Buben in der Kolonie Paris bei R. N. in die Speisekammer, stahlen gegen sechs Pfund Wurst, wurden aber von der Nachtwache abgefangen und hinter Schloß und Riegel gebracht. Am folgenden Morgen wurde ein Protokoll aufgesetzt und die Burschen in Tarutino vom Pristaw in Gewahrsam genommen. Näheres über den Ausfall der Sache werde ich später berichten.

Alle Leser des Blattes grüßend, zeichnet

Hochachtungsvoll Anton Gedak.