Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 30. Januar 1913

Film 11463, Vol., 7, No. 27. Page 2

Krassna, Bessarabien, Rußland,
December 12. 1912

Wieder geht das Jahr zur Neige
Und ein neues rückt heran;
Zu gering sind wir der Treue
Die Du, Herr, uns angethan.
Du hast uns bisher geführet
Und uns gutes nur gethan;
Täglich haben wir's verspüret:
Nur Du lenkest unser Bahn.
Nimmer wollen wir dich lassen,
Du, must ferner bei uns sein.
Wollen einzig Dich umfassen,
Trete segnend bei uns ein.
Unsern Ausgang, Herr, behüte,
Unsern Eingang Du bewahr.
Deine Liebe, Treu und Güte
Schenk uns auch im neuen Jahr.

Das heilige Weihnachtsfest naht, in welchem wir die Geburt des lieben Jesukindleins feiern. Es zeigt uns zur Genüge, wie trefflich die von Gott uns verliehenen Geistesgaben bei solchen Anlässen uns zustatten kommen. Die Geburt Jesu Christi, mit den dabei erfolgten Erscheinungen ziehen wieder, wie alljährlich, hell und klar an unserem geistigen Auge vorüber. Wie oft hat der Erlöser, während Seines Erdenwallens bis zu Seiner glorreichen Himmelfahrt, der Menschheit den lieben Frieden verheißen. Wir ersehen daraus, wie wichtig derselbe für Jedermann sein muß, und wie sehr es dem lieben Gott mißfällt, wenn der verheißene Frieden so oft gestört wird. Würde letzteres nicht geschehen, gäbe es keinen Krieg mehr auf der Welt. Das viele Geld, welches für Festungen, für Kriegsflotten, für den Unterhalt großer Armeen, Pferde, Kanonen, und für Pulver und Blei verausgabt wird, bliebe zum Wohle der Menschheit erspart. –

Am 11. Dezember versammelte unser Herr Oberschulz die Gemeinde und stellte derselben vor, daß der Eisenbahn Ingenieur da gewesen und ihn gebeten habe, der Gemeinde mitzutheilen, daß bis nächstes Frühjahr die Eisenbahn von Akkerman bis Leipzig gebaut wird und, weil sie durch Kraßner Land gebaut wird, an die Gemeinde die Frage zu stellen, ob sie das betreffende Land, welches die Bahn bedarf, schenken würde, oder ob sie bezahlt haben wolle. Die Gemeinde einigt sich und schenkte das betreffende Land unter der Bedingung, daß eine Eisenbahnstation (Waksall) auf Kraßner Feld gebaut wird, und gab diesbezüglich einen Gemeindespruch ab. Nun. Glück zu Bau! - Der Oberschulze hielt noch eine kurze Rede und führte an, daß er sich beleidigt fühlte, weil einige Personen den Herrn Schreiber N. Zerr beim Semsky Natschalnik (oder den Herrn Landvogt) verklagt hatten. Den Grund könnte ich auch angeben, halte es aber für besser zu schweigen, denn es heißt ja: wer wenig spricht, hat wenig zu verantworten, und: was dein Feind nicht wissen soll, das sage deinem Freunde nicht; weiter: klage Niemand dein Leid, so wird es nicht breit. Herr Zerr geht bis zum 17. Dezember aus Krasna fort in seine alte Heimath in's Chersonische Gouvernement, und wir sind auf der Suche nach einem anderen Schreiber. –

Das Wetter ist bei uns noch immer schön warm - von 4 bis 10 Grad. Heute hatten wir sogar 14 Grad Wärme. Mich wundert's, daß Herr Dirk im Staats-Anzeiger von kalten Wintertagen berichtete, denn ich bin noch nichts von diesen inne geworden. Am 14., 17., 22., und 23. Oktober hatten wir morgens vor Sonneaufgang 1 bis 3 Grad Frost, tagsüber bis 10 Grad Wärme.

