Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


dokumente:zeitungen:eureka:c-19110406-q2

Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 6. April 1911

Film 11463, Vol. 5, No. 37, Page 2

Emmenthal, Bessarabien, Rußland
Februar 25. 1911

Gleich nach Empfang der ersten Nummer des Staats-Anzeiger beschloß ich, auch einmal etwas aus Emmenthal/Südrußland im Blatte zu berichten. Seither fehlte es mir an Zeit, nun aber will ich es länger nicht aufschieben, und wenn nicht gleich mein erster Bericht in den Papierkorb wandert, werde ich bald mehr von hier hören lassen. (Wir bitten sehr darum! -Red. Staats-Anzeiger.)

Der Winter war dieses Jahr bei uns sehr strenge, aber Schnee hatten wir sehr wenig. Seit anfang Februar haben wir schönes Wetter. Der Schnee ist gänzlich geschmolzen und man gedenkt bald auf den Acker zu fahren.

In unserem Dorfe kamen während der Feiertage auch einige bedauerliche Fälle vor.

Wie meinen Freunden in Amerika und Canada wohlbekannt, herrscht bei uns um diese Zeit eine Mode, die kein Mensch recht verstehen kann, besonders unter den Mädchen. Da kann man nicht die Wirthin von der Magd und die Magd nicht von der Wirthin unterscheiden. Während der Feiertage geht es eben recht kunterbunt her, so auch wieder auf Neujahr. Da ließen sich die Knechte alle Schnaps aus Kainari bringen. Die ältesten bestellten einen halben Oken und eins für vierundzwanzig; die zweite Klasse besorgte sich einen halben Oken und die jüngste eins für vierundzwanzig. Als nun die Buben am Neujahrsmorgen das Neujahr anschossen, erhielten sie tüchtig zu trinken und natürlich schlugen sie auch nichts aus. Sie wurden schließlich sinnlos betrunken, fingen Spektakel an und schlugen sich Löcher in die Köpfe. Unser geehrter Herr Sotzky wußte sich gleich Rath und ließ nicht die Burschen, sondern die Mädchen auf die Kanzlei kommen und strafte sie alle durch die Bank um 5 Rubel. Glaube mir sicherlich, lieber Leser, es waren nicht etwa solche Mädchen deren Väter zu Hause 100 Rubel Geld liegen haben. Es waren Mädchen, deren Väter kein Geld übrig hatten, sich auf's heilige Neujahrsfest einen halben Oken Schnaps bringen zu lassen.

Gruß an alle meine Freunde in Amerika und Canada, besonders an meine Eltern bei Maple Creek in Sask., Canada. Meinem Bruder Joseph danke ich von ganzem Herzen, daß er mir den Staats-Anzeiger zusenden läßt. Ich möchte auch wissen, ob Pius Job von Johannes Leser dieses Blattes. (Da Sie seine Adresse nicht angeben, können wir wirklich nicht sagen, ist der Herr Leser oder nicht. -Red. Staats-Anzeiger.)

Gruß auch an alle Leser des lieben Blattes.

Zachäus Kopp von Martin.

dokumente/zeitungen/eureka/c-19110406-q2.txt · Zuletzt geändert: von 127.0.0.1