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Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 19. Oktober 1911

Film 11463, Vol. 6, No. 13, Page 2

Emmenthal, Bessarabien September 12. 1911

Die Witterung hält sich jeden Tag hell und trocken. Die Bauern sind alle Tage beschäftigt mit Ackern, so daß sie nicht Zeit bekommen nach Kainari auf den Markt zu fahren.

Die Trauben sind geherbstet, der Wein aber bis jetzt noch süß und dient nur zu einer Kur, aber in acht Tagen wird er Meister.

Herzlichen Gruß an meine Schwiegersöhne Ignatz Groß und Frau und Eduard Richter und Frau. Besonders grüße ich herzlich meinen Collegen Anton Jochim. Wenn Jemand seine Adresse weiß, möge man sie mir melden, ich habe ja an den alten Patriarchen so viel zu schreiben. (Hr. Anton Jochim wohnt in Harvey, North Dakota.)

Romuald Dirk.


Werthe Redaktion!

Ehe ich abreise nach Krassna will ich schnell noch für die Leser des Staats-Anzeiger etwas thun. Heute Nachmittag hat sich der Himmel ganz aufgehellt und deutet auf schönes Wetter. Morgen denkt jeder Bauer an sein Werk gehen zu können. Es wäre auch Zeit - es ist schon spät und hat noch kaum Jemand was geackert für die Wintersaaten. Ist dem Bauer die Witterung ungünstig zu seinem Geschäft, so ist er schon betrübt, er will doch ganz schnell in den Wohlstand kommen und es thut sich für ihn kein Weg auf dazu. Es handelt sich heute beim Bauern nicht um das Nothwendige sondern um den Wohlstand. Giebt ihm unser Gott nicht eine Ernte im Ueberfluß, so ist er unzufrieden und sagt: „Nein es nicht mehr hier in Rußland aus zukommen. Hat man von der Ernte ein paar Rubel übrig, so muß man sie für Steuern forttragen und ich bleib jahrhrein und jahraus ein armer Mann. Warte' ich mache dem Ding ein Ende. Ich gehe nach Amerika, da werde ich gewiß bald ein wohlhabender Mann sein, denn hier in Rußland machen einem die vielen Steuern zu nichts.“

Lieber Leser! Neulich kam ich an einen Ort, wo eine große Menschenmenge beisammen saß und hörte bei meiner Anttritt, daß die Haupt…halzung die war, daß durch die großen Steuern vor Seiten der Regierung es dem Bauern in dieser Zeit nicht mehr möglich macht, in den [hier gibt es zwei fast unlesbaren Zeilen] ein einziger von ihnen schw. während der Unterhaltung, was mir aufstel. und ich stellte die Frage an ihn: „Und Ihr, Vetter, sagt gar nichts zu dieser Verhandlung?“

Der alte Vetter Christian setzte sich auf meine Frage besser zurecht und anmerkte: „Wenn Sie auch mein Wort verlangen, so will ich dasselbe den jungen Leuten hier geben, denn für den Verständigen ist ein Wort genug, wie gewöhnlich der Milchseppel sagt.“ Alle bieten mit ihrer Unterhaltung. Und der Vetter Christian fuhr folgendermaßen fort.
„Die Abgaben, ihr lieben jungen Männer, sind in der That sehr drückend. Wenn wir keine andern zu bestreite hätten als die, welche die Regierung uns auferlegt, dann ließ es sich noch tragen; aber es kommen noch so viele andere hinzu, die für einige unter euch noch viel drückender sind. Zweimal so hoch werdet ihr durch eure Trägheit, dreimal so hoch euere Stolz, und viermal so hoch durch Torheit, und fünfmal so hoch durch den Kainarar Bazaar besteuert, und von dem Drucke dieser Anslag, können die Steueraufleger uns nicht durch Herabsetzung befreien. Jedoch laßt uns nur dem guten Rathe Gehör geben, dann kann uns noch einigermaßen geholfen werden. Gott hilft den, die sich selber helfen, wie gewöhnlich der Milchseppel sagt.
„Erstens: Eine Regierung, welche ihre Unterthanen [?] um einen zehnten Theil der Zeit besteuern wollte, um diese zu ihrem Nutzen zu verwenden, würde großser Härte beschuldigt werden. Durch Trägheit aber werden manche von euch noch weit höher besteuert, sowie durch Müsiggang, welcher aller Laster Anfang ist. Müßiggang gleicht dem Rost, welcher schneller verzehrt als wie Arbeit annutzt, und ein gebrauchter Schlüssel ist immer blank, wie gewöhnlich der Milchseppel sagt. Aber liebt ihr das Leben, so vergeudet die Zeit nicht, denn sie ist der Stoff, aus dem die Zeit gemacht ist. Wie viel mehr als nöthig wäre, verschlafen nicht, weil ihr nicht daran denket, daß der schlafende Fuchs keine Hühner fängt und daß wir lange genug im Grabe schlafen werden. Wenn die Zeit von allen das kostbarste ist, so muß das Zeit vergeuden die größte Verschwendung sein.

