Deutsch
Film 11463, Vol. 7, No. 12, Page 2
[Dieser Abschnitt enthält zwei Briefe: einen von Antonia Dirk und einen von ihrem Vater Romuald Dirk.]
Tarutino, Bessarabien, Rußland
Von hier komme ich oft nach Kraßna zu meinen Vater Romuald Dirk und da habe ich erst Gelegenheit den Staats-Anzeiger zu studiren, und die vielen Korrespondenzen …. man am liebsten alle Tage eine neue Nummer … … …. Dabei bemerkte ich auch eine Korrespondenz meiner Schwester Augusta Richter in Morton County, Nord-Dakota, und es freute mich, zu sehen, daß auch die Schwester das Blatt eifrig liest. Ich bitte die liebe Schwester, öfters zu korrespondiren, denn sie hat sicher mehr Zeit als ich. Hörte auch gerne von Schwester Annamaria Groß. Vielleicht wird auch mir noch das Glück zu Theil, nach Amerika auswandern zu können. Leider fehlen mir die Mittel zur Ueberfahrt, sonst wäre ich längst schon bei euch. Da ich vernehme, daß bei euch in Nord-Dakota eine reichliche Ernte eingeheimst wurde, könntet ihr mir vielleicht eine Freikarte verschaffen, oder vielleicht würde ein Freund es thun und mir Vertrauen genug schenken, denn ich würde das vorgestreckte Geld nach und nach wieder abtragen.
Wenn ich nach Krasna komme, gilt mein erster Blick dem Staats-Anzeiger und den darin enthaltenen Korrespondenzen.
Am 26. August wollte es ein glücklicher Zufall, daß ich alle meine Brüder hier zu Besuch hatte, und da wurde natürlich auch viel von Amerika und von unseren dort weilenden Verwandten und Freunden gesprochen.
Gruß allerseits an den Leserkreis, besonders an Peter Januschaitis und Frau, an Halbbruder Lorenz Dirk und an Vetter Jakob Dirk.
Antonia Dirk.
Krasna, Bessarabien, den 30. August.
(Fortsetzung und Schluß)
Zum Schluß, liebe Mutter, muß ich dir als Erzieherin deiner Kinder noch sagen, daß das Kind nicht beständig spielen soll, ebensowenig wie es beständig müßig sein mag. Da giebt es gar viele Viertelstunden auszufüllen, zu deren Benutzung die Mutter vom Kinde selbst aufgefordert wird. Das Kind will zum Beispiel Bilder sehen, sie erklärt haben. Daran knüpfen sich dann von selbst Erzählungen, diesen folgen Belehrungen, und später das eigentliche Lernen, wenn das Kind aus solcher Hand in die Hand eines Lehrers kommt, der wirklich ein Schulmeister ist. Geschichtchen dem Kinde erzählen gehört überhaupt zu den wichtigsten Erziehungsmitteln. Hierauf wird aber vielleicht manche Mutter fragen: was aber soll immer erzählt werden? Viele Mütter sind im Erfinden passender Geschichten unerschöpflich. Wo das nicht der Fall, ist guter Rath theur, ebenso als selten, denn die Meinungen darüber sind sehr verschieden. Eine Art der Erzählungen knüpft sich also an die Bilder, welche man dem Kinde vorführt. Jedes Kind hört gerne von Thieren erzählen, denn die Meinungen darüber sind sehr verschieden. Eine Art der Erzählungen knüpft sich also an die Bilder, welche man dem Kinde vorführt. Jedes Kind hört gerne von Thieren erzählen und findet es ganz natürlich, daß diese denken und sprechen können, denn die kindliche Phantasie belebt und personifizirt alles und wird