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Film 11463, Vol. 6, No. 32, Page 3
Emmenthal, Bessarabien Januar 18. 1912
Lieber Staats-Anzeiger:
Vor allem anderen will ich berichten, daß ich am 12. Januar eine Rundreise antrat durch das südliche Bessarabien, und zwar per Schlitten.
Auf dieser Reise durchfuhr ich auch viele deutsche Kolonien und erfuhr, natürlich auch viele Neuigkeiten, aber leider waren die, welche ich am ersten und zweiten Tage meiner Reise erfuhr, nicht sehr erwünschte, denn von allen Seiten brachte man Nachrichten, daß ein paar Tage zuvor entlang des Donauflusses auf weite Strecken die Schilfniederungen ausgebrannt seien, und alle Wölfe, die sich in diesen immer aufhielten, nun ihre Zuflucht auf den Steppen der deutschen Kolonien suchten und allerorts viel Schrecken und Schaden verursachten. Das war für mich wirklich eine sehr unangenehme Nachricht, weil ich unbewaffnet war und doch meine Reise fortsetzen mußte. Also, wie gesagt, ich mußte weiter und empfahl mich allein Gottes Schutz. Glücklich und ohne Zwischenfall kam ich auch in der Kolonie Arzis bei meinem Neffen Thomas Januscheitis an.
Beim Befahren dieser Strecke aber mußte ich gar manches hören. Man erzählte mir, daß am zweiten Weihnachtstage ein Lehrjunge aus der Kolonie Postthal zu seinen Eltern nach Kulm gehen wollte, eine Entfernung von zehn Werst. Auf dem Wege dorthin aber begegnete er drei Wölfen. Da sich der Junge nur einige Schritte von einem Wegpfosten entfernt sah, suchte er hier Rettung und setzte sich unter Hülfegeschrei an demselben nieder. Da der Wolf bekanntlich nur im Sprunge seine Beute überfällt, so lagerten sich die drei Wölfe im Kreise um den Jungen herum und warteten, daß er aufstehen und die Flucht ergreifen sollte. Der Junge aber fuhr fort laut um Hülfe zu rufen. Zur selben Zeit fuhr aus Postthal nach Kulm der Herr Pastor mit einem Kutscher, und beide hörten die Hilferufe, wußten aber zuerst nicht, woher sie kamen. Endlich aber rückten sie der Stelle näher und sahen die Lage des armen Jungen. Da aber keiner von ihnen Schußwaffen mit sich führte, konnten sie nicht viel machen, umfuhren aber fortwährend die Wölfe und den umringten Knaben, bis den Wölfen die Sache gefährlich schien, und alle drei schließlich Reißaus nahmen. Auf diese wunderbare Weise wurde der Knabe gerettet.
Weiter wurde mir erzählt daß in der Nacht vom 6. auf dem 7. Januar bei einem deutschen Gutsbesitzer unweit Petrofka, 60 Schafe von Wölfen zerrissen worden waren. Am nämlichen Tage auch fand man auf offenem Wege, unweit Tschemoschlia, zwei neue Pelze ganz zerissen und auch vier Stiefel. In einem der Stiefel steckte noch der Rest eines menschlichen Fußes. Gewiß ein schrecklicher Fund, der mir grausen verursachte, denn ich war gänzlich unbewaffnet.
