Film 11463, Vol. 7, No. 20, Page 2
Emmenthal, Bessarabien
November 1. 1912
Lieber Staats-Anzeiger:
Ich danke vielmals, daß alle Mißverständnisse wegen Bezahlung des lieben Blattes nun geschlichtet sind und daß dasselbe mir wieder regelmäßig zugeht. Jetzt werde ich auch freudig weiter korrespondiren. Ich lese nun das Blatt das zweite Jahr. Zuerst erhielt ich als Prämie die schönen Wandkarten, für welche ich der Redaktion nochmals herzlich danken muß. Dieses Jahr hätte ich gerne den Regensburger Marien-Kalender. (Geht Ihnen sofort zu. -Red. Staats-Anzeiger.)
In meiner früheren Korrespondenz vom 20. August schrieb ich über vielen Regen. Nun, dieser dauerte fort, sodaß jetzt noch nicht alle Leute mit Dreschen fertig sind und das Welschkorn auf dem Acker verfaulen muß, weil es nicht eingeheimst werden kann. Infolge der großen Regengüsse richtet auch das Wasser viel Schaden an, denn unser Thal ist ein sehr wasserreiches. Gestern kam ein Bulgare von Gangor zu uns in die Dampfmühle angefahren. Als er am oberen Ende der Brücke anlangte, bemerkte er, daß dieselbe nicht mehr passirbar sei, also entschloß er sich mit drei Pferden neben der Brücke durch den Graben zu fahren, in der Hoffnung, daß dieser wohl nicht tief sei. Er trieb also hinein und die Pferde zogen auch mit aller Macht wieder an um den Wagen herauszubringen, aber sie blieben stecken. Nun stand der Mann auf dem Wagen im rauschenden Wasser, wie auch seine Pferde, und diese hatten nicht die Macht, den Wagen weiter zu ziehen.
Nun wollte der Mann die Ladung leichter machen und warf einen Fruchtsack nach dem anderen in's Wasser. Das aber vergrößerte das Unglück, denn jetzt riß das Wasser den leichter gewordenen Wagen und auch die armen Pferde rückwärts fort bis unter die Brücke, wo Wagen und Pferde versanken. Der Mann selbst arbeitete sich zum Ufer hin und schrie um Hülfe. Als die Leute endlich aus dem Dorfe herbeikamen, war von Pferden und Wagen nicht mehr viel zu sehen. Schließlich ist es aber gelungen, einen Strick an die Deichsel des Wagens zu befestigen und die Pferde herauszuziehen. Zwei derselben waren noch am Leben, aber eine war verendet. Auch die Fruchtsäcke wurden natürlich weggeschwemmt. Gewiß schlimm für den Mann bei diesen schlechten Zeiten ein Pferd zu verlieren, welches gewiß 150 Rubel werth war. Aber, der Mensch muß eben immer auf alles gefaßt sein.
Frisch gethan und nicht gesäumt
Was im Weg liegt weggeräumt
Was dir fehlet, such geschwind,
Ordnung lerne früh, mein Kind!
Aus dem Bett und nicht gesäumt!
Nicht am hellen Tag geträumt!
Erst die Arbeit, dann das Spiel:
Nach der Reise kommt das Ziel.
Schnell begonnen, nicht geträumt!
Nichts vergessen, nichts versäumt!
Nichts nur obenhin gemacht:
Was du thust, darauf gieb Acht!
Am 28. Oktober traten in die Ehestand: Paulus Bauer mit Otilie Maß. Bis zum 6. November verheirathen sich: Johannes Miller mit Emilia Kopp, Peter Groß mit Marianna Paul und Thomas Blotzki mit Elisabetha Maß. Bei Johannes Miller und Emilia Kopp werde ich als Ehrenvater fungiren. Ich wünsche ihnen viel Glück in die Ehe.
Meinem Vetter Peter Krenzel sandte ich Brief und Porträt, erhielt aber keine Antwort. Er möchte doch meiner gedenken und antworten. Vielleicht kann mir einer aus dem Leserkreis die Adresse meines Schwagers Barnabas Steiert mittheilen, der in Morton County Nord-Dakota wohnte. Auch hätte ich gerne die Adresse des Thomas Hack, denn seine Schwäger baten mich die Adresse zu suchen.
Gruß an Vetter Anton Gedak in Kraßna und an Schwager Melchoir Weber, von denen wir auch gerne im Blatte hören möchte.
Am 22. Oktober verstarb die bejahrte Wittwe Elisabetha Miller. Ihr Sohn Jakob Miller ist auch in Amerika und ich hoffe, daß die Nachricht ihm durch das Blatt zu Ohren kommt.
Gruß an meine unvergeßliche Mutter, an meine Brüder, und an alle Mitleser dieses Blattes.
Zachäus Kopp, von Martin.