Film 11463, Vol. 7, No. 14, Page 2
Emmenthal, Bessarabien, Rußland
September 20. 1912
Lieber Herr Redakteur:
Meine Korrespondenz, zusammen mit der Anmerkung der Redaktion in Nummer 5 des Blattes habe ich gelesen. Es kommt mir sehr kurios vor. Mein Bruder Joseph schrieb mir, er habe das Blatt für mich bezahlt, und die Redaktion bemerkt, kein Geld erhalten zu haben. Der Bruder wird es wohl auch gelesen haben und die Sache muß sich aufklären. (Ist bereits geschehen, und alles in Ordnung gebracht worden. Wir hoffen, auch Sie sind nun zufriedengestellt. -Red. Staats-Anzeiger.) Nun war freilich am 9. Februar meine Zeit auf das Blatt abgelaufen, aber ich habe so großes Verlangen nach dem Staats-Anzeiger, daß ich bitte, mir das Blatt doch weiter zu senden, bezahlt oder nicht bezahlt. Ist es nicht bezahlt worden, werde ich das Geld einschicken und ich will auch öfters Korrespondenzen liefern. (Ist bereits geschehen, und alles in Ordnung gebracht worden. Wir hoffen, auch Sie sind nun zufriedengestellt. Korrespondenzen sind uns jederzeit willkommen. -Red. Staats-Anzeiger.)
Neuigkeiten giebt es von hier nicht weiter zu berichten. In meiner vorigen Korrespondenz schrieb ich, daß wir schlechtes Dreschwetter haben. Nun dieses Regenwetter hat auch erst vor drei Tagen nachgelassen. Erst heute fingen die Leute an, das übrige Getreide wegzudreschen. Noch nie zuvor wurde in dieser Gegend so spät gedroschen.
Weintrauben giebt es fast gar keine. Welschkorn hätten wir genug, wenn es nur ausreifen könnte. Infolge anhaltender Regen ist es noch grasgrün und wenn früher Frost eintritt, ist's um dieses geschehen.
Möge Gott uns kommendes Jahr eine bessere Ernte bescheeren, denn da unser Dörfchen neu angekauft ist, haben noch fast alle Leute hier viele Schulden, und diese sollen und müssen bezahlt werden.
Heute habe ich angefangen zu säen.
Ich hatte mir den Alpenkräuter aus Amerika verschrieben, bekam aber leider die Nachricht, daß die russische Regierung solchen hier nicht einführen läßt. Also muß ich darauf verzichten. (In der That verbietet das russische Gesetz den Import solcher Medizinen. -Red. Staats-Anzeiger.)
Zum Schluß, Gruß an meinen Vetter Peter Krenzel, sowie an meine Mutter und Brüder in Canada, und an alle Leser des Staats-Anzeiger.
Zachäus Kopp.
Film 11463, Vol. 7, No. 15, Page 2
Krasna, Bessarabien, Rußland
September 15. 1912
Werther Staats-Anzeiger!
Hiermit benachrichtige ich die Redaktion, daß ich im Begriffe bin, nach vier Wochen Kraßna wieder zu verlassen und ein neues Heim in Kischenewer Kreise aufzuschlagen. Da ich aber für heute die genaue Adresse noch nicht angeben kann, bitte ich ganz ergebenst die Redaktion, von nun an die Nummern des Blattes dort aufzubewahren, bis ich meine neue Adresse einsenden kann. Die Nummern, welche bis zur Ankunft dieser Einsendung schon von der Redaktion nach Kraßna gesandt wurden, werde ich noch in Kraßna erhalten und, sollten nach meiner Uebersiedelung noch einige Nummern des Blattes dort eintreffen und ich dieselben nicht erhalten, so wird vielleicht die Redaktion gütig genug sein, diese Nummern mir zum zweiten Male zu senden, damit ich alle Nummern des Blattes lesen kann. (Wird alles nach Wunsch geregelt und etwa fehlende Nummern werden gerne nachgeliefert. Wünschen viel Glück in der neuen Heimath! -Red. Staats-Anzeiger.) Obschon ich wohl infolge des Umzugs vier bis sechs Wochen lang den Staats-Anzeiger wohl kaum erhalten werde, so werde ich das Korrespondiren doch nicht ganz unterbrechen obwohl ich wohl kaum im Stande sein werde, dem Leserkreis viel zu berichten. Die wichtigsten Ereignisse aber werden doch dem Staats-Anzeiger berichtet werden.