So laßt uns denn bei der Hand sein und handeln zweckmäßig bandeln, so werden wir durch Fleiß mehr beschaffen und weniger in Verlegenheit kommen. Müssigang macht alles schwer, Betriebsamkeit, d. h. Arbeitsamkeit macht alles leicht. Wer spät aufsteht, wie ihr, muß den ganzen Tag traben und wird kaum bis Nacht das Versäumte einholen. Trägheit aber kommt so langsam vorwärts, daß gar die Armuth sie einholt. Treibet euer Geschäft, laßt dieses euch nicht treiben, und früh zu Bett, früh wieder auf, giebt dem Menschen Gesundheit, Wohlstand und Weisheit, wie gewöhnlich der Milchseppel sagt. Was hilft es denn, daß ihr wünschet und hoffet auf bessere Zeiten oder auf das gelobte Land Amerika? Ihr könnt alles besser hier machen durch eigene Anstrengung. Arbeitsamkeit braucht nicht zu wünschen und der von Hoffnung lebt, wird hungrig sterben. Kein Verdienst ohne Dienst, drum brauch ich die Hand, denn ich habe kein Land so wie Herr Romuald hier, oder wenn ich's habe, so ist es drückend schwer besteuert. Wer ein Geschäft hat, der hat Vermögen, und wer ein Gewerbe hat, der hat ein Amt. Dann muß aber das Geschäft ordentlich besorgt und das Gewerbe mit Fleiß betrieben werden, sonst wird uns weder das Vermögen, noch das Amt in den Stand setzen, unsere Abgaben zu bezahlen. Wenn wir fleißig sind, werden wir nie verhungern, denn in des thätigen Arbeiters Haus kann der Hunger wohl hineinsehen, darf aber nicht hinein. Und ebensowenig der Steuer und Schuldenverlanger. Denn Arbeitsamkeit bezahlt die Schulden, Muthlosigkeit vermehrt sie. Hast du keinen Schatz gefunden, hast du keine Hinterlassenschaft von deinem verstorbenen Vater, umso besser. Fleiß ist die Mutter des Glücks, und Gott giebt alles der Arbeitsamkeit.

Wenn's Faulen noch im Bett gefällt,
Besorge sorgsam du dein Feld;
Dann bringt dein Korn dir Brod und Geld.

Der Vetter Christian sprach ferner: Seid thätig, da es noch Zeit ist, denn du oder ein anderer von euch hier kann nicht wissen, was euch morgen daran verhindert. Ein „heute“ ist so gut wie zwei „morgen“, was sich heute läßt besorgen. Greife dein Werkzeug an ohne Handschuhe; bedenke, daß eine Katze mit Handschuhen keine Mäuse fängt. Wahr ist es, es giebt zu thun und vielleicht sind eure Hände schwach; doch bleibet nur standhaft dabei und ihr werdet sehen, daß man viel leisten kann. Denn unaufhörlicher Treppenfall greift selbst Steine an. Durch Geduld und Emsigkeit gelingt es der Maus, ein Ausertan zu durchfressen, und durch schwache Beilenhiebe fällt am Ende die stärkste Eiche.

