Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 13. April 1911

Film 11463, Vol. 5, No. 38, Page 2

Krasna, Bessarabien Februar 24. 1911

Vier Wochen sind schon wieder seit meiner vorigen Korrespondenz verstrichen und öfters schon dachte ich: solltest doch wieder deinen Freunden und Bekannten in Amerika und Canada etwas neues aus der alten Heimath schreiben, aber ich finde leider nur wenig interessantes für sie und den Leserkreis. (Wir aber sind Ihnen dankbar, daß Sie das Möglichste versuchen! -Red. Staats-Anzeiger.)

Das Wetter aber hat sich bei uns rasch geändert. Vom 16. Januar bis 4. Februar hatten wir strenge Kälte, von 4 bis 20 Grad unter Null. Mit dem 5. Februar aber setzte Thauwetter ein und seitdem wurde es täglich wärmer und es ist Aussicht vorhanden, daß die Bauern in den nächsten Tagen mit den Feldarbeiten beginnen können. Pflügen, Eggen, und so weiter, und auch die Saat, sind gerichtet. Die Lerchen trillern ihr Morgen- und Abendlied dem lieben Schöpfer zu Ehren und dem Bauern zu verkünden, daß das Frühjahr nahe ist:
Es ist ein tiefer Segen,
Der aus dem Vöglein spricht.
Erfülle allerwegen
Getreulich deine Pflicht.

Die Vögel sind auch dem lieben Gott dankbar, den rauhen Winter überstanden zu haben und auf den grünen Feldern sich wieder tummeln und Nahrung suchen zu können.

Ob gut oder schlecht das Jahr auch sei,
Ein bischen Frühling ist immer dabei.

In Nummer 30 des Blattes las ich zu meiner Freude eine Korrespondenz aus Kraßna, Maple Creek Canada, welche Herr Joseph Schnell einsandte. Er berichtete von Herrn R. Heidrich, welchen ich von Jugend auf gut kannte. Ich wunderte mich sehr, daß ihn die Furcht vor einem Bären drei Tage unter das Bett bannte. In Kraßna Südrußland war er doch immer ein herzhafter Bube auf der Straße und, so lange die Sonne schien, hatte er keine Furcht, außer er sah eine schwarze Katze, oder wenn Jemand mit der Peitsche hinter ihm knallte. Dann sprang er gewöhnlich in den Stall, verriegelte die Thüre so fest er konnte und öffnete sie nicht eher bis er hörte, daß meine Mutter morgens kam um die Kuh zu melken und ihm zurief: Steh auf, mein Kind, es ist Tag! -

Gruß an Herrn Schnell. Bitte, schreiben Sie bald wieder einmal etwas aus Kraßna in Canada. Gruß auch an Nikolaus Engel in Happyland Canada. Bedauere sehr, daß es dort so ausgelassen rohe Menschen giebt, die ihre Rohheit an armen, unvernünftigen Thieren auszulassen suchen. Rohheit ist nur die Verzweiflung beleidigter Eigenliebe.

Aus Hoffart wächst Verderben empor.
Aus Demuth keimt das Heil empor.
Rasch rennt die Zeit mit Luft und Leid:
Die Stunde ruft 's ist an der Zeit.
Der Morgen mahnt, der Abend spricht:
Kurz ist der Tag, thu deine Pflicht.
Wie die Saat, so die Ernte.

D e r M a r k t . - Pius Dischner von Kraßna ist seit Jahren ein alter Wagenhändler, und wird ja meinen Freunden und Bekannten in Amerika und Canada noch in Erinnerung stehen. Vorige Woche nun fuhr Herr Dischner mit drei alten Wagen auf den Tarutiner Markt. Dort angekommen, kaufte er noch drei dazu - nach meiner Rechnung hatte er nun sechs - er verkaufte nur zwei derselben, weil der Markt, infolge miserabler Wege, nicht eben gut besucht war. Die Geschäfte gingen infolgedessen flau und es bot sich den Leuten Zeit, verschiedene Gläschen zu leeren. Dies that natürlich auch Freund Dischner. Abends fuhr er dann mit drei Wagen nach Hause. Dort angekommen, wurde Rechnung gemacht, aber die Sache wollte durchaus nicht mit dem Gelde stimmen. Seiner Frau wurde von dem fehlenden Gelde nichts gesagt. Schließlich aber frug sie doch: „Na, Alter, heute gute Geschäfte gemacht?“ - „O ja, Alte, wir haben etwas verdient.“ Von dem fehlenden Gelde aber sagte er nichts. Es wurde neun Uhr und Zeit zu Bette zu gehen. Die Frau nahm den Geldbeutel mit der Bemerkung: „Will sehen wie viel du versoffen hast.“ Darauf versicherte Pius: „Alte, e halbes Okchen Wein - weiter nichts!“ - Sie aber meinte: „Laß mich sehen; ich weiß wie viel Geld du hattest.“ - Natürlich wollte die Rechnung nicht stim-men - es fehlten 13 Rubel. Jetzt natürlich wurde geschimpft: „Liederlicher Saufaus“ und dergleichen Ausdrücke mehr wurden hörbar. Er schwieg still und ging zu Bett, konnte aber nicht einschlafen, weil ihm die Sache arg im Kopfe herum ging. Er sann und sann, grübelte und grübelte. Endlich -um ½4 morgens- fiel ihm ein, daß er drei Wagen dazu gekauft, aber nur zwei verkauft habe -bleiben vier Wagen; drei hatte er mit nach Hause gebracht, also steht noch einer in Tarutino auf dem Markt, und der hatte gerade 13 Rubel gekostet - die fehlende Summe. Pius stand auf, kleidete sich geräuschlos an, sagte seiner Frau kein Wort, und fort ging's auf Tarutino zu. Dort angekommen, sah er schon von Weitem den Wagen auf dem Markte stehen. - Die Frau im Bette vermißte schließlich den Pius. Sie wartete und wartete - er kam nicht. Sie stand auf, ging auf den Hof, fand ihn aber nicht. Sie frug die Kinder: „Um Gotteswillen, wo ist de Date?“ Sie wußten es nicht. - Sie ging zur Nachbarin, erzählte ihr die ganze Geschichte und fing an zu weinen und zu jammern: „Er werd sich doch net in de Wald ufhenke?“ Dann ging sie nach Hause und weinte bis 12 Uhr. So saß sie noch in Gedanken, als die Thür aufging und Pius eintrat. Nun aber war natürlich die Freude groß, und als Pius gar erklärte, weshalb 13 Rubel fehlten, die nun gefunden seien, war sie einfach grenzenlos. - Nichts für ungut, Pius, aber ein andermal besser aufpassen. -

Am 27. Februar verstarb Peter Groß von David im Alter von 60 Jahren. Er hinterläßt eine kranke, trauernde Wittwe. - Friede seiner Asche!

Gruß an Schwager Martin und Schwester Theresia Kopp in Canada. Er ist doch auch Leser des Blattes? (In der That! -Red. Staats-Anzeiger.) Schreibe mir einen Brief, und berichte, wie die Reise war. - Gruß an Michael Volk in Nord-Dakota.

Freute mich, zu lesen daß du einen Wolf erlegtest und den Staats-Anzeiger wieder auf ein Jahr zahltest. Erlege noch einen und zahle den Staats-Anzeiger auch für mich auf's künftige Jahr. –

Gruß an die Redaktion und an alle Leser des Blattes.

Anton Gedak.