bei solchen Geschichten nicht fragen: Ist's auch wahr? Sobald aber das Kind beginnt bei allem zu fragen Ist's auch wahr? Darf ihm keine ersonnene Geschichte mehr erzählt werden, es sei denn, das Kind sei sehr begabt und in diesem Falle bemerke man nur auf die Frage: „Du merkst wohl, daß es wahr sein könnte. Thierfabeln sind fast immer zweckmäßig, ob aber auch Märchen, muß ich aus Gründen bezweifeln, von denen der hauptsächlichste der ist, daß ein Kind, welches sich einmal in diese Märchenwelt hineingedacht, das wirkliche Leben zu kalt und uninteressant findet. So auch geht es Erwachsenen, die viele Romane lesen, wie wohl bekannt sein dürfte. Ich halte es daher für nachtheilig. Kindern viele Märchen zu erzählen und jungen Leuten zu gestatten viele Romane zu lesen. Grausames oder Grauenhaftes darf natürlich weder in den Fabeln noch in den Märchen vorkommen. Daß eine christliche Mutter vieles aus der hl. Schrift, Parabeln und Gleichnisse zu erzählen weiß versteht sich von selbst. Ebenso selbstverständlich ist es, daß die Erzählungen so einfach als möglich, und dabei doch so lebendig als thunlich alles darstellen. Erzählen Kinder eine Geschichte wieder, so sei man nicht pedantisch, und verlange nicht, daß sie genau dieselben Worte gebrauchen. Gleichwie eine alte Puppe dem Kinde lieber als eine neue, hört es oft auch eine alte Geschichte lieber als eine neue. Man werde ja nicht ungeduldig, sondern erzähle dieselbe Geschichte dem Kinde so oft es danach verlangt und man brauche dabei so viel wie möglich dieselben Worte. Es macht nämlich dem Kinde die größte Freude, dasselbe Wort für dieselbe Sache zu hören, wie es dieses im Voraus sich denkt und sich hineingelebt hat. Es darf aber nie zu lange nacheinander, noch dürfen dem Kinde mehrere Geschichten auf einmal erzählt werden, weil das die kindliche Phantasie zu sehr reitzen, die Nerven schwächen und auch vielleicht das Kind verwöhnen würde.
Der Zweck des Erzählens ist, erstens, nicht nur die Zeit zu vertreiben, sondern, zweitens, zur geistigen Entwicklung des Kindes, der Denkkraft, der Einbildungskraft und der Ausdrucksfähigkeit, so wie auch drittens, zur Bildung der Gesinnung. Ist eine Mutter arm an solchen Erzählungen, so möge sie die kleine Geldausgabe nicht scheuen und sich getrost an eine Buchhandlung wenden und Büchlein für Kleinkinderstuben kaufen. Ich muß mich etwas kurz fassen, denn wollte ich alles ausführlich beschreiben, so würde ich im Blatte viel zu viel Raum für mich beanspruchen zum Schaden anderer Korrespondenten.
Auch darf äußerliche Ordnung und Anhörigkeit des Kindes nicht außer Acht gelassen werden. Man sei recht aufmerksam auf die Haltung und Bewegung des Körpers der Kleinen und von dritten Jahr an sehe man schon darauf, daß das Kind erstens, alles leise hinstellt oder hinlegt, zweitens leise auftritt; drittens… [hier folgen acht unleserlichen Zeilen] …nicht Grimmassen schneide, nicht mit den Fingern spiele und gerade und ruhig stehe oder sitze, und, neuntens, beim Stehen sich nicht angewöhne, lange auf einem Beine zu stehen, und so weiter.