Das Geld, nämlich 4 Rubel 50 Kopeken von Valentin Ritz habe ich durch den Vertreter F. Mitzler, Bremen, Wilhelm Widmer, Tarutino, gleich abgegeben. Bitte um Antwort, ob es zu Händen kam. Das werthe Blatt und die schönen Landkarten gehen ihm richtig zu, worüber er hocherfreut ist und dankbar ist. (Der Empfang des Betrags wurde bereits im Briefkasten in Nr. 17 bestätigt. Sie schreiben das Geld kommt von Valentin Ritz, aber Zeitung und Prämie gingen an Wm. Widmer. Ist's richtig? Herzlich Dank für Ihre Mühe. -Red. Staats-Anzeiger.)

Gestorben sind diesen Sommer: Georg von Peter Ruscheinsky, 46 Jahre alt und hinterließ eine tiefbetrübte Wittwe mit sieben ledigen Kindern; Wittwe Margaretha Leinz, im 78. Lebensjahre; Christiana Wiegenbach alt, im 64. Lebensjahre, und hinterließ ihren trauernden Gatten Joseph Wiegenbach; Anton von Franz Ihli, 62 Jahre alt, hinterließ eine tieftrauernde Wittwe und ein lediges Kind; Jakob Deigert jung, im Alter von 54 Jahren, hinterließ seine trauernde Gattin mit fünf ledigen Kindern von denen eins in Saskatchewan Canada ist. Am 16. Dezember verstarb August von Peter Söhn, 47 Jahre alt, hinterließ eine Wittwe mit sechs ledigen Kindern.

Gruß an alle Mitarbeiter, Leser und an die Redaktion.

Achtungsvoll

Anton Gedak.


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Petrofka, Bessarabien, Rußland December 4. 1912

Wie es den Anschein hat, ist es in Bessarabien, und vielleicht auch in anderen Gegenden, neuerdings unmöglich, gutes Wetter zu erhalten. Heute, als den 4. Dezember, regnet es wieder und die Anzeichen sind derart, daß an trockenes Wetter noch lange nicht zu denken ist. In früheren Jahren konnte man sich auch etwas nach Wetter und Bauernregeln richten, aber neuerdings sind auch die besten Prophezeihungen nicht mehr zutreffend. Alle Anzeichen mögen noch so sehr auf trockenes Wetter denken, es regnet ruhig weiter.

