Film 11463, Vol. 6, No. 30, Page 3
Emmenthal, Bessarabien Januar 9. 1912
Glück im neuen Jahre-
Werthe Staats-Anzeiger, ich schon bald ein volles Jahr Leser des Lieben Blattes, habe aber seither noch keine Korrespondenz der Redaktion zugehen lassen. Nun aber will ich es einmal reskiren, und wenn Herr Redakteur Brandt meine Berichte annimmt, werde ich ofters schreiben. (Werden gewiss gerne im Blatte aufgenommen. Also bitten wir, nur weiter zu schreiben. Red.)
Meine Kollegen in Amerika möchte ich nur bitten, dass liebe Blatt wieder auf ein Jahr für mich zu bestellen und zu bezahlen, und ich werde das Geld mit Dank wieder abstatten.
Wir haben sehr kaltes Wetter, bis 10 und 12 Grad unter Null, und in der Nacht sogar manchmal 18 bis 20 unter Null. Das ist im Süden schon eine ungewöhnliche Kalte. Auch Schnee haben wir viel, denn er liegt bis 20 Zoll hoch auf freiem Felde. Haufen hat es nur wenige zusammengefegt, denn der Schneefall ereignete sich fast immer bei stillem Wetter. Wir haben gut Schlittenbahn, die auch gehörig benutzt wird.
Die Feiertage haben wir glücklich verlebt und es hat sich während derselben nichts von Belang zugetragen.
Ich will aber eine Geschichte berichten, die schon vor sieben Jahren ihren Anfang nahm und auch heute noch nicht ihr Ende erreicht hat. Nämlich, vor sieben Jahren war bei uns im Dorfe eine Wittfrau, die eine Lafka hielt und die sich in stiller Einsamkeit ihr Brot verdiente. Aber, der Mensch will halt nicht allein sein. Schon Adam war des Alleinseins müde, und erschuf ihm Gott die Eva, die ihn zur Sünde verführte. So ging es auch dieser Wittfrau, nur mit dem Unterschiede, dass zu ihr ein Mann kam aus einem andern Dorfe, um sie zu heirathen. Die Wittwe willigte auch ein, ohne lange sich zu besinnen. Kaum aber waren sie getraut, da fing der Mann an sie zu bereden, die Lafka zu verkaufen. Er sagte zu ihr: wir wollen die Lafka abschaffen und in mein Heimathsdorfe ziehen; dort ist es besser; was willst du dich wegen jeder Kopeke mit den Leuten ärgern? Gesagt, gethan. Sie verkauften die Lafka und zogen in des Mannes Heimathsdorfe, aber dort fand es die Frau so ganz anders. In ihrem Heimathsdorfe hatte die Frau reiche Eltern gehabt, bei denen sie Hülfe und Trost suchen konnte, aber nun musste sie sich selbst helfen, und die Lafka, in der sie sich die nothwendigsten Kopeken verdient hatte, die war weg. Die Frau war in's Unglück gerathen. Nur kurze Zeit aber waren sie in des Mannes Heimathsdorfe, da began die Frau ihrem Manne vorzureden, bis er einwilligte, wieder zurückzuiehen in unser Dorf, und hier lebten sie einige Jahre ganz in der Stille. Die Lafka war weg, die dem Weibe gar nicht aus dem Sinne kommen wollte - der Mann hatte freilich keine Gedanken daran. Endlich öffente ein Mann noch eine Lafka in unserem Dorfe, hielt sie aber nur ein Jahr lang, dann gab er vor nach Amerika ziehen zu wollen, aber nur zum Schein, um die Lafka loszuwerden. Endlich kam es auch der Frau zu Ohren, daß die Lanka verkauft werden sollte, und sie ließ ihrem Manne keine ruhe, bis er einwilligte, die Lafka zu kaufen, und sie erhielt sie zum Preise vom 2,000 rubel. Nun haben sie kaum die Lafka ein Jahr, und sehen die Sachen immer weniger, die Schulden aber mehr warden. Sie haben wohl schon mehr Schulden als Waaren in der Lafka. Sie giebt ihm die Schuld, und er ihr, aber alle beide haben wohl Schuld. Jetzt will der Mann die Lafka verkaufen und Vieh und Pferde dazu, um die Schulden zu bezahlen, aber er weiss nicht ob es ausreichen wird. Wenn er die Schulden abbezahlt hat, ist er wie ausgezogen, und dann will der Mann wieder in seine Heimath, weil er sich der dummen Handlung schämt, und die Frau weint, denn sie will nicht von hier fort. Wie es noch mit dem Verkauf endigen wird, werde ich später berichten.
Allerseits grüssend, zeichnet hochachtungsvoll
Joseph Reis