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Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 6. Februar 1913

Film 11463, Vol. 7, No. 28, Page 2

Krasna, Bessarabien December 15. 1912

Lieber Freund Nicolaus Kahl!

Du schreibst in Nr. 17 des Staats-Anzeiger und rufst mir zu, daß ich nur immer weiter die Wahrheit schreiben solle. Und du schreibst: „Die Wahrheit ist mächtig und muß bestehen.“

Mein lieber Freund Nicolaus, das werde ich tun und haben es getan, weil ich die Ungerechtigkeit, die uns im Dorfe existirt, nicht mehr vertragen kann. So geht es aber auf solche Platz, und in Dörfer wo das Volk kein Lehren hat, und wo kein Lehren ist ist auch kein Verstand. Früher war es nicht nur in Krasna sondern auch in andere Dörfer wo die Kinder, wann sie aus der Schule kamen, ein leerer Sack voll Lehren heim schleppte. Heute aber heißt das nur noch in Krasna. Lieber Freund Nicolaus, du weißt doch wie die Kraßner früher, als du noch in Krasna warst, auf die Lehre aus waren - so sind sie auch noch heute. Siehe! Ich und du waren Schulkameraden. Wärest du aber nicht nach Amerika gegangen, dann schreibtest du heute nicht hochdeutsch in der Zeitung. Wie ich aber sehen kann in der Zeitung wo du schreibst, hast du, in die paar Jahren daß du in Amerika bist, mehr gelernt als in Kraßna in deinem ganzen Leben. Lieber Kamerad, du mußt mir verzeihen daß ich in der Zeitung so prosaisch schreib. Wenn ich hochdeutsch könnte, dann schreibte ich gewiß hochdeutsch, aber wo habe ich das lernen sollen? Es war damals noch kein Schullehrer in Krasna wobei die Kinder in der Schule recht schreiben lernen konnten. Ich habe schon oft gedenkt: wann ich auch nichts gelernt habe, vielleicht wird es aber später besser mit der Schule, und dann lernen vielleicht doch meine Kinder etwas. Aber, lieber Gott - je länger je schlechter. Früher, als ich und du in der Schule gingen, waren doch noch alle Kinder angenommen, und wir haben dann, wenn auch nicht viel, aber doch wenigstens das „A B C“ gelernt, und wer gute Gabe gehabt hat, hat dann, als er aus der Schule war, so viel gelernt daß, bis er zum Heirathen war, konnte er doch seinen Name im Gemeindespruch unterschreiben. Heute aber werden die Hälfte Kinder vom Schullehrer heimgesandt und gar nicht in der Schule angenommen. Werden diese auch mal im Gemeindespruch ihre Namen unterschreiben können? Als Soldat will keiner bei uns gern dienen, aber, wie mancher heute sagt, Gott sei Dank, daß ich Soldat geworden bin. Hätte ich nicht als Soldat gedient, dann wäre ich noch so dumm wie es noch viele bei uns gibt. Es waren ja bei uns manche Männer, die beim Soldatendienst ziemlich so viel gelernt haben, so wie ich, aber weil sie auch nicht hochdeutsch schreiben können, darum schreiben sie nicht in der Zeitung und lassen alles sieben grad sein. Es gibt noch solche bei uns die bei den Soldaten auch hochdeutsch gelernt haben, aber diese schreiben in der Zeitung was keinen Wert hat. Solche könnten viel besser manches von Wahrheit schreiben, aber ich weiß nicht, haben sie Angst, daß dann von ihnen die Wahrheit von anderen geschrieben werde oder was die Schuld ist?

Lieber Nicolaus, die Armut in alle Teilen ist heute groß bei uns, und die Unrechtigkeit ist noch viel größer. Kommt ein Armer mit eine Reiche vor Gericht, so muß der Arme gewiß noch ein wenig Unzufriedenheit stellen, und dann ist er auch bald hinter Schloß, und der Reiche setzt sich dann zu den Richter und sagt: so mussen wir es mit solche Kerle machen.

