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Film 11463, Vol. 6, No. 25, Page 2
Emmenthal, Rußland December 5. 1911
Ueber den ganzen Vorwinter war die Witterung warm und im November hatten wir drei Tage Schneewetter bei normaler Kälte, ziemlich Schnee hinwerfend, welcher aber des warmen Winters wegen nach und nach in die Erde wanderte und uns einen beinahe nicht fortkommenden Weg hinterlassend. Die Weihnachten sind dicht vor der Thüre und beinahe ein Jeder hätte viel zu fahren und ist es wegen unfahrbaren Wegen unmöglich. In Weinachten am Johannestage ist es doch Gebrauch, daß die Dienstboten ihre Dienstplätze wechseln, welche nicht auf der alten Stelle bleiben wollen, aber wenn die Witterung so bleibt, so kommt es bei denselben schwer raus. Viele Bauern sitzen am Fenster und warten auf Frost, um Weg zu erhalten für Knecht oder Magd zu holen. Er muß aber mit Geduld abwarten und sollte er ohne Dienstboten bleiben.
Da nur noch 14 Tage übrig bleiben im alten Jahre und ich unmöglich das alte Jahr dahinscheiden sehen kann, ohne meinen Freunden über dem großen Wasser zu demselben meinen Glückwunsch darzubringen, so sende ich denselben mit meinem Täubchen und hoffe, daß dasselbe zur rechten Zeit eintrifft.
Viel Glück zum neuen Jahre, liebe Schwiegersöhne Ignatz Groß mit Frau und Kind, Eduard Richter mit Frau und Kind, Bruder Jakob Dirk mit Familie, Neffen Lorenz Dirk, Peter Januschaidis in Morton County, und Neffen Lorenz Fenrich, Joseph Fenrich und Johannes Fenrich in Canada, sammt ihren Familien, Neffen Des Wagner und Familie, Adolf Wagner und Familie in Canada, Anton Dirk mit Familie, Markus Fenrich in Emmons County mit Familie, Schwager Jakob Marthaler in Kansas mit Familie, mein lieber alter guter Kollege Anton Jochim mit Frau, den ganze Leserkreis und werthe Redaktion des Staats-Anzeiger.
Gottlob, daß wir alle das alte Jahr so gesund und vergnügt zurückgelegt haben. Möge uns das neue ebenso freudenvoll da hinsetzen. Der Himmel schenke euch allen seinen Segen und lasse euch mit diesem neuen Abschnitte unseres Lebens eine neue glückliche Laufbahn beginnen, erheitert durch Gesundheit und ein ruhiges, zufriedenes Herz. Erhaltet nur, liebe Freunde, meine Liebe, die für mein Herz so großen Werth hat, und seit versichert daß sich die meinige euch unwandelbar bis zum Grabe erhalten wird. Besonders wünsche ich, liebe Freunde, im Laufe des neuen Jahre, durch den werthen Staats-Anzeiger, näherer Freunde zu werden und durch Lesen und Korrespondiren in demselben sich recht Freude zu machen.
Ich behalte mir vor, euch ein andermal mehr zu schreiben. Für heute nun noch die wiederholte Versicherung, daß ich lebenslang euer aufrichtiger Freund bleiben werde.
Romuald Dirk.