Film 11463, Vol. 7, No. 26, Page 2
Petrofka, Bessarabien, Rußland
December 1. 1912
Sechs Wochen sind heute verstrichen seitdem ich Krasna verlassen habe und in Petrofka weile. Lange, lange sehnte ich mich nach dem Staats-Anzeiger, aber ich mußte in Geduld ausharren bis heute, ehe ich wieder in Besitz des lieben Blattes kam. Ich wurde dafür erfreut durch den Empfang der Nummern 13, 14, 15, und 16 des Blattes, die mich aus meiner Lethargie aufrüttelten.
Jeder Winter bringt dem Menschen Langeweile, besonders aber solchen die gewohnt sind, eine Zeitung oder Zeitschrift regelmäßig zu lesen, und plötzlich sie entbehren müssen. Gewiß stand mir bis daher, wie immer, die deutsche Odessaer Zeitung zur Verfügung, welche ja auch viele Nachrichten bringt, aber gar keine oder verschwindend wenige aus dem fernen Amerika. Wäre der heurige Winter ein Geschäftswinter, wie sonst, könnte man ja täglich mit geschäftlicher Beschäftigung sich die Zeit vertreiben, aber die Verhältnisse in Bessarabien sind so ganz anders geworden. Nicht nur der heurige Winter, sondern auch der verstrichene Sommer hatten im Vergleich zu anderen ihren besonderen Charakter. Man kann sich gar nicht denken, daß im Oktobermonat plötzlich Frost und Schnee ihr Erscheinen machen, wie es dieses Jahr der Fall war. Drei Tage später aber schlug das Wetter in regnerische Witterung um und verblieb so bis zum 29. November. Am 30. November erhielten wir zwar wiederum Frost, welcher nun die Menschen erfreute, aber die Freude sollte nicht lange dauern, denn es folgte wieder Regenwetter, welches bis heutigentages anhält. Somit will es scheinen, als wolle der Winter uns im letzten Jahresviertel gar nicht besuchen. Man sieht und hört überall die Leute in Gruppen stehen und klagen und seufzen: O Gott, was hast Du dieses Jahr über uns kommen lassen. In anderen Gegenden, wo die Menschheit weniger oder garnicht sich mit Handel beschäftigen, lebt das Volk wohl etwas ruhiger. Wie ich früher bereits berichtete, ist im südlichen Rußland das Bessarabische Gouvernement dasjenige welches im Handel an der Spitze marschirt, aber nun liegt in dieser Hinsicht alles darnieder. Geschäftsleute und Handwerker stehen heute da, schauen in das gelobte Bessarabien und wundern sich, wie doch Gott in so schneller Zeit das beste zu nichte machen kann. Ja, ihr meine lieben Landsleute drüben im fernen Amerika, euer Bessarabien geht heute den Krebsgang. Die Weinfässer, deren lange Reihen früher unsere Keller von Ende zu Ende füllten, zählten zu den gewesenen Dingen. Würdet ihr heute euer Bessarabien betrachten, würdet ihr gewiß mit Verwunderung sagen: Bei Gott ist doch alles möglich. Würdet ihr heute Bessarabien wieder betreten, ihr würdet alles gründlich verändert finden. Der Handel wurde hier früher gewissenhaft betrieben. Betrug und Schwindel waren dem Handelsmanne ein Greuel, aber heute haben Betrug und Schwindel die Oberhand. Diese Bezeichnungen haben ihre Bedeutung verloren und man bezeichnet sie jetzt mit dem Worte „Witz.“ Wer heute auf dem Markte den anderen gründlich über's Ohr hauen kann, der besitzt Witz und gilt als „gewitzter“ Handelsmann. Nach solcher Bezeichnung strebt heutzutage jeder Händler, der ehrliche Mensch verliert Hab und Gut, ist ein „Lump.“ Bruder und Schwester, Vater und Sohn, Mutter und Tochter sind das heutigentags nur noch dem Namen nach, denn jedes innere Gefühl ist erkaltet und sollte das eine die Hülfe des anderen anrufen, würde es kaum anders heißen wie einstmals die Juden zu unserem Herrn und Erlöser am Kreuze sagten¨ „Bist du Gottes Sohn, so hilfst dir selbst.“ Sollte ich mit dieser Abhandlung manchem Leser zu nahe an's Herz treten, bitte ich um Entschuldigung, da ich nur im Allgemeinen die jetzigen Verhältnisse in Bessarabien schildere.
