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Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 19. Dezember 1912

Film 11463, Vol. 7, No. 21, Page 2

Krasna, Bessarabien November 5. 1912

Etwas über die Witterung hier zu berichten, will ich melden, daß wir in den Tagen des 15., 16. und 17. Oktober morgens immer von 1 bis 4 Grad Frost hatten, am Tage aber 10 bis 12 Grad Wärme. Mit dem 25. Oktober bis Ende des Monats bekamen wir regnerisches, nebliches Wetter und dieselben Verhältnisse gelten auch bis jetzt vom November.

Die Wintersaaten stehen infolge günstiger Witterung sehr gut.

Das Welschkornstroh steht alles noch auf dem Felde, da man infolge Regenwetters und schlechter Wege nicht im Stande ist, es einzufahren. Es wird wohl stehen bleiben müssen, bis es starken Frost giebt und die Wege befahrbar werden.

Am 10. Oktober ereignete sich in der Kolonie Beresin ein noch immer in Dunkel gehülltes tragisches Unglück. Am Vormittag dieses Tages ging Johanna, die neunjährige Tochter des Jakob Kimpf zu ihrer Großmutter, welche nur einige Hofstellen vom elterlichen Hause entfernt wohnt und kam bis heute noch nicht wieder heim. Sie ist spurlos verschwunden. Alle Dorfbewohner waren auf der Suche nach dem Kinde, und die Polizei der Nachbarskolonien wurde verständigt und bot alles auf, eine Spur von dem Kinde zu finden, aber alles war vergebens. Dieser Tage reisten deutsche Zigeuner durch Beresin, welche man im Verdacht hatte, das Kind gestohlen und verkauft zu haben, denn die Wahrsagerin behauptet, daß Kind sei von einem schwarzen Manne entführt worden. Die Zigeunerbande wurde von der Polizei in Krasna untersucht und befragt, aber von dem Kinde war keine Spur zu finden. Die Eltern sind untröstlich.

Weil nun die langen Winterabende im Anzuge und die Leser viel Muße haben werden, will ich ihnen „Das Goldene A B C“ vorschreiben. Wer Gefallen daran findet, mag es auswendig lernen. Schaden kann es Niemandem:

A
Allein auf Gott sei dein Vertraun
Auf Menschenhilf sollst du nicht baun.
Gott ist's allein der Glauben hält.
Sonst ist kein Glaub mehr auf der Welt.

B Bewahr dein Ehr, hüt dich vor Schand,
Ehr ist fürwahr dein höchstes Pfand.
Wirst du die Schand einmal versehn,
So ist's um deine Ehr geschehen.

C Claff nicht so viel und höre mehr.
Das wird dir bringen Preis und Ehr.
Mit Schweigen sich verred niemand,
Viel reden bringet Sünd und Schand.

D Dem Großen weich, acht dich gering,
Daß er dich nicht in's Unglück bring.
Dem kleinsten auch kein Unrecht thu,
So bleibst du stets in guter Ruh.

E Erheb dich nicht mit stolzem Muth
Wenn du bekommen hast groß Gut:
Es ist dir nicht darum gegeben
Daß du dich dadurch sollst erheben.

F Frömmigkeit laß gefallen dir
Vielmehr denn Gold, das glaube mir.
Wenn Geld und Gut sich von dir scheid,
So weicht doch nicht die Frömmigkeit.

G Gedenk der Armen jeder Frist
Wenn du von Gott gesegnet bist.
Sonst dir das widerfahren kann
Was Christus sagt vom reichen Mann.

H Hat dir auch jemand gut's gethan
So sollst du oft gedenken dran.
Es soll dir sein von Herzen leid
An dir zu spürn Undankbarkeit.

I In deiner Jugend sollst du dich
Zur Arbeit halten fleißiglich:
Hernach gar schwer die Arbeit ist
Wenn du zum Alter kommen bist.

K Kein Glauben gieb auch jedermann
Der vor dir wohl schwätzen kann:
Nicht alles geht aus Herzensgrund
Was schön und lieblich red der Mund.

L Laß kein Unfall verdrießen dich
Wenn das Glück geht hinter sich:
Anfang und End oft ungleich sein
Wie solches giebt der Augenschein.

M Mäßig im Zorn sei allezeit,
Um kleine Ursach erreg kein Streit;
Der Zorn nur das Gemüth verblend,
Das man was recht ist nicht erkennt.

N Nicht schäm dich, rath ich allermeist,
Daß man dich lehrt was du nicht weißt.
Wer etwas kann, den hält man werth,
Den Ungeschickten niemand begehrt.

O (etwas unlesbar) O merk, so einer führt ein Klag
Vor d… sobald er sag
Nicht ..mbest auch nicht richtest fort,
… hör zwar des andern Wort.

P Pracht und Hoffart sollst du meiden sehr,
Sie bringen weder Nutz noch Ehr:
Es haben beide, Hoffart und Pracht,
Manchen zum armen Manne gemacht.

Q Quad von niemand, gedenk noch sprech,
Denn kein Mensch lebt ohn Gebrech.
Redest du alles nach deinem Willen,
Man wird dich gar bald wieder stillen

R Ruf Gott in allen Nöthen an,
Der dir gewißlich helfen kann
Hilfst einem jeden, thut dem gut,
Der nur nach seinem Willen thut.

S Sieh dich wohl vor, Betrug ist groß,
Die Welt ist falsch und sehr gottlos.
Willst du genießen viel davon,
So ist der Schaden stets dein Lohn.

T Thu was recht ist und wohlgethan
Obwohl dich nicht lobt jedermann;
Du kannst es niemals also machen
Daß jedem gefallen deine Sachen.

V Verlaß dich nicht auf irdisch Ding,
All zeitlich Güter acht gering.
Darum der Mensch gar weislich thut
Der sucht allein das ewige Gut.

W Wenn jemand mit dir hadern will,
Rath ich, daß du schweigest still
Und ihm nicht hilfest auf die Bahn,
Da er gern wollt ein Ursach han.

X Xerxes baute auf sein Heer,
Darum ward er geschlagen sehr.
So du mußt kriegen, Gott vertrau,
Sonst allezeit den Frieden bau.

Y Je länger je mehr kehr dich zu Gott
Daß du nicht kriegst des Feindes Spott.
Der Mensch ein solchen Lohn wird han
Wie er im Leben hat gethan.

Z Zier all dein Thun mit redlichkeit,
Bedenk zum End den letzten B'scheid;
Denn vorgethan und nachbedacht
Hat manchen in groß Leid gebracht.

Ich kam einst in ein fremdes Land
Da stand geschrieben an der Wand:

Sei fromm und auch verschwiegen,
Was nicht dein ist, lass liegen.

Hüt dich, fluch nicht in meinem Haus,
Oder gehe bald zur Thür hinaus.
Sonst möchte Gott vom Himmelreich
Strafen mich und dich zugleich.

Rede wenig, aber wahr.
Borge wenig, zahle baar.
Lasse jedem was er ist
So bleibst du auch wer du bist.

Sag nicht alles was du weißt,
Thu nicht alles was du kannst.
Glaub nicht alles was du hörst,
Lieb nicht alles was du siehst.

Christlich gelebt, selig gestorben
Ist genugsam auf Erden erworben.

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Gewiß werden die Leser aus dieser Gegend in Amerika auch begierig sein zu wissen, welche Rekruten dieses Jahr zum aktiven Dienst genommen wurden. Es sind dies: Rudolf Volk von Johannes, Johannes Söhn von Michael, Romanes Ternes von Rochus, Alexander Ganski von Johannes, Korbinian Wagner von Simon, Johannes Merschbacher von Joseph, Kaspar Trefs von Johannes, Zacheus Hermann von Gottfried und Michael Staier von Michael.

In der Stadt Minsk wurde der katholische Geistliche Kanitsch aller Rechte verlustig erklärt und zu einem Jahre und vier Monaten Festungshaft verurtheilt, wegen Taufen eines Kindes russischer Eltern auf den katholischen Glauben.

Gruß an die Redaktion und an alle Mitleser dieses lieben Blattes.

Achtungsvoll

Anton Gedak.

dokumente/zeitungen/eureka/d-19121219-q2.txt · Zuletzt geändert: von Otto Riehl Publisher