Gerne würde ich auch dem Plane der Redaktion Rechnung tragen und meine Biographie (Lebensbeschreibung) nebst Bild einsenden, muß dies aber infolge des Umzugs verschieben, und den Anfang anderen Korrespondenten überlassen. Wäre ich zur Zeit nicht so vernommen, würde ich alle Kräfte anspannen, daß wir schon auf Weihnachten unser liebes Blatt schön ausgeschmückt mit den Bildern der Korrespondenten und Mitarbeiter erhalten könnten. Deshalb hoffe ich, daß andere Mitarbeiter auch die Sache mit Eifer betreiben, daß wir schließlich doch einmal die Bilder aller Korrespondenten vor Augen haben werden. (Die übrigen Herrn Korrespondenten scheinen aber auch alle sehr vernommen, denn es hat noch keiner auf unsere Anregung reagirt. Eine solche Sache kann wohl nicht im Sommer und Herbst, sondern muß wohl der Winter über betrieben werden, weil die meisten der Mitarbeiter wohl Landwirthe und zu dieser Zeit zu sehr beschäftigt sind. Doch sehen wir der weiteren Entwicklung gerne entgegen. -Red. Staats-Anzeiger.)
Zum Schluß für diesmal herzliche Grüße an meine Kinder in Morton County Nord-Dakota, Ignatz Groß und Eduard Richter nebst Frauen. Ich möchte diese bitten, einstweilen das Briefschreiben einstellen zu wollen, bis im Staats-Anzeiger ich meine neue Adresse anmelde. Gruß auch allerseits an den gesammten Leserkreis des lieben Blattes.
Achtungsvoll,
Romuald Dirk
Film 11463, Vol. 7, No. 15, Page 2
Krasna, Bessarabien October 4. 1912
Lieber Staats-Anzeiger!
Nicht wahr, ich hätte sollen schon längst an dich schreiben? Gewiß wartest du lange schon darauf? (Es freut uns herzlich, daß auch Sie sich endlich entschließen, ab und zu etwas für das Blatt zu liefern. Dafür herzlich Dank! -Red. Staats-Anzeiger.)
Nun haben wir heute bereits den 4. Oktober. Die Witterung ist beileibe nicht mehr so lieblich wie im Juni und Juli, denn es bläst recht rauh schon mitunter der Wind, und zweimal hatten wir starken Reif, sodaß das Laub der Bäume rasch abfällt und diese schon fast kahl dastehen. Schwäne und Störche sind längst schon abgezogen, und auch der Hofspatz sucht, kommt der Abend, einen warmen Schlupfwinkel.
Schon fängt man an, die Oefen zu heizen und sich in deren Nähe mollig zu fühlen, denn der Winter naht mit Riesenschritten. Die Leute sind jetzt mit Welschkornfahren beschäftigt. Mit Aussaat der Winterfrucht sind wir längst schon fertig und die frühgesäete steht prächtig.
Mit der Herbst- und Winterszeit kommen die Heirathen wieder an die Tagesordnung.
Neulich schlossen den Bund der hl. Ehe Ignatz Wutschig mit Salome Leintz, und der Withwer Peter Ternes mit der Wittwe Helena Rühl. Bald aber werden mehr folgen. Meine Schwäger Joseph und Peter in Amerika und viele der Leser aus dieser Gegend sind gewiß neugierig zu erfahren, was hier auf dem Heirathsmarkt vorgeht. Deshalb werde ich demnächst mehr über solche Vorgänge berichten.
Herzlichen Gruß an unsere Mutter und Schwäger in der neuen Welt. Ich lese auch gerne wieder einmal einen Bericht von ihnen im Blatte, um zu sehen, ob alle gesund sind.
Da der Staats-Anzeiger jetzt wieder neue Prämien angeschafft hat, welche vorauszahlende Leser geschenkt erhalten, bitte ich gefälligst um Uebersendung eines Regensburger Marienkalenders. (Kalender geht prompt Ihnen zu. -Red. Staats-Anzeiger.)
Gerne möchte ich auch wieder einmal von meinem Schwager Barnabas Steiert etwas lesen. Ist er vielleicht auch Leser des Blattes? (Da Sie seine Adresse nicht angeben, ist es uns schlechterdings nicht möglich, Ihre Frage zu beantworten, doch wird der Herr, ist er Leser, sich wohl selbst melden. -Red. Staats-Anzeiger.) Die Abende werden jetzt schon merklich länger und man weiß oft wirklich nicht, wie sie zubringen, hat man aber den Staats-Anzeiger zum Gesellschafter, wird selbst der längste Abend uns zu kurz, denn er bringt uns allen viel Interessantes und Lehrreiches - für Jeden etwas.
Zum Schluß herzlichen Gruß an alle Leser dieses Blattes und an alle Freunde und Bekannte in der alten und neuen Welt.
Achtungsvoll
Melchior M. Weber.