Neulich aber waren ein paar Reiche mit Weib vor Gericht. Da war dann guter Rath theuer. Da hat beim Richter ihr Drohen nichts geholfen. Die Sache war doch zu toll und die Reiche haben mit fünf und zehn Sutke in die sauren Äpfel beißen müssen. Nun, Wittweiber, die die Sache so weit kommen lassen bis es zu toll wird, vor solche fall neben daran ein Häuschen sei wo ein Finsterchen wäre zum Flußschauen bei die die fünf und zehn Sutke am saure Äpfel lecken. Ich könnte dir so auch alles schreiben, lieber Kamerade, wie das alles war, aber du lesest doch die Zeitung, dann wirst du so auch wissen, wann einer in der Zeitung die Wahrheit schreibt, dann soll es nicht wahr sein, dann wird gleich an den Herr Redaktionäre geschrieben, und gleich wird die Bestätigung über denen der es geschrieben hat von ihm verlangt, und sie willen sich dann schön machen und willen denen die es geschrieben hat strafen lassen. Lieber Nicolaus, ich habe mich vorgenommen, nie viel in der Zeitung zu schreiben, außer es kommt wieder was zu toll ist.

Gruß an alle Leser des Staats-Anzeiger.

E Bauer.

Dialekttext

Krasna, Bessarabien, den 15. Dezember.

Liewer Freind Niklas Kahl!

Du schreibscht in Nr. 17 des Staats-Anzeiger un rufscht mir zu, ich soll nor immer weiter die Wohrheit schreiwe un schreibscht: „Die Wohrheit is mächtig un muß beschtehn.“

Mei liewer Friend Niklas, das wer ich thun un hans gethan weil ich die Ungerechtigkeit wo bei uns in Dorf ekscheschtirt nimmi vertrahn kann. So gehts awer uf sonne Plätz und Dörfer wo das Volk ke Lehr hat und wo ke Lehr is do is ach ke Verstand. Frühr war nitt nor Kraßna, ach noch in anre Dörfer hann die Kinner, wann se aus dr Schul kumm sin, e leerer Sack vol Lehr hemm geschleppt, heit awer nor noch in Kraßna. Liewer Freind Niklas, du wescht doch wie die Kraßner früher, wia du noch in Kraßna warscht uf die Lehr aus ware, so sin se ach heut noch. Kuck, ich un du ware Schulkumerad, werscht du awer nitt nach Amerika gang, dann detscht heut nitt hochdeutsch in dr Zeitung schreiwe awer wie ich sihn kann in dr Zeitung wo du schreibscht, so hascht du in de paar Johr wo du in Amerika bischt meh gelernt wie in Kraßna in deim ganze Lewe. Liewer Kumrod du muscht mir verzeihe daß ich in dr Zeitung so prost schreib, wann ich hochdeutsch kennt, dann thät ich gewiß hochdeutsch schreiwe, awer wo han ichs lerne solle? S war so noch ke Schullehrer in Kraßna wo die Kinner in dr Schul recht schreiwe gelernt hat. Schun oft han ich gedenkt: wann ich ach schun nicks gelernt hann, vleicht werds awer später mit dr Schul besser, dann lerne vleicht doch mei Kinner was. Awer, liewer Gott - wie länger wie schlechter. Früher wie ich un du in de Schul gang sinn, sinn doch noch alle Kinner angenomm wor, un mer hat dann, wann ach nit viel, awer doch wenichschtens das A B C gelernt und der wo dann gute Gawe gehat hat, hat dann, wier aus dr Schul war, so viel derzu gelernt bisr zum heirathe war, daß er doch sei Name im Gemehnespruch unnerschreiwe hat kenne, awer heut were so die helft Kinner vum Schullehrer hemgejacht un gar nitt in dr Schul angenomm. Were die ach mol im Gemehnespruch ihre Name unnerschreiwe kenne? Soldat will bei uns so kaner gern diene, awer wie mancher sagt heut, Gott sei Dank, daß ich Soldat gewor bin, hätt ich nitt Soldat gedient, dann wär ich noch so dumm, wies noch viele bei uns gebt. Swäre ja bei uns manche Männer, wo beim Soldatedienscht ziemlich so viel gelernt hann, so wie ich, awer weil se ach nit hochdeutsch schreiwe könne, weger dem schreiwe se nitt in dr Zeitung un losse alles siewe grad sinn. Sinn so noch sone bei uns wo bei de Soldate ach hochdeutsch gelernt hann, awer die schreiwe wieder so was in dr Zeitung wo ka Werth hat. Sone kennte so viel besser manches vun Wohrheit schreiwe, awer ich was nitt, hann sone Angscht, daß dann ach vun ihne die Wohrheit vun anre geschrieb det were, oder was die Schuld is: Mit ein Wort, liewer Niklas, die Armuth in alle Thel is heut bei uns groß, un die Ungerechtigkeit noch viel größer. Kummt e Armer mitme Reiche vor Gericht, dann muß dr Arme gewiß noch bische unzufriede stelle, dann is er ach ball hinner Schloß, un dr Reiche setzt sich dann zu de Richter un sagt: so musch mers sone Kerls mache. Awer noch nit lang ware paar Reiche mit me Weib vor Gericht, da war dann guter Roth theuer, do hat Richter ihre Drohe nicks geholf, die Sach war doch zu toll un die Reiche hann mit fünf un zehn Sutke in de saure Apel beiße misse. Nor so Wittweiber, wo die Sach so weit kumme losse bis es zu toll werd, for sone sellt newe dran e Häusche sin wo e Finsterche wär zum riwer kucke bei die wo fünf un zehn Sutke am saure Apel lecke. Ich kennt dr so ach alles schreiwe, liewer Kumrad, wie das alles war, awer du lescht doch Zeitung, dann werscht so ach wisse, wann ener in dr Zeitung die Wohrheit schreibt, dann soll's nitt wohr sinn, dann werd gleich an de Herr Redaktionär geschrieb un verlange von ihm gleich de Bestätigung iwer denne was geschrieb hat, un welle sich dann schön mache un denne wos geschrieb hat strafe losse. (Ja, lieber Freund, solche Leute kommen aber beim Staats-Anzeiger an die verkehrte Schmiede, und wenn Sie uns nur die Wahrheit schreiben, ist es entschieden besser für die Betreffenden, die Medizin zu verschlucken. Wir halten es mit Ihrem Schulkameraden Nikolaus Kahl: die Wahrheit ist mächtig und muß bestehen. -Red. Staats-Anzeiger.) Liewer Niklas, ich hann mer vorgenumme, ni viel in dr Zeitung schreiwe, außer 's kummt wieder was wo zu toll is.