Wenn man bedenkt, mit wie vielerlei Menschen man im Leben umzugehen hat, ist es nicht schwer, einzusehen, daß gewissenhaft zu leben eine Kunst ist. Mehr nach Reichthum, nach weltlichen Gütern, als nach Zufriedenheit trachtet heute der Durchschnittsmensch. Arbeitsamkeit ist der sicherste Weg nicht nur zum Reichthum, sondern zum glücklichen Leben überhaupt. An Stelle der Gewissenhaftigkeit und Rechtlichkeit stehen heutzutage Witz und Reichthum. - O Eintracht, o Eintracht, warum hast du Bessarabien zubeuten.(???) Da ließ einst der Vater alle sieben Söhne zu sich kommen, gab ihnen sieben Stäbe, die fest zusammengebunden waren, und sagte: „Dem, der dieses Bündel Stäbe zerbricht, gebe ich eine große Belohnung.“ Einer nach dem andern versuchte an dem Bündel seine Kräfte, allein wie sehr sie sich auch abmühten, mußte jeder endlich bekennen, daß er zu schwach sei, des Vaters Wunsch zu erfüllen. - „Und doch,“ sagte der Vater, „ist nichts leichter als dieses. Er löste das Bündel und zerbrach einen Stab nach dem anderen mit geringer Mühe. - O, riefen die Söhne aus, so zerbricht sie ja jedes Kind. - Der Vater aber sprach: „Wie mit diesen Stäben, so ist es auch mit euch, meine lieben Söhne, so lange ihr fest zusammenhaltet, wird Niemand im Stande sein, euch zu überwältigen. Wenn aber die Bande der Eintracht, die euch zusammenhalten soll, fehlt, so wird es euch gehen wie den Stäben, die hier zerbrochen auf der Erde vor euch liegen.“ - -
Jetzt benachrichtige ich auch meine lieben Kinder Ignatz, Eduard, Amalia und Eugenia in Morton County Nord-Dakota, daß wir bei guter Gesundheit in Petrofka weilen und wir bitten sie, ihre Eltern und Geschwister mit einem Briefe zu beehren. Da diese meine Zeilen so ziemlich zur Neujahrsnummer eintreffen könnten (Leider etwas verspätet. -Red. Staats-Anzeiger.), so wünschen eure Eltern und Geschwister euch viel Glück zum neuen Jahre. Gottlob, daß wir alle das alte Jahr gesund und vergnügt zurückgelegt haben. Möchte uns das neue ebenso freudenvoll dahinfließen. Euch, liebe Kinder, wie auch allen im fernen Amerika wohnenden freunden und Bekannten, dem gesammten Leserkreis und Herrn Redakteur Brandt und allen Mitarbeitern am Staats-Anzeiger, wünschen ich und Familie das süßeste Erdenlos. Der Himmel schenke allen seinen Segen und lasse mit diesem neuen Abschnitte unseres Lebens eine neue, glückliche Laufbahn beginnen, erheitert durch Gesundheit und ein ruhiges, zufriedenes Herz. Zum Schluß meiner Zeilen bitte ich alle, die ich etwa unbeabsichtigterweise in meinen Abhandlungen beleidigt haben sollte, herzlich um Verzeihung. Desgleichen will auch ich thun, damit wir einstens wenn die Stunde kommt, ruhigen Schrittes unserem Grabe zu schreiten können.
Achtungsvoll,
Romuald Dirk.