Bei meinem Neffen in Arzis aber hielt ich einen Tag Rast, und wir sprachen viel von unseren Freunden und Bekannten weit und breit. Da wir natürlich auch auf unsere Freunde in Amerika zu sprechen kamen, und ich gerade eine Nummer des Staats-Anzeiger in der Tasche hatte, entfaltete ich das Blatt, um es meinem Neffen zu zeigen und ihn auf manche Nachrichten aus Amerika aufmerksam zu machen, welche der Staats-Anzeiger ja immer viele bringt. Das Blatt gefiel meinem Neffen gleich so gut, daß er mich bat, ich möchte ihm dasselbe gleich verschreiben. Seinem Wunsche nachzukommen, begab ich mich gleich auf das Arziser Postamt, um den nöthigen Betrag an dem Staats-Anzeiger in Devils Lake in Nord-Dakota abszusenden, und verlangte zu diesem Zwecke ein Formular, um den Betrag per Postanweisung abzusenden. Die volle Adresse war mir bekannt, da aber auf der Postanweisungskarte unbedingt angegeben werden muß, in welcher Grafschaft die Redaktion sich befindet, und mir der Name derselben nicht bekannt ist, so mußte ich die Uebersendung verschieben, bis ich irgendwie ausfindig machen kann, in welcher Grafschaft Devils Lake in Nord-Dakota liegt. Nach langem Hin und Herfragen kam ich zu einem Herrn Lehrer, der ein altes amerikanisches Adreßbuch hatte, durch die Uebersendung des Betrags ihm selbst und trat am anderen Morgen meine Weiterreise an. Ich bedauere nun, daß ich kein Adreßbuch über Amerika besitze, denn kommt ein ähnlicher Fall vor, sitze ich wiederum im Pech. Mein Wunsch wäre, daß die Redaktion des Staats-Anzeiger mir ein solches Buch zuschickt, und ich würde den Kostenpreis gleich nach Empfang des Buches einsenden. (Wir wollen hier nur bemerken, daß Devils Lake in der Grafschaft Ramsey liegt (County auf englisch). Aber es ist wirklich nicht nothwendig, in diesem Falle die Graftschaft anzugeben. Folgende Adresse genügt in allen Fällen: Der Staats-Anzeiger, Devils Lake, N. D., U. S. A. Die Graftschaft, (oder auf Englisch County) braucht man nur anzugeben, wenn die Adresse auf ein kleines Landstädtschen lautet, aber Devils Lake ist eine Stadt von über 5,000 Einwohnern und man braucht keine Graftschaft, denn jeder Postbeamte in Amerika befördert den Brief unbedingt richtig mit der alleinigen Adresse Devils Lake, N. D. Die Buchstaben U. S. A. bedeuten, abgekürzt, United States of America, (zu deutsch Vereinigte Staaten von Nord-Amerika) und jeder Postbeamte im Auslande muß, oder sollte wissen, daß ein so adressirter Brief nach Amerika gehört. Wir bemerken, daß auf allen Briefen, die wir aus Rußland erhalten, der Briefumschlag auf russische die Aufschrift „Vereinigte Staaten Amerika“ trägt. Nun, das kann ja nicht schaden, aber die russischen Postbeamten müssen wissen, daß U. S. A. Ver. Staaten von Amerika bedeutet. Bezüglich Uebersendung eines Adreßbuches an den geehrten Herrn Korrespondenten wollen wir bemerken, daß es nicht nöthig ist und auch im Besitze eines solchen wäre ihm nichts geholfen, denn, namentlich in den beiden Dakotas, werden beständig Graftschaften (County) getheilt. Manchmal entstehen vier Grafschaften aus einer und man müßte wirklich vierteljährlich neue Adreßbücher sich kaufen, um immer genau sich informieren zu können, in welcher Grafschaft (County) eine Stadt oder eine Ortschaft liegt. Diese Theilungen finden so oft statt, weil der Staat sich immer mehr besiedelt, und dann die Theilungen aus praktischen Gründen nöthig werden. Wie gesagt, es ist nicht nöthig, die Grafschaft (County) anzugeben, aber schaden kann es natürlich nicht. Wir sind ein Freund kurzer Adressen und empfehlen deshalb, die Grafschaft (County) wegzulassen, namentlich wenn ein Brief nach größeren Städten geht. Uebrigens kam die Bestellung des Herrn Thomas Januscheitis uns richtig zu Händen, und das Blatt geht prompt an ihn ab. Dem geehrten Herrn Korrespondenten vielmals Dank für seine Bemühung. -Red. Staats-Anzeiger.)
