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Film 11463, Vol. 6, No. 03, Page 2
Emmenthal, [Bessarabien] Juli 4. 1911
Heute, als dem 4. Juli, hatte ich das Glück, mich der Ausgabe No. 49 Ihres werthen Blattes zu erfreuen. Soeben war ich im Begriff, nochmals an meine Schwiegersöhne Eduard Richter und Ignatz Groß zu schreiben, um mich zu erkundigen, wie es mit der Bestellung des Blattes steht. Da bekomme ich auf dem Postamte die No. 49 auf meinen Namen und auch Ihre briefliche Nachricht. Ich danke Ihnen für die Beehrung und werde bestrebt sein, Ihrem Wunsche nachzukommen. Jetzt, als Leser Ihres Blattes, will ich auch Manches aus unserem Dorfe und Umgegend berichten, wie es mit der Witterung und anderen Verhältnissen steht.
In No. 49 mußte ich ersehen, daß meine Schwiegersöhne und alle meine näheren Freunde nicht Leser des Blattes sind. Das thut mir sehr leid. Es ist doch ein Blatt, das in jedem deutschen Hause gelesen werden sollte, da in demselben alle Ereignisse und Vorkomnisse in der Welt zu lesen sind. Wie oft höre ich doch von Vielen hier, die über dem Ocean Verwandte haben: „Wenn sie uns doch einmal schreiben würden!“ Und so erfärt Einer vom Andern nichts.
Werdet Leser dieses Blattes und korrespondirt, dann braucht man beinahe keinen Briefwechsel und man erfährt wie es den Freunden geht aus dem Blatte, dann braucht Ihr nicht mehr sehnsüchtig auf Briefe zu warten. Viele genieren sich wohl, an die Redaktion zu schreiben, weil sie nicht sattelfest im Schreiben sind; das schadet nichts, dafür ist die Redaktion da, um die Einsendungen druckfertig zu machen.
In No. 49 d. Bl. berichtete ich, daß bei uns die Witterung bis zum 15. Mai nicht günstig genannt werden konnte u. ein Jeder auf eine kommende Mißernte hinwies. Es kommt aber nicht immer so, wie der Mensch denkt. Das Getreide war in den letzten Tagen des Monats Mai ziemlich im Rückstande; da aber am ersten Pfingsttag und nachher noch einige male gute durchweichende Regen niedergingen, so hatte sich in wenigen Tagen Alles zum Besten gewendet und wir haben jetzt eine ziemlich gute Ernte. Das Welschkorn steht jetzt auch gut und wenn wir nicht zu viele heiße, trockene Tage bekommen, so können wir auf eine gute Welschkorn-Ernte rechnen.
Ich hätte Vieles aus unserem Dorfe zu berichten und will es auch thun, wenn ich mal wieder ganz gesund bin. Am 10. Juni wurde ich auf dem Felde beim Grasmähen von einer Schlange am linken Fuß gebissen, so daß ich drei Wochen lang den Arzt konsultiren mußte. Diese Blutvergiftung war noch nicht geheilt, als ich gleich wieder an der rechten Hand eine Schwarzblase erhielt, die noch schlimmer war wie der Schlangenbiß. Darüber bin ich jetzt noch nicht ganz hinweg und muß die Hand immer noch schonen. Ein trauriges Unglück ereignete sich am 25. Juni in Emmenthal. Johannes Baumann war auf seinem Hofe mit dem Schärfen der Sensen begriffen, als ein von seinen Söhnen an den Heuwagen gespanntes Pferd einem soeben auf der Straße vorübergehenden Trupp Pferde sich zugesellen wollte und mit dem Wagen davonjagte. Der schon 67-jährige Vater stellte sich dem Ausreißer entgegen, wurde zu Boden geworfen u. erlitt einen dreifachen Rippenbruch sowie noch andere schwere Verletzungen, denen er am 27. Juni erlag. Am 28. März verabschiedete sich sein Sohn Johannes um mit Frau und zwei Kindern nach Amerika zu gehen. Damals war der Vater noch bei voller Gesundheit und wollte er später dem Sohne in das gelobte Land nachfolgen; aber es sollte nicht sein.
Der unweit Emmenthal im moldwanischen Dorfe Kaineri seit letztem Jahre eingeführte Bazar ist in stetigem Wachsthum begriffen und wird von Käufern und Händlern gut patronisirt. Da der Ort nicht gerade günstig liegt, so glaubte man anfänglich, daß der Markt für kurze Zeit dauern werde, aber man hat sich darin getäuscht. Besonders wird er auch von den Emmenthalern gut besucht, da er nur drei Werst entfernt ist. Zwischen den beiden Orten ist ein Hügel, der auf der Emmenthaler Seite steil abfällt. Nun ist es schon passirt, daß Leute, die zuviel vom Geistigen geladen hatten, den Abhang hinabpurzelten, doch bis dahin ist die Sache immer noch ohne Schaden abgelaufen.
Hiermit komme ich zum Schluß. Ich wollte noch etwas bringen vom Emmenthaler Jäger P. und dem Wolf, aber die Hand thut mir zu weh und verschiebe ich die Geschichte auf nächstes Mal.
Herzlichen Gruß an meine Schwiegersöhne Eduard Richter und Ignatz Groß nebst Familien, an Bruder Jakob Dirk und Familie, an meinen Neffen Lorenz Dirk und Frau, an Peter Januschaitis nebst Frau, an meinen Halbbruder Anton Dirk und Familie, und an Lorenz, Joseph und Johannes Fenrich nebst Frauen und Kindern, sowie an alle Leser.
Romuald Dirk.