Film 11463, Vol. 5, No. 49, Page 2
Emmenthal, Bessarabien Mai 15. 1911
Geehrter Herr Redakteur Brandt!
Zufälligerweise kam mir auf dem Emmenthaler Postamte auch der Staats-Anzeiger in die Hände und ich las das Blatt, trotzdem es nicht mein war, sondern einem anderen Herrn gehörte, und ich muß aufrichtig gestehen, es bot mir unendlich viel des Interessanten, denn ich bemerkte in demselben viele Korrespondenzen, die mich sofort fesselten. Fand auch reichlich Berichte aus aller Welt. Nach meinem Geschmack ist der Staats-Anzeiger das beste Blatt auf der Welt.
Um mir dieses Blatt regelmäßig zu verschaffen, schrieb ich bereits im Januar an meine Schwiegersöhne, nämlich an Ignatz Groß in Stebbins, Morton County Nord-Dakota und an Eduard Richter in Dogtooth, gleichfalls Morton County Nord-Dakota, und bat sie, den Staats-Anzeiger in Rugby für mich bestellen und bezahlen zu wollen. Da ich aber keine Antwort von ihnen, und auch keinen Staats-Anzeiger bekam, schrieb ich unlängst an meinen Neffen Lorenz Fenrich bei Happyland Sask. Canada. Dieser versprach mir einmal in einem Briefe, eine Gefälligkeit mir thun zu wollen. Somit möge er mir jetzt die versprochene Gefälligkeit thun und mir den Staats-Anzeiger auf ein Jahr bestellen und bezahlen. Nun weiß ich freilich nicht, haben vielleicht meine Schwiegersöhne die Bestellung gemacht, oder wird mein Neffe sie machen. Ich denke, meine Schwiegersöhne und der Neffe sind vielleicht auch Leser des Blattes. (Leider bis jetzt noch nicht! -Red. Staats-Anzeiger.) Aus unserem Emmenthal und der Umgegend wäre ja öfters etwas den dortigen Freunden aus Südrußland zu berichten, da ich aber eben bis jetzt noch nicht Leser des Blattes bin, so möchte ich vor der Hand noch schweigen oder doch nur einen kurzen Bericht einsenden, in der Hoffnung, daß die Redaktion denselben aufnimmt. (Gewiß; und es geschieht gerne! -Red. Staats-Anzeiger.)
Die Witterung bei uns kann nicht günstig genannt werden. Seit der Aussaat bis jetzt im halben Mai hatten wir noch keinen Regen. Wenn die nächsten Tage uns nicht solchen bringen, hat Emmenthal dieses Jahr eine Mißernte zu gewärtigen. Der Himmel hängt zwar täglich voller Wolken, aber es fällt kein Regen. Gäbe es aber für Emmenthal dieses Jahr eine Ernte, wären zum Spätjahr viele Leute bereit, Emmenthal Lebewohl zu sagen und ihr Heil in Canada zu versuchen. Giebt es aber eine Mißernte, so bleiben eben alle gezwungenerweise hier sitzen.
Die acht Familien, welche am 28. März nach Canada reisten, werden ja schon wissen, was die Heimath ihnen bietet.
Ich habe einen Schwager in Süd-Dakota, nämlich Jakob Marthaler; vielleicht könnte mir die Redaktion oder irgend ein Leser des Blattes seine genaue Adresse mittheilen. (Wir können das leider nicht, eben weil wir nicht das Postamt kennen und die ganzen Listen durchwühlen müßten um festzustellen, ob der Herr Leser ist oder nicht, aber im Leserkreise dürfte gewiß Jemand sein, der die Adresse anzugeben weiß. -Red. Staats-Anzeiger.)
Herzlichen Gruß an meine Schwiegersöhne Ignatz Groß und Eduard Richter nebst Familien, an Bruder Jakob Dirk nebst Familie, an meinen Neffen Lorenz Dirk und Frau, an Peter Januschaidis und Frau, und an Lorenz, Joseph und Johannes Fenrich nebst Frauen und Kindern, sowie an alle Leser dieses guten Blattes.
Romuald Dirk.