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Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 26. Oktober 1911

Film 11463, Vol. 6, No. 14, Page 2

Emmenthal, Bessarabien, September 17. 1911

(Fortsetzung) Alle horchten dem Vetter Christian aufmerksam zu, und er sprach ferner: Für das was ein Laster kostet, kann man zwei Kinder groß ziehen. Vielleicht meint ihr: Dann und wann ein wenig Thee und ein wenig Kaffee, ein wenig Wein, ein wenig Schnaps, ein wenig gutes Essen, ein wenig feinere Kleider und ein wenig Gasterei, das kann doch so viel nicht machen. Merkt euch aber, wie der Milchseppel sagt: „Viel Wenig macht ein Viel“. Darum nehmet euch vor kleinen Ausgaben in acht. Ein kleines Loch versenkt ein großes Schiff.

Findest du an Leckereien nur Geschmack,
So bleibt dir endlich nur der Bettelsack.

Und:

Narren halten offen Tafel
Kluge Leute speisen dazu.

Ich hätte euch noch viel zu erzählen, aber es ist Zeit auf die Versteigerung zu gehen. Auf einer Versteigerung wird ja vieles wohlfeil verkauft, ja manchmal viel billiger als es mal gekostet hat; wer es aber nicht braucht, so ist es für Denjenigen noch viel zu theuer. Bedenkt, was gewöhniglich der Milchseppel sagt:
„Kaufe nur was du nicht bedarfst, und ihr werdet wahrlich bald eure Bedürfnisse verkaufen müssen“. Und: „Kannst du einen recht wohlfeilen Handel machen, so besinne dich eine Weile und merke dir: durch wohlfeile Einkäufe hat Mancher sich zu Grunde gerichtet“. Und: [hier gibt es zwei unlesbare Sätze.] Wie mancher geht vor euch mit hungrigem Magen unter und läßt die Seinen darben, und sich den Nackten mit Putz zu beladen. Taffel und Atlas, Sammet und Seide löschen das Küchenfeuer aus, wie gewöhniglich der Milschseppel sagt.

Diese Dinge kann man nicht die Bedürfnisse, kaum einmal die Annehmlichkeiten des Lebens nennen; und doch sehnen sich so viele darnach, bloß weil sie hübsch aussehen wollen. Aber schön ist nicht schön sondern schön getan ist schön. Durch solche und ähnliche Thorheiten sind schon manche angesehene Männer ihren Vermögens-Umständen so heruntergekommen, daß sie von Anderen borgen mußten, die sie früher verachteten, die aber durch Fleiß und Sparsamkeit sich in ihrer Lage zu behaupten wußten, und da zeigt sich's denn recht klar, daß ein Bauer, der steht, höher ist als ein feiner Herr, der kniet, wie gewöhniglich der Milchseppel sagt.

Vielleicht waren sie die Erben eines kleinen Vermögens, wußten aber nicht auf welche Weise Dasselbe erworben wäre und meinen die Sonne stehe hoch am Himmel und werde nie untergehen und es sei nicht der Rede werth, wenn man von so vielem ein wenig ausgebe; aber wer immer aus dem Mehlkasten schöpft und nicht wieder nachfüllt, der kommt bald auf den Grund, und wenn der Brunnen trocken ist, lernt man erst das Wasser schätzen.

Willst du Werth des Geldes kennen, so geh' und leihe dir welches, dann wirst du bald merken: „Das Borgen macht Sorgen.“

Und ebenso geht es denen, welche ihr Geld solchen Leuten geliehen haben, und es gerne wieder hätten. Der Milchseppel sagt aber:

Der Thoren Modesucht
Hat Mancher schon ferflucht;
Drum sei du nicht eitel,
Frag immer erst den Beutel.

Und:

Der Stolz bettelt so laut als die Noth,
Doch wird er dabei so leicht nicht roth.

Der Arme, welcher dem Reichen nachäfft, ist ebenso thöricht wie der Frosch, der sich aufbläst, um so groß wie ein Ochs zu werden.

Ein großes Schiff mag immer seewärts treiben,
Ein kleines Boot soll hübsch am Ufer bleiben.

Doch solche Thorheiten bleiben nicht lange ungestraft, denn dem Stolz wird Mittags Eitelkeit, Abends Verachtung aufgetischt, wie gewöhniglich der Milchseppel sagt. Und der Stolz nimmt sein Frühstück mit dem Reichthum, sein Mitagessen mit der Armuth, sein Abendessen mit der Schande ein. Und wozu dient am Ende dieser Scheinstolz, für den so viel gewagt und so viel geduldet wird? Er kann weder Gesundheit geben noch Schmerzen nehmen und ebenso wenig den persönlichen Werth erhöhen; wohl aber Neid erregen und Unglück beschleunigen.

Wie Mancher von euch hier ist schon Abends vom Felde gefahren mit ermüdeten Pferden, aber bei Ankunft im Dorfe mußten die armen Thiere so viele Peitschenhiebe aushalten, um nur vor den Leuten stolz zu paradiren. Könnten aber solche armen Thiere sprechen, wie würden sie euch beschämen, als Menschen mit Verstand begabt, von ihnen solche Ungerechtigkeiten zu verlangen.

Wir sind am Platz, wo über kurz der Versteigerungsverkauf losgehen wird und zwar auf Kredit. Aber welche Thorheit gehört dazu, dieser entbehrlichen Dinge halber Schulden zu machen. Alte Versteigerungs-Bedingungen sind bei uns auf ein Jahr Kredit und das hat vielleicht auch heute einige von uns bewogen, hierherzube kommen, indem er kein baares Geld hat und hofft auch ohne das sich hier recht schön machen zu können. Aber ich bitte euch, bedenkt was ihr thut, wenn ihr noch mehr Schulden macht als ihr schon habt, ihr gebet dadurch einem Anderen Gewalt über euch. Habt ihr vielleicht schon vergessen, wie es einem Manchen von euch schon ergangen ist, wenn ihr zur bestimmten Zeit nicht zahlen konntet, Ihr habet euch schämen müssen vor dem Gläubiger. Ich sehe es heute noch, welche kriechende Entschuldigung ihr machen mußtet, denn wisset: Das erste Laster ist Schulden, das zweite Lügen, und Schulden ziehen den Magen, auf welchen die Lüge fährt.

(Fortsetzung folgt.) Emmenthal, den 17. Sept.

Die Feldarbeit nimmt infolge günstiger Witterung ihren stetigen Fortgang und sollte die Witterung so anhalten, so wird das Welschkorn schön ausreifen. Wir rechnen auf als 200 Pud Maiskolben von der Dessjatin.

Einen herzlichen Gruß an Verwandte, Freunde und Bekannte.

Romuald Dirk.

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