Gruß an alle Leser des Staats-Anzeiger.

E Bauer.


Film 11463, Vol. 7, No. 28, Page 2

Petrofka, Bessarabien, Rußland
December 20. 1912

Am 6. Dezember trat ich auf einige Tage eine kurze Geschäftsreise an nach der Kolonie Arzis zu meinem Neffen Thomas Januschaitis. Ehe ich die Meinigen verließ, schrieb ich nach dem Staats-Anzeiger einen kurzen Witterungsbericht und unterbreitete einige allgemeine Regeln für das Wetter. Diesem hätte ich noch viel hinzuzufügen gehabt, aber die Zeit zur Abfahrt drängte und ich mußte einhalten. Nun aber wieder zu Hause angekommen, will ich noch wieder auf dieses Thema zurückkommen.

Beobachte, lieber Leser, im Frühling, April und Mai: Wenn die Eichen schon vor Mai Blätter haben, darf man einen schönen und fruchtbaren Sommer und gute Weinlese erwarten. - Liegt der Froschlaich im Frühjahr in tiefem Wasser, folgt ein warmer und trockener Sommer; liegt er am Ufer, oder in nur seichtem Wasser, kommt ein nasser Sommer. Diese Regel ruht auf der noch nicht bewiesenen Möglichkeit, daß die Frösche die Natur des Sommers vorausfühlen und Sorge tragen, daß sie ihre Brut dahinlegen, wo sich die zu ihrer Entwickelung nöthige Feuchtigkeit bietet. - Wenn die Kirschen gut verblühen, wird auch der Roggen gut blühen. - Blüht der Schlehdorn vor oder am 1. Mai, so wird der Roