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Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 9. Januar 1913

Film 11463, Vol. 7, No. 24, Page 2

Emmenthal, Bessarabien, Rußland
November 25. 1912

Gott zum Gruß, lieber Staats-Anzeiger! Ich kann deiner nicht vergessen und muß wieder einmal einen Bericht einsenden.

In Nummer 15 las ich auch eine Korrespondenz von meinem Bruder Joseph in Canada, und ich freue mich immer, von ihm zu hören, aber er schreibt zu selten und nicht genug. Deshalb will ich das Gegentheil thun und fleißig schreiben.

Ich berichtete das vorige Mal von beständigem Regenwetter und so ist's bis heute noch. Die Leute sind noch nicht fertig mit Dreschen und der Bobschoi ist noch auf dem Felde und der eingebrachte verfault zu Hause. Unlängst war ich in meiner alten Heimath Kraßna, aber dort sind die Leute fertig mit Dreschen und auch meistens mit dem Bobschoi, denn dort reift das Getreide früher, sodaß sie vor Eintritt des Regenwetters alles endigen konnten.

Nun will ich auch eine kleine Geschichte zum Besten geben, welche sich in einem deutschen Dorfe nahe bei Tarutino abspielte. Dort kamen zwei Männer in der Schenke zusammen. Ich könnte sie ja beim Namen nennen, doch will ich den einen als Küster bezeichnen und den anderen als den Ungarn, der im Dorfe eine Lafke betrieb. Die beiden sprachen über dies und jenes und kamen schließlich auch auf seinen Zucker zu sprechen. Bekanntlich lobt jeder Kaufmann seine Waare und so auch hier. Der Ungar behauptete, sein Zucker sei besser als der in der anderen Lafka beim Senifri verkaufte, und der Küster behauptete das Gegentheil. Endlich kam es so weit, daß sie eine Wette um fünf Rubel eingingen, welche jeder gleich beim Schenker hinterlegen mußte, und es wurde ein Bote abgeschickt, um beide Sorten Zucker zur Stelle zu bringen. Die Leute warteten ungeduldig auf Rückkehr des Boten und als dieser endlich eintrat, hieß es: Wohlauf, Brüder, seid lustig. Schenker, schenke ein vom theursten Wein, die zehn Rubel müssen versoffen sein.

Jetzt wurde der Zucker auf den Tisch gebracht. Der Ungar sagte, sein Zucker sei besser und der Küster behauptete, dem Senifri seiner sei besser. Aber hier hatte die Mehrzahl zu entscheiden und diese stand auf der Seite des Küsters, sodaß der Ungar schwer zu kämpfen hatte. Man wandte schließlich List an und vertauschte den Zucker des Ungarn mit dem des Senifri und stellte diesen den Ungarn vor, der da glaubte, er habe Senifri's Zucker vor sich und von diesem sagte er, daß er nicht so gut sei wie seiner, während er aber seinen eigenen Zucker vor sich hatte. Nun ging das Händeklatschen aber los und es wurde geschrieen: Verspielt, verspielt! Jetzt nur mehr Wein her und Gesundheit getrunken. Sie tranken und aßen und hielten sich lustig bis an den hellen Morgen. Dann ging es nach Hause aber, wie man sich leicht denken kann, nicht eben gerade.

Der Ungar schrie seiner in Verzweiflung wartenden Frau schon von Weitem zu: Sei getrost, liebe Frau, ich habe 5 Rubel gewonnen! Der Küster kam nach Hause und sagte seiner Frau dasselbe, sah aber so kläglich aus, daß seine Magd Clementina vor Schrecken krank wurde und einige Tage das Bett hüten mußte. - Schnaps und Wein machen den Menschen zum Schwein und richten obendrein noch viel Schaden an.

Da die beiden Herren nahe beieinander wohnen, kamen auch bald die Frauen zusammen und jede behauptete, ihr Mann habe vom anderen 5 Rubel gewonnen. Wie die Herren mit ihren Frauen übereins gekommen sind, kann ich nicht sagen, aber der Küster sang am folgenden Tage mit so heller Stimme in der Kirche wie nie zwar, sodaß sich die Leute die Köpfe zerbrachen, was er wohl getrunken habe mochte. Doch, nichts für ungut!

Damit aber nicht etwa Jemand sagen möge, ich sollte lieber nicht andere Dörfer anschwärzen und lieber ans meinem eigenen erzählen, will ich auch aus Emmenthal etwas berichten, denn die Leute hier sind auch keineswegs alle Engel - es giebt böse und gute, wie überall. Bei uns waren dieses Spätjahr einige Hochzeiten und wenn ein Mann Hochzeit ausrichtet, muß natürlich immer gehörig für Essen und Trinken gesorgt sein für die Gäste. Aber manche Frauen sind nicht zufrieden mit dem was ihnen vorgestellt wird, sondern sie nehmen heimlich eine Flasche Schnaps vom Tische und verstecken ihn unter der Schürze, um auch nach der Hochzeit noch etwas zu trinken haben. Das halten sie nicht für Diebstahl. Spielt dann die Musik zum Tanze auf, können solche freilich nicht tanzen, denn sie müssen doch die Schnapsflasche unter der Schürze festhalten. Um sich aber die Zeit zu vertrieben, keifen und klatschen sie dann über die Tanzenden, über Männer die mit anderen als den eigenen Frauen tanzen, und versuchen, ihnen Ruf und Ehre abzuschneiden. Wie glauben solch sich je vor Gottes Thron verantworten zu können?

Eine weitere Unsitte, um nicht einen strengeren Ausdruck zu gebrauchen, ist auch bei vielen Frauen eingerissen, indem sie im Falle eines Todes im Trauerhause, wie auf einer Hochzeit viel trinken und laut lachen und jauchzen. Ich halte das für sehr traurig und taktlos. Nun, zum Schluß, noch ein paar kurze Gedichtchen.

D i e G e d u l d .

Warum reimt sich auf Geduld
Doch so gut das Wörtchen Huld?-
Weil, wer wirket in Geduld,
Sich erwirbt des Himmels Huld.
Schweres wird ihm leicht gelingen,
Großes wird er bald vollbringen,
Denn auf allen seinen Pfaden
Folgt ihm Gott mit seinen Gnaden.

D i e M u t t e r

Der schönste Nam im Erdenrund
Das Schönste Wort im Menschenmund
Ist Mutter.
Ja, keines ist so tief und weich,
So innig und gedankenreich,
Als Mutter!
Und, hat es wohl so tiefe Macht,
Weil es von Kinderlippen lacht:
Die Mutter!
Weil es aus Kinderaugen winkt
Weil es im Kinderherzen singt:
Die Mutter!
Ja, wenn auch dieses Wort erklang,
Hat hohe Würde lebenslang:
Als Mutter!
Und die's besessen und entbehrt,
Der ist das Erdenglück verwehrt,
Der Mutter!

Nun möchte ich zum Schluß noch gerne wissen, wo denn der eifrige Leser Philipp Seifert mit einen Berichten bleibt. Auch habe ich an Peter Krenzel Brief und Porträt gesandt, aber Antwort nicht bekommen. Er ist doch auch Leser des Blattes und sollte etwas berichten.

Weiter hat für mich Jemand die West Canada bestellt. Wer es ist, möge sich im Staats-Anzeiger melden, damit ich ihm wenigstens danken kann. (Die Probenummern an die verschiedenen Herren werden prompt gesandt. Hoffentlich gelingt es, einige als Leser zu gewinnen. -Red. Staats-Anzeiger.)

Herzlichen Weihnachts und Neujahrsgruß an die Redaktion und an alle lieben Mitleser dieser Zeitung und besonders an meine liebe alte Mutter und meine Brüder in Canada.

Zachäus Kopp, von Martin.

dokumente/zeitungen/eureka/e-19130109-q2.txt · Zuletzt geändert: von Otto Riehl Publisher