Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 1. Februar 1912

Film 11463, Vol. 6, No. 27, Page 2

Emmenthal, Bessarabien
Dezember 8. 1911

Nachdem bei anhaltend nasser Witterung bei uns sich die Sonne längere Zeit hinter den Herbstwolken versteckt hielt, trat vor drei Tagen zur Abwechslung starker Frost und trockenes Wetter ein, nach welchem sich die ganze Umgegend lange schon sehnte, um wieder per Achse die geschäftliche Thätigkeit aufnehmen zu können. Natürlich wollten viele Leute nicht die ersten sein, weil die Wege durch scharfen Frost sehr holperig und rauh waren und es kein Vergnügen war, sie zu befahren. Am Vorabende des Festes Mariae Empfängniß stellte sich der Himmel ganz klar und am Tage des Festes selbst lachte uns die Sonne hell in's Gesicht, aber wir betrachteten das als Vorbedeutung starken Frosts und wir hatten uns nicht geirrt. Der heurige Winter hat nicht nur die Nord-Dakotan früh überfallen, sondern auch uns hier im Süden, konnte aber freilich seine Macht hier nicht so wie in Nord-Dakota geltend machen, weil eben doch die Sonne hier mehr zu Hause ist als der Winter. Somit mußte er nach kurzer Herrshaft wieder weichen und jeder unserer Bauern hier konnte seine Sommerarbeiten völlig endigen, ehe er wieder an die Regierung kam.

Wie uns nun der Staats-Anzeiger aus Nord-Dakota belehrt, so bewies dort der Winter, daß er dort zu Hause ist und natürlich ist auch der Norden des Winters Heimath. Folglich dürfen die Leute in den Dakotas sich auch nicht darüber aufhalten, daß der Winter bei ihnen sein geltend machte. Er brachte euch allen damit gewissermaßen euere alte Heimath in's Gedächtniß, und die Thatsache, daß zwischen Norden und Süden eben ein gewaltiger Unterschied ist. Ich glaube, es wird unter meinen Freunden und Bekannten dort im Norden wohl viele geben, die da sagen, daß sie in Südrußland geblieben, wenn mehr Land zu haben gewesen wäre. Ich muß aber bemerken, es bis heute noch an

Land keinen großen Mangel hat. Nicht die Landnoth allein veranlaßte die meisten die jetzt drüben sind, ihre Heimath zu verlassen, sondern viele andere Umstände bewogen sie, im fernen Amerika etwas besseres zu suchen. Für ärmere Bauern war es freilich noch vor einigen Jahren hier im Süden schlimm genug, denn war wirklich einer, der es wagen wollte, bei Mangel an Mitteln sich ein Stück Land zu erwerben, so mußte er wohl oder übel die Vermittelung des Wucherers suchen und bei ihm anklopfen, und da fand er immer, was er nicht suchte, denn die Kopeken des Wucherers sind zu barmherzig hungrig und schleppen, wo auch sie hinkommen, andere mit sich zurück und der Bauer hat gewöhnlich das Nachsehen. Jetzt aber, liebe Landsleute, ist diesem Uebel einigermaßen abgeholfen und ihr selbst werdet neuerdings bemerkt haben, daß die Einwanderung aus Südrußland nicht mehr so stark ist wie frueher. Heute wird dem armen Bauer hier etwas unter die Arme gegriffen, und er ist durch Errichtung guter Kreditgesellschaften fast ganz den Armen des Wucherers entwischen. Ich berichte also, daß solche Gesellschaften, wo der Bauer zu niedrigen Zinsfuße Geld borgen kann, in's Leben gerufen wurden, aber leider nicht überall ist dies hier Fall. Solche Gesellschaften bestehen eben nur, wo fortschrittliche Ideen und Bildung sich Bahn gebrochen haben, und da vielerorts diese noch in tiefem Schlummer liegen, muß freilich noch vieles geschehen, bis sie überall eingeführt werden können. Wo Bildung und Fortschritt fehlen, herrscht Unkenntniß und Rohheit und wo diese Wurzel haben, da können 10 oder 20 der besten und gebildetsten Männer lange arbeiten, die Leute aufzuwecken. Unkenntniß und Rohheit sind einem Wolfe gleich, der über eine Heerde Schafe herfällt und gar nicht bedenkt, daß er dem Eigenthümer der Schafe mehr Schaden dadurch verursacht, als sein Hunger anrichten könnte, bliebe er unbefriedigt. Es ist dem Wolfe eben angeboren und er macht nur die Mode seiner Voreltern mit und jeder Wolfkenner möchte sagen, daß der Wolf immer so ist und es auch bleibt.

Freilich bleibt er so, denn er sieht es nicht anders von seinen Mitthieren. Wird er aber eingefangen und kommt unter Händel, die ihm besseres beibringen, so läßt er bald von dem ihm angeborenen Laster ab und wird besser. Ich will hiermit nicht den Menschen mit den Thiere auf gleiche Stufe stellen und vergleichen, sondern nur schildern wie auch einem unvernünftigen Thiere schlechte Eigenschaften abgewöhnt werden können, wie viel mehr also nicht auch Menschen, die ja Gottes Ebenbild und mit Vernunft begabt sind. Sie sollten gewiß nach Kentnissen und Bildung streben. Wenn es nicht wegen Mangel an fortschrittlichen Ideen und dem Streben nach Bildung wäre, möchte ich fast sagen, wir Südrußländer sind unseren Landsleuten in der neuen Welt einige Schritte vor, aber unter den hier noch stellenweise herrschenden Umständen kann ich das eben nicht behaupten. Man ist eben an die Pelzhosen gewöhnt, und in diesen kann man nur kurze Schritte machen. Eine solche Pelzhosengeschichte möchte ich hier beispielweise erwähnen.

