Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 12. Oktober 1911

Film 11463, Vol. 6, No. 12, Page 2

Emmenthal, Bessarabien August 20. 1911

Am 14. August erhielt ich auf unserem Postamt No. 3 dieses Blattes, auf welche ich schon ein paar Tage mit Sehnsucht wartete, um zu erfahren, was unsere Freunde und Landsleute dort über dem Ocean auch machen, fand aber beim Entfalten derselben nur wenige Korrespondenzen. Ich hoffe in der folgenden Nummer mehr zu erfahren, denn mit Dreschen sind wir hier fertig und so wird es wohl auch über dem großen Wasser sein. Hoffentlich wird wieder manche Hand nach der Feder greifen und sich im Blatte hören lassen.

Besten Dank, Hr. A. Degenstein, J. Ganje, Peter Jochim, Anton Wikenhauser, J. Giesinger und Michael Müller für die Nachrichten, welche Sie in No. 4 brachten. Solche Leute, sehe ich, hält euch die dringendste Arbeit nicht zurück, ein Stündchen auch für Freundschaft und Leserkreis zu opfern. Wenn doch auch nur einer meiner Freunde in diesem Blatt von sich hören ließe, das würde mich sehr freuen. Herr Jochim, in Emmons County, wahrscheinlich kennen Sie einige von meinen Freunden. Nehmen Sie doch das Blatt in welchem diese Worte hier erscheinen und besuchen Sie einen oder den andern, damit werden sie vielleicht auch aufgemuntert zum Korrespondiren. Vielleicht hat schon Mancher die alte Heimath vergessen, das wäre schlimm. Es ist doch jetzt nicht mehr die gleiche Zeit, wie damals, wo unsere Voreltern aus Deutschland nach Rußland übersiedelten. Damals wußte Keiner etwas von einer Zeitschrift. Somit weiß die jetzige Generation gar nichts, wo ihre Voreltern aus Deutschland ihre Heimath hatten. Ich denke, wenn der Staats-Anzeiger mit der Zeit mehr in Rußland und über dem Ocean wird, so werden Diese, welche nach hundert Jahren an unserer Stelle sein werden, ganz genau wissen, wo ihre Voreltern in Rußland ihre alte Heimath hatten.

Ich weiß von vielen meinen Freunden nicht, wo sie sich in Amerika aufhalten, hoffe aber durch den Anzeiger alles zu erfahren. Mein Vetter Jakob Dirk und seine zwei Söhne Poncianus und Hermes sind auch in Nord-Dakota, aber ihre Adresse weiß ich nicht. Auch einen Schwager Jakob Marthaler habe ich in Amerika, weiß aber auch seine Adresse nicht. Vielleicht könnte mir Jemand aus dem Leserkreise die Adresse mittheilen.

Am 17. August waren von 314 Mitgliedern der neu gestifteten Kreditbank in der Stadt Bender 169 Theilhaber erschienen, welche zu dem neuen Werk die Verwaltungspersonen erwählten. Zu Direktoren haben wir erwählt Christian Fischer, wohnhaft in Be [.., .. .. -unlesbar] Suchof, Michael Groß aus Emmenthal. Einem Jeden sind 1200 Rubel Jahresgehalt bestimmt. Außerdem ist ein Buchhalter, K. W. Kaminsky, mit 1600 R. Jahresgehalt bestimmt worden, sowie zwei Gehilfen zu 1200 R. Jahresgehalt. Der liebe Gott gebe zu unserem Werk seinen Segen.

Mit Dreschen sind hier Alle fertig und fangen mit Säern der Wintersaat an, es fehlt aber an Regen. Während dem Dreschen hatten wir zu viel Regen, so daß viel Getreide zugrunde ging und jetzt ist das Erdreich schon wieder ganz ausgetrocknet, so daß kaum gepflügt werden kann.

Herzlich grüße ich meine Schwiegersöhne Ignatz Groß in Morton County und Eduard Richter und ihre Frauen und Kinder, sowie alle Freunde und Leser.

Romuald Dirk.


Emmenthal, Bessarabien August 27. 1911

Ich bin zwar kein Abonnent des Staats-Anzeiger. Es hat uns aber sehr gefreut, als Romuald Dirk uns aus No. 5 vorlies, daß Du ein Paar Bronchos gekauft hast für $160, wahrscheinlich bist Du es mit den Ochsen nicht gewöhnt, weil Du sie verkaufen willst. Es freut uns sehr, daß Ihr dieses Jahr eine gute Ernte habt. Den Staats-Anzeiger habe ich jetzt das erste Mal gesehen aber [es ist] ein schönes Blatt. Wer liest bei Euch das Blatt, Du oder Andere? Schreibe Du auch im demselben. Nichts ist uns so lieb wie ein Brief.

Herzlichen Gruß von Deinen Eltern und Bruder Peter.

Karl Maas.


Emmenthal, Bessarabien, den 8. Sept.

Werthe Redaktion! Von der Dreschzeit bis zur 5. Sept. und seither regnet es jeden Tag. Wenn es diesen Monat so fortmachen sollte, befürchten wir, daß das Welschkorn nicht vollig ausreifen wird. Alle Spätjahrsfrüchte stehen noch in schönstem Grün da. Ausgangs August war der Fruchtpreis ziemlich hoch: Weizen 1 Rubel 12 Kopeken das Pud, Gerste 76 Kop. Jetzt ist der Weizen auf 90 und Gerste auf 70 gefallen.

Pferde und Vieh sind schon den ganzen Sommer sehr theuer und scheinen die Preise noch höher zu gehen. Ein Pferd, welches im voriges Jahr für 100 Rubel kaufte, kostet jetzt 175, und der Preis für Kühe ist von 40 auf 80 Rubel gestiegen. Am 5. Sept. sind einige Pferdekäufer aus Krasna hier eingetroffen, haben aber des hohen Preises wegen nur 15 Pferde gekauft. Das Schaffleisch kostet im Dorfe 14 Kop. per Pfund, Rindfleisch 15, Butter 30, Eier 22, und in der Stadt ist alles um 5 bis 8 Kop. theurer. Auch Anton Arnold aus Karn Mairat, Rumänien, ist heute hier in Emmenthal, um Pferde zu kaufen, hat aber wohl keine gekauft, wahrscheinlich ist ihm der Preis zu hoch.

Lieber Neffe Peter Januscheitis [sic] in Morton County, N. D., die Vollmacht für Dein väterliches Vermögen habe ich erhalten und denke am 12. Sept. mich dahinzubegeben. Wie ich gehört habe und der Vormund mir vor etwa einem Monat persönlich mittheilte, ist die Erbschatz schon unter die Geschwister getheilt und Dein Antheil Deinem Bruder Thomas zugeschoben worden welcher dir Deinen Theil nach Gutachten zuschicken soll und werde ich sehen, wie er sich darüber aussprechen wird. Allenfalls muß ich laut Deiner Vollmacht gegen den Vormund Klage erheben wegen ungesetzlicher Theilung. Ich war schon seit einem halben Jahre nicht mehr bei Deinem Bruder Thomas. Hättest Du Deine Vollmacht vor einem Monat gesandt, so hätte ich der ungesetzlichen Theilung Einhalt gebieten können. Jetzt wird es natürlich viele Umstände machen.

Am 12. reise ich nach Krasna und werde bei meiner Rückkehr dann an dieses Blatt berichten, was ich gehört und gesehen. Soweit ich weiß, lebt die Großmutter noch und ist jetzt 80 Jahre alt.

Herzlichen Gruß an die Verwandten und den Leserkreis.

Romuald Dirk