Vielleicht fragen einige von euch: Soll man sich denn gar keine Lustbarkeit machen oder gönnen? Ich will euch erzählen, meine Kinder, wie gewöhniglich der Milchseppel sagt: Wenn einer Pläsier haben will, so muß er seine Zeit gut anwenden und keine Stunde wegwerfen, da ihr keine Minute sicher seid. Lustbarkeit ist übrige Zeit, um etwas Nützliches zu machen. Solche Pläsier wird der fleißige Mann wohl finden, aber der Träge nie, denn ein Leben voll Pläsier und ein Leben voll Müssiggang ist zweierlei. Manche möchten ohne Arbeit mit klugem Kopfe durchkommen, aber vergesset nicht, daß die Flasche mit Wasser keinen Wein bieten kann. Wer zu einer Sache seine Kenntnisse hat, soll sie dem überlassen, der sie hat, und nur das thun, was er versteht, dann wird er kein Mangel an Vorrath haben. Durch Arbeitsamkeit dagegen erwirbt man sich Ueberfluß, Bequemlichkeit und Achtung. Fliehet die Freuden, dann werden sie euch folgen. Bei unserer Arbeitsamkeit müssen wir aber auch stetig und ruhig ausharren, müssen sorgfältig unsere Geschäfte mit eigenen Augen übersehen und Andern nicht so viel anvertrauen, denn:

Familien, die oft umzuziehen pflegen,
Und Bäume, die man häufig umpflanzt, treiben
Und wachsen nie mit so erwünschtem Segen,
Als wenn sie stets an einer Stelle bleiben.

Und ferner: Dreimal umziehen, ist so schlimm, als einmal abbrennen. Versorge deine Wirthschaft, dann wird auch deine Wirtschaft dich versorgen. Willst du einen Auftrag wirklich ausgerichtet haben, so gehe selbst: liegt dir nichts daran, so schicke einen Andern.

Soll dich der Pflug zum Wohlstand führen,
So mußt du selbst die Glieder rühren,
Selbst Pflugschar oder Peitsche führen.

Des Herrn Auge schafft mehr, als seine beiden Hände: Mangel an Aufsicht schadet mehr, als Mangel an Einsicht.

Nicht auf seine Leute passen,
Heißt den Geldsack offen lassen.

Gar Manchem ist es schlecht ergangen, weil er zu viel auf die Sorgfalt Anderer baute, denn: In weltlichen Dingen macht nicht der Glaube selig, sondern der Mangel an Glauben. Aber eigene Sorgfalt bringt Gewinn. Wünschest du dir einen treuen Diener und einer, der dir lieb ist, so diene dir selbst. Kleine Sorglosigkeit kann große Sorgen bringen; weil ein Nagel fehlte, verlor das Pferd ein Hufeisen, weil ein Hufeisen fehlte, verlor der Reiter sein Pferd, weil ein Pferd fehlte, verlor die Welt einen Reiter, denn der Feind holte ihn und schlug ihn todt, und alles das, weil nicht sorgsam genug nach dem Hufnagel gesehen ward.

Drittens: So viel, liebe junge Leute hier und Herr Romuald, von der Arbeitsamkeit und der Aufsicht über die eigenen Geschäfte. Dazu müssen wir uns aber noch der Sparsamkeit befleißigen, wenn wir mit eigener Sicherheit auf den Erfolg unserer Arbeitsamkeit rechnen wollen. Wer nicht zu bewahren weiß, was er verdient, kann sein Leben lang mit der Nase überm Schleifstein sitzen und doch sterben, ohne einen Cent werth zu sein. Eine fette Küche macht ein mageres Testament, wie gewöhnlich der Milchseppel sagt, und:

Wird nicht mehr gestrickt, genäht, gesponnen,
Weil die Weiber gern am Kaffeetisch sitzen,
Wird mit Beil und Hobel nichts begonnen,
Weil die Männer nur beim Schnapsglas schwitzen.

Dann heißt's, wie gewonnen, so zeronnen. Willst du reich werden, denke an's Auskommen so gut wie an's Einkommen. Amerika hat Spanien nicht reich gemacht, weil die Ausgabe immer größer war als die Einnahme. Weg denn mit euern kostspieligen Auslagen, für die Tochter jede Woche ein neues Kleid, für den Sohn für 12 Rubel Glanzstiefel und in Kainari und Bender den Schnaps! Dann werdet ihr nicht mehr so viel Ursache haben, über harte Zeiten, schwere Abgaben, und theures Hauswesen zu klagen, denn:

Durch Betrug und Spiel, durch Weiber und Wein
Wird der Mangel groß und der Wohlstand klein.

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