Man glaube ja nicht, daß dieses alles dem Kinde mit einem Male oder in kurzer Zeit beigebracht werden kann, noch weniger, daß es sich alles in wenigen Jahren angewöhnen wird. Es genügt einstweilen, wenn das Kind bei passenden Gelegenheiten immer wieder darauf aufmerksam gemacht wird und, wenn es sich das eine im 3. bis 4., das andere in 5. bis 6. und wieder anderes noch später angewöhnt so ist es genügend. Am allerwenigsten aber darf man dem Kinde beständig davon vorpredigen, ja man darf nicht einmal merken lassen, daß man besondere Wichtigkeit darauf legt, sonst erzieht man Zierpuppen statt natürlich kindliche Gestalten mit freier Bewegung. Wie bei allem, so kommt es auch hier darauf an, in welchem Geiste etwas getrieben wird. Gewiß ist aber soviel, daß ein Kind welches hierin naturgemäß geleitet wird, später in der Schule, und sein ganzes Leben hindurch, eine bessere Haltung hat, gewandter sich benehmen wird, als andere Kinder, denen weniger oder nichts darüber gesagt wurde. Der Lehrer, ist er Meister in der Erziehung der Kinder, und auch Fachmann, erkennt sofort am ersten Tage, ob das Kind zweckmäßig und vernünftig erzogen wurde. Viele Mütter mögen vielleicht meine Rathschläge gering achten, und mögen denken, daß sie da viel zu thun hätten, alle diese Dinge zu beachten, und sie bleiben vielleicht somit beim alten Schlendrian. So auch giebt es viele Väter, welche ähnlich denken mögen und die gar in Gemeindeversammlungen sich etwa wie folgt äußern: „zu was brauchen wir regelmäßigen Schulunterricht? Wozu brauchen wir so theuere Lehrer und große schöne Schulgebäude? Wir haben in kleinen Gebäuden und bei billigen Lehrern gelernt, also mögen unsere Kinder das auch thun.“ So aber sprechen nur Männer, die gar keine Welterfahrung und selbst keine Bildung und Erziehung erfahren haben.
Wichtig wäre es noch, gestützt auf meine Erfahrungen als Pädagoge, für die Kinder sowohl als auch die Schulstube folgende Regeln zu beachten:
1. halte vor allem bei den Kindern auf Wahrheit;
2. man dulde nicht Halbheit, sondern dring auf Gründlichkeit;
3. man verbiete den Kindern nichts, das man nicht ernstlich zu halten willens ist;
4. man drohe auch nicht mit Dingen, die man nicht wirklich erfüllt;
5. rühmt die Kinder nicht in Gegenwart euerer Kinder, denn es macht sie entweder eitel oder befangen;
6. äußert in Gegenwart eurer Kinder nie ungleiche Ansichten über deren Bestrafung, denn dies untergräbt die Autorität und macht die Strafen nutzlos, weil sie alsdann den Schein der Willkür oder Persönlichkeit haben;
7. meidet alles Gewaltsame in der Erziehung der Kinder.
Ueber diese wichtigen Punkte wäre ja unendlich viel zu schreiben. Ich will aber diese Abhandlung abschließen mit einem nochmaligen Verweis auf den früher bereits erwähnten Volkschriftsteller Jeremias Gotthelf, und was dieser namentlich über ungerechte Strafen der Kinder sagt. „Kein Gefühl,“ heißt es da, „ist in Kindern lebendiger als das Gerechtigkeitsgefühl, und nichts macht sie verstockter, böser, unverbesserlicher, als wiederholte ungerechte Strafe. Straft man sie darauf auch gerechterweise, wegen wirklicher Vergehen, es nützt dann nichts, sie bessern sich nicht, weil sie zum Strafenden das Vertrauen verloren haben, daß er gerecht sei. Nichts aber ist leichter als gegen ein Kind ungerecht zu sein, weil selten der erwachsene Mensch weiß wie es in einem kindlichen Kopfe, im kindlichen Herzen und Gemüth aussieht, und auch weil Erwachsene selten über den Ursprung nachdenken, aus welchem wohl die Fehler der Kinder kommen mögen, sondern diese schon gleich von vorneherein der Bosheit zuschreibt; weil selten ein erwachsener Mensch aus Liebe zu bessern straft, sondern im Zorn, um Rache zu üben für gehabten Verdruß.
Jetzt, mein lieber Leser, rufe ich zum Schlusse nochmals dir zu: halte diese kleinen Winke meinerseits nicht für überflüssig; sei bestrebt, deinem Kinde eine gedeihliche Erziehung zu geben und dasselbe mit dem siebenten Jahre den Händen eines tüchtiges Lehrers anzuvertrauen. Du wirst erfahren, daß deine Mühe nicht nutzlos war, sondern hundertfältig Segen bringt.
Romuald Dirk.