Also im Herbste dieses Jahres miethete die Gemeinde meiner Nachbarskolonie Pikus einen Lehrer, ohne sich erkundigt zu haben, ob dieser auch die nöthigen Kenntnisse besitze. Die Hauptrolle bei der Anstellung spielte wohl die Gehaltsfrage und, da dieser Lehrer eben um geringen Lohn sich anbot trat er den Posten an und versah denselben nach Kräften. Schon im Verlaufe eines Monats wurde im Dorfe bekannt, daß es mit dem neuen Lehrer nicht ganz richtig ist und einige Vorlaute erklärten ihn gleich für unpassend und nichtswissend. Der Vorstand wurde zu Rathe gezogen; dieser versammelte, pflichtgemäß, die Gemeinde und der Lehrer bekam den Laufpaß. Wer saß nun im Pech? Natürlich der Herr Lehrer, weil er im Augenblick ohne Stellung war. Was blieb dem armen Lehrer übrig, als nochmal in seinem Schullokal zu übernachten und nachzudenken, wo er morgen einen anderen Dienst bekommt. Also verbrachte er die Nacht grüblnd und in schweren Gedanken. Doch wann die Noth am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Einige der Anschwärzer des Lehrers hatten eben auch eine sehr unruhige Nacht, und sie machten sich Sorgen wegen Besetzung der Lehrerstelle. Schließlich kamen einige der Leutchen auf den Gedanken, daß wenn der Lehrer sich um noch 20 Rubel billiger verdingen würde, ihm die Stelle wieder angeboten werde.

Gedacht, getan. Der Lehrer wurde befragt, und war gleich einverstanden. Aenliche Zustände herrschen bei uns in vielen Gemeinden, und da will man sich noch wundern, daß von Bildung und Fortschritt und gediegenen Kenntnissen nicht die Rede sein kann? Das sind die Zustände, die wir hier im Süden vielerorts zu bekämpfen haben. Verständige Männer sind natürlich in allen Gemeinden, und diese sind bereit, den Uebelstand zu beseitigen, aber sie sind eben gewöhnlich in der Minderheit und was will man machen, wenn der Moldawaner bei seinen Ochsen bleiben und von Pferden nichts wissen will? Ach, würden solch rückständige Leute sich doch einmal in Kolonien wie Landau, Selz, Karlsruhe und vielen anderen Schulanstalten des Chersonischen Gouvernments umsehen. Die Augen würden ihnen aufgehen, wie sie Adam und Eva im Paradiese aufgingen.

Gruß an die Redaktion und an alle Korrespondenten und Mitleser des Blattes.

Romuald Dirk.


Film 11463, Vol. 6, No. 27, Page 2

Emmenthal, Bessarabien
Dezember 18. 1911

Da bei uns über sechs Tage Weihnachten gefeiert wird, will ich auch einen Feiertagsgruß dem Staats-Anzeiger entbieten. Wünsche der Redaktion fröhliche Feiertage, viel Glück im neuen Jahre und tausende neue Leser. (Dafür herzlich Dank -Red. Staats-Anzeiger.)

Das Wetter ist soweit bei uns gelinde. Vergangene Nacht fiel etwas Schnee und die Erde ist weiß bedeckt, aber zur Schlittenfahrt langt es noch nicht.

Viel Neues kann ich diesmal auch weiter nicht berichten, will aber doch bemerken, daß am 16. ds. Mts. Freund Langbein bei uns einkehrte und einen Stammhalter hinterließ, der auf den Namen Joseph getauft wurde.

[Geschichte:]
In einem deutschen Dorfe verheiratheten sich dieses Jahr zwei junge Leute, aber schon nach Verlauf dreier Monate gebahr das junge Weibchen ein Kind. Der Mann wurde sehr unwillig und sprach: ich habe Dich genommen als ehrliches Weib, nun sind wir noch nicht neun Monate verheirathet, schon haben wir Familienzuwachs, und ich habe Dich vorher nicht gekannt. Da sagte das schlaue Weib zu ihrem nicht ganz klugen Manne: was redest du da? Wir haben doch schon neun Monate geheirathet, denn drei Monate habe ich Dich, drei Monate hast Du mich, und drei Monate sind wir verheirathet - also doch im Ganzen neun Monate. Dem Manne leuchtete das ein und er war zufrieden und kümmerte sich nicht mehr um das Gerede der Nachbarn.[Das Ende der Geschichte.]

In Nr. 13 und 14 und 19 habe ich die Einsendungen des Herrn Romuald Dirk von hier gelesen und will nur bemerken, daß ich es seitens dieses Herrn für sehr unpassend halte, wenn er versucht, hier alles anzuschwärzen, während er alle Ursache hat, der Gemeinde dankbar zu sein. Bei ihm scheint sich auch wieder das alte Sprichwort zu bewahrheiten: Undank ist der Welt Lohn.

Ich habe meinem Bruder Joseph geschrieben, er möge den Staats-Anzeiger für mich und für unseren Schwager Melchior Weber in Kraßna bestellen und auf ein Jahr bezahlen. (Bis jetzt aber ist keine solche Bestellung bei uns eingelaufen, doch mag sie vielleicht noch erfolgen. -Red. Staats-Anzeiger.)

Dann möchte ich auch alle Leser des Blattes bitten immer fleißiger zu korrespondiren, besonders jetzt im Winter, wo sich dazu viel Zeit bietet.
Zum Schluß will ich nicht unterlassen, herzliche Grüße an meine alte Mutter in Canada und an den ganzen Leserkreis durch den Staats-Anzeiger zu übermitteln.

Zachäus Kopp von Martin