Ich selbst habe immer viel auf gewisse Regeln gehalten und gebaut und diese trafen immer halbwegs zu. Zum Beispiel:
1., wenn wir im Frühjahr nach dem 22. März schon Gewitter eintraten, waren keine Nachtfröste mehr zu erwarten.
2. hatten wir im Frühjahr viel Nebel, bekamen wir im Sommer viel Regen; war im Herbst viel nebliges Wetter bekamen wir im Winter viel Schnee.
3., hatten wir im Frühjahr Ueberschwemmungen und trat das Grundwasser häufig hervor, bekamen wir den Sommer außerordentliche Hitze und viel Ungeziefer.
4., hatten wir im Herbst und Winter oft Ostwinde, pflegten die Obstbäumen im künftigen Jahre gut zu tragen.
5. fiel im Winter viel Schnee, war der März trocken, April feucht und der Mai kühl, und fielen im Winter warme Regen, war eine reichliche Ernte in Aussicht.
6., die Witterung während welcher Mondwechsel eintraf, oder welche drei Tage nach Vollmond anhielt, pflegte bis zum nächsten Mondwechsel anzudauern.
7., wehte Südostwind, und kamen die Wolken aus Südosten, gab es Regen.
8., war Sturm, welcher nachts anfing, nicht so anhaltend, als Sturm, der tagsüber einsetzte.
9., folgte dem Winde bei warmem Wetter bald Regen.
10., wenn die Sonne klar aufging und das Gewölke vor sich vertrieb und keine Wolken am westlichen Horizont sich zeigten, blieb es den ganzen Tag klar.
11., wenn die Sonne klar und ohne besondere Farbe unterging, hatten wir am nächsten Tage sicher gutes Wetter, namentlich wenn schöne Abendröthe folgte.
12., war die Abendröthe kupferfarbig, folgte schlechtes Wetter; andererseits aber war Abendröthe stets ein Zeichen guten Wetters. Morgenröthe bedeutete Wind und Regen.
13., ging die Sonne hinter dicken Wolkenmassen auf mit dunkelrother Farbe, folgte bald Wind oder Regen.
14., thürmten sich tagsüber die Wolken um die Sonne folgte unbeständiges, windiges Wetter.
15., wenn es vormittags heiter war, nachmittags aber Regen folgte, oder schwarze Wolken aus Norden aufstiegen, ehe die Sonne unterging, bekamen wir am folgenden Tage Nordwind.
16., hatten wir morgens Nebel, der aber niederfiel, gab es gegen Mittag klares Wetter; stieg aber der Nebel, folgte Regen.
17., war es tagsüber wolkig und zeigte sich abends eine helle Stelle, die offen blieb, so kam am folgenden Tage der Wind aus dieser Richtung, schloß sich aber die Oeffnung, so kam der Wind aus der entgegengesetzten Richtung.
18., wenn morgens sich viele weiße Wolken, Schafe genannt, samelten, so folgte bald gutes Wetter.
20., zeigte sich der Sonne gegenüber ein heiter Schein, eine Windgalle, so folgte bald Sturm.
21., wie Berge oder Schneehaufen aussehende weiße Wolkenmassen verkündeten helles Wetter; schwarze, bleifarbene oder gar feuerrothe, zeigten Wind an.
22., waren schwarze, weiße oder lichtgraue Gewitter-Wolken nicht so gefährlich als rothe oder braune, obgleich bei ersteren der Donner heftiger schien.
23., schienen die Sterne nur trüb und waren die kleineren gar nicht sichtbar, obgleich das Firmament nicht bewölkt war, folgte trübes Wetter.
24., ein Hof um die Sonne oder um den Mond, deuteten trübes Wetter an oder Regen, und dieser war um so anhaltender, je langsamer er anfing.
25., Nebensonnen oder Nebenmonde verkündeten ungestüme Witterung.
26., wenn sich bei den Menschen die Hände recht trocken und hart zeigten, folgte gewiß bald Regen.
27., wenn die Hähne viel krähten, die Schwalben niedrig flogen, die Gänse viel schnatterten oder die Bienen nicht weit wegflogen, kam sicher bald Regen.
28., wenn der Wind der Sonne folgte, gab es mehrere Tage gutes Wetter.
29., wenn die Hühner nachmittags früh zur Ruhe gingen, folgte am anderen Tage gutes Wetter; trieben diese sich aber, bis spät abends auf dem Hofe herum, folgte am Tage darauf sicher Regen.
30., wenn abends beim Schlafengehen die Hähne krähten, gab es Witterungswechsel.

Schon seit vielen Jahren aber sind alle diese Regeln unzuverlässig und treffen nicht mehr zu. Nicht nur in dieser Hinsicht hat sich hier alles geändert, sondern auch alle anderen Naturverhältnisse. In Welttheilen, wo sonst an Schneefall nicht zu denken war, fällt heutigentags bis zu einer halben Arschin Schnee und, wo früher bis zu 50 Grad Kälte herrschte, kommt diese kaum noch auf 30 Grad.

Ich habe mich von diesen Wandlungen überzeugt durch Abhandlungen in Zeitschriften und auch als ich vor sechs Jahren eine Reise durch Sibirien machte und in anderthalb Monat 7000 Werst zurücklegte. Auf dieser Reise wurde mir von zuverlässiger Quelle versichert, daß vor Jahren in Sibirien die Kälte nie weniger als 50 Grad betrug, heute aber selten 25 bis 30 Grad übersteigt. Solche beweise von Veränderungen in der Natur giebt es noch viele mehr, aber was hilft es uns, zu wissen, daß sich auf der Erde alles umgestaltet, aber nicht besser wird als es war.

Für heute ist mir das Papier ausgegangen und in halb arschin tiefem Schmutz nach der Bude zu gehen und frisches zu kaufen, habe ich jetzt keine Lust. Also für diesmal Schluß.

Mit Gruß allerseits zeichnet

Romuald Dirk.