Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 31. August 1911

Film 11463, Vol. 6, No. 06, Page 2

Emmenthal, Bessarabien Juli 16. 1911

Am 4. Juli erhielt ich meine erste Nummer des Staats-Anzeigers. Aus Freude, daß ich das werthe Blatt jetzt regelmäßig erhalten werde und lesen kann, machte ich am andern Tag auch gleich einen kleinen Bericht und sandte ihn an den Staats-Anzeiger. Am 8. Juli erhielt ich No. 50 und heute No. 51, aus welcher ich ersehe, daß Anton Fettig von Napoleon im Juni eine Reise nach Morton County machte, wo meine zwei Schwiegersöhne, nämlich: Ignatz Groß und Eduard Richter ihr Heim haben, und wahrscheinlich hat Hr. Fettig auch meinem Schwiegersohn Ig. Groß einen Besuch gemacht, denn die Worte weisen darauf hin, daß Ignatz's Hund ihnen nachgelaufen ist und sie denselben mit der Adresse wieder zurückschickten.

Wenn es derselbe Ignatz Groß ist und Sie, Hr. Fettig, ihn besuchten, so bitte ich, berichten Sie im Staats-Anzeiger, wie Ihr Besuch da ablief und ob der Hund wieder daheim angelangt ist. Ich habe mit meinen Schwiegersöhnen schon oft brieflich verkehrt, aber über die Geländeverhältnisse haben Sie mir nichts gesagt. Hr. Fettig, ich danke Ihnen, daß Sie etwas von den Morton County hören ließen, denn von ihnen hört man ja nichts in der Zeitung.

Die Ernte wurde hier beendigt, ohne einen Tropfen Regen. Aber das Welschkorn litt durch die Trockenheit, so daß dasselbe schlecht ausgehen wird. Heute, als dem 17., hat es ein wenig geregnet. Morgen haben wir in Kainari Bazar; dabei geht's gewöhnlich lustig zu, wie man's wohl in Amerika nicht antrifft.

Im Bericht vom 5. Juli sagte ich, daß ich die Geschichte vom Jäger und Wolf bringen werde. Hier ist sie:
In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni machte der schon lange vergessene Wolf wieder 'mal einen Besuch und gerieth auf seinem Streifzuge in den Schafstall des hiesigen Ansiedlers B. und schlachtete zwei Schafe, von welchen er eines fortschleppe. Früh Morgens kam der Bauer in den Schafstall und fand mit Erstaunen ein zerissenes Schaf und bei Ueberzählung stellte es sich heraus, daß noch eines fehlte. Er eilte zu seinem Nachbar, der sich vor einigen Monaten eine Flinte angeschafft hatte, und dieser meinte nachdem er die Neuigkeit vernommen, daß der Uebelthäter ein Wolf sein müsse und er ihm eine auf den Pelz brennen wolle. Der Jäger bat ihn, über die Sache zu schweigen. Am Abend nahm der Jäger das todte Schaf und plazirte es auf dem Felde an passende Seite um den Wolf unter die Flinte zu locken. Bis nach 2 Uhr wartete er vergebens auf den Wolf und der Sache überdrüssig werdend, schoß er die Flinte ab und machte sich auf den Heimweg. Kaum war er 200 Schritte gegangen, so begegnet ihm der Wolf vom Dorfe herkommend und der Jäger suchte in seiner Verwirrung und mit der ungeladenen Flinte Schutz in einem nahegelegenen Brunnenloch, woselbst ihn der Wolf bis zum Tagesanbruch bewachte.

Die Jägersfrau, von Allem nichts wissend, vermißste ihren Mann am Morgen und da es schon 10 Uhr geworden und derselbe immer noch nicht zum Vorschein kam, theilte sie es ihren Nachbarn mit. Der Nachbar aber erschrack und nach einigen tiefsinnigen Gehirnberegungen theilte er ihr die Geschichte vom Wolfe mit und sofort begann man die Umgegend abzusuchen. Alles ohne Erfolg. Nachdem man sich wieder auf den Heimweg gemacht, hört man auf einmal Hülferufe aus besagten Brunnen und nun hatte man endlich den Vermißten gefunden und konnte ihn mit Hülfe einer herbeigeholten Leiter aus seiner mißlischen [?] Lage befreien.

Dem Jäger wollte der Wolf nicht aus dem Kopf, und Abends setzte er sich, ohne Jemanden etwas zu sagen, in den besagten Schafstall, machte die Gitterthüre zu und ließ das äußere Bretterthor offen. Als abends um 11 Uhr der Nachbar heimkam und das Thor des Schafstalls offen sah, riegelte er es von außen zu. Der Jäger schlief wahrscheinlich. Am nächsten Morgen, wie die Hausfrau die Kühe melken wollte, hörte sie rufen, wußte aber nicht woher es kam und eilte zum Nachbarshof, wo gerade die Nachbarin mit dem Milcheimer aus der Hausthüre trat und erzählte ihr von dem Rufen. Da der Jägersmann wieder nicht zu Hause war, begann das Suchen abermals und Beide vergaßen ihre Kühe zu melken und zur Herde zu treiben.

Auf einmal kam der Jäger mit seinem Nachbar um die Ecke und seine Frau erblickend, rief er ihr zu: „Weib, wo bleibst Du denn so lange; unsere Kühe stehen ja noch ungemolken und der Hirt ist schon auf dem Felde!“

Auf die allgemeine Aufklärung hin nahm der Wolfsjäger die Flinte und schlug sie auf die Erde, daß dieselbe in Stücke ging und seither hat der Jägersmann seine ordentliche Nachtruhe.

Gruß an alle Freunde und Bekannten und an Sie, Hr. Fettig, nebst Familie.

Romuald Dirk.