Meine Reise fortsetzend, kam ich zuerst in die Kolonie Teplitz, welche etwa 500 Einwohner hat. Von da nach 1 Fere Champaise, Paris, und dann kam ich zu meinem Freunde Anton Kunz, dessen Frau, Amalia, meiner Schwester Tochter ist, nach Kraßna. Hier aber hielt ich mich nur sehr kurze Zeit auf, fand gute Aufnahme, übernachtete bei ihm, aber ich mußte schnelligst aufbrechen, denn ein dichter Nebel ging nieder und drohte dem Schnee ein rasches Ende zu machen und in diesem Falle würde ich mit meinem Schlitten Lage gerathen fest. Ich machte Morgen noch in aller Eile einen kurzen Besuch bei meiner Mutter und bei meinem Freunde Johannes Groß und brach auf nach Tarutino. Hier angekommen, fuhr ich ohne Aufenthalt direkt in die Wollenspinnerei, besorgte mir die nöthige Wolle, fuhr nach der Färberei des Herrn Scherible, tauchte die weiße Wolle in gefärbte um, und fuhr weiter nach der Kolonie Postthal. Auch hier angekommen, erledigte ich rasch meine Geschäfte, und trat über die Kolonie Tarutino die Rückreise durch Verasin, Boorodin, Perseanofka, Wosnosensk, Mathildendorf, Petrofka, Taraklia und Kainari bis wieder nach Emmenthal an, ohne daß mir auf der Reise etwas widerfahren wäre, und ohne einen Wolf auch nur gesehen zu haben. Es war mir auch lieb, denn ich hatte keine Lust solche Bekanntschaft zu machen.
Und jetzt, lieber Schwager Georg Mastio in Wathena in Kansas, will ich auch bemerken, daß ich mit Freuden deinen Bericht in Nummer 23. des Staats-Anzeiger gelesen habe und ich weiß nun doch, daß ich zwei Schwäger in Amerika habe. Weil durch ein Versehen dein Name unrichtig gedruckt war, konnte ich natürlich nicht wissen, daß du wirklich mein Schwager bist, aber nun ist es mir klar. Da ich nun aus dem Bericht auch die Adresse unseres Schwagers Jakob Marthaller ersah, habe ich ihm gleich geschrieben und ihm auch unsere Photographie zugesandt. Und heute, als ich Nummer 23 des Staats-Anzeiger bekam, erhielt ich auch einen Brief von Schwager Marthaller, des Inhalts, daß er richtig Brief und Photographie erhalten habe. Er machte mir auch die Meldung, daß er 141 Meilen von dir entfernt wohnt, daß er auf die Feiertage bei dir zu Besuch war und gute Zeiten verlebte. Er bittet auch meine Frau, euere Schwester Franziska, sie möge doch öfters schreiben, denn vielleicht hätte ich keine Zeit dazu, weil ich immer viel an den Staats-Anzeiger berichte. Aber der Herr Schwager möge sich nur keine Sorgen machen. Ich werde an den Staats-Anzeiger fortwährend korrespondiren, und auch an ihn schreiben und oft genug ihn zu befriedigen. Auch an dich, lieber Schwager Georg, werde ich schreiben, denn es bleibt mir trotz der Zeitungsschreiberei noch Zeit genug dazu. Für jetzt aber, lieber Georg, will ich noch keinen Brief extra schreiben, sondern übersende unsere [Wahrscheinlich fehlen hier einige Zeilen.] kommt dann später. Ob du nun dieselbe richtig bekommst, weiß ich freilich nicht, denn ich rechne, daß die Adresse: „Kansas, Wathena, Georg Mastio“, nicht genügt. (Kommt sicher an. -Red. Staats-Anzeiger.)
Romuald Dirk.
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Emmenthal, Bessarabien Januar 23. 1912
Die Witterung ist heute und war schon lange Zeit vorher, eine schwere für arme Leute, denn hier in Südlichen Bessarabien brauchte man in zwei Wintern sonst nicht so viel Brennmaterial als diesen Winter allein. Schon seit über einem Monat sind die Fensterscheiben mit dicken Eis überzogen. Am 16. und 17. Januar zwar wurde das Wetter etwas milder, die Fenster thauten ab und man freute sich allgemein, daß die strenge Kälte ein Ende hatte, aber mit einem Male wurde es wieder so ganz anders und die Fenster sind wieder so dicht mit Eis zugefroren wie vorher. Einige Winter schon konnte man keinen Schlitten benutzen, aber diesen Winter leisten die gute Dienste und sind schon seit über einem Monat in Gebrauch. Von Krankheiten sind wir soweit diesen Winter verschont geblieben. Gott möge uns auch fernerhin vor solchen bewahren.
Herzlichen Gruß an meine Schwiegersöhne Ignatz [Groß] und Eduard Richter in Morton County Nord-Dakota, sowie an meine Kinder Amalia und Eugenia und an meine Freunde. Gebe namentlich meinem Neffen Peter Januscheitis zu wissen, daß ich ihm die Vollmacht zurücksandte. Die Gründe wurden brieflich übermittelt. Gruß auch an alle Freunde in Canada, wie an Lorenz, Joseph und Johannes Fenrich, Desedarius und Adolph Wagner und auch an alle Bekannten, welche am 28. März vorigen Jahres aus Emmenthal zogen und ein neues Heim in Canada suchten. Während ich noch diese Zeilen Papier bringe kommt zufälligerweise Karl Maas zu mir, und als er hörte, daß so einem Gruß an alle Bekannten durch den Staats-Anzeiger übermittele, bittet er mich, doch besonders seinen Sohn Lorenz zu grüßen. Ich will Lorenz melden, daß sein Vater sehr betrübt war und meinte, weil er es sich nicht erklären kann, daß ein Sohn so rasch seine Eltern vergessen kann und weder mehr von sich noch von der Frau hören läßt. Der Vater erklärte mir er habe schon oft geschrieben aber nie Antwort erhalten. Der gekränkte Vater bittet mich, seinen Sohn Lorenz Maas in Maple Creek Sask. Canada zu wissen zu thun, daß er dies schwer empfindet. Der Staats-Anzeiger kommt ja so weit auf der Welt herum, daß diese Notiz auch Lorenz Maas bekannt werden und ihm das Herz erweichen wird und ihn soweit bringt, daß er wieder seiner Eltern gedenkt entweder durch Uebersendung des Staats-Anzeiger, oder durch einen Brief, oder durch beides.
Ihr Freunde und Bekannte in Canada, meldet euch doch auch einmal, damit wir hier kund werden, ob auch bei euch der Staats-Anzeiger so liebevolle Aufnahme findet wie bei uns hier.
Michael Blotzky übersendet Grüße an seinen Sohn Johannes in Allan, Sask., Canada. Er dankt ihm vielmals, daß er ihm den Staats-Anzeiger besorgt hat. Das Blatt macht ihm große Freude und er bekommt es regelmäßig, nur auf die Prämienscheere wartet er noch und er bittet seinen Sohn und auch die Redaktion, wenn es nicht bereits geschehen, ihm diese noch zuzusenden. (Wir können uns nicht erinnern, ob die Schere gesandt wurde oder nicht, und ob sein Sohn Johannes uns dahingehend beauftragte. Wenn wir aber den Auftrag erhielten, ist die Scheere sicher abgesandt. Wir bitten Herrn Johannes Blotzky also um Aufklärung, damit alles geordnet werden kann. -Red. Staats-Anzeiger.)
Und nun, geehrten Herr Redakteur, muß ich wohl einhalten, denn der Umstand, daß ich der Bitte vieler Leute entsprach und einige Grüße übermittelte, hat diese Korrespondenz sehr verlängert, aber solche Bitten kann man nicht leicht abschlagen. (Schon gut. Wir haben nichts dagegen, namentlich wenn vielleicht die Adresse des zu Grüßenden nicht bestimmt bekannt, und somit die Hülfe des Blattes in Anspruch genommen wird, aber für gewöhnlich sollten Privatnachrichten brieflich abgemacht werden. Muß es aber durch den Staats-Anzeiger sein, dann bitten wir, sich sehr kurz und bündig zu fassen, denn dieses Vorrecht könnte sonst leicht in ein großes Uebel ausarten, insofern als solche Nachrichten immer eine kleine Anzahl Leser interessirt, und wir müssen darauf bedacht sein zu liefern was alle interessirt. -Red. Staats-Anzeiger.) Also für diesmal Schluß, werde aber bald einen weiteren Bericht folgen lassen.
Gruß allerseits von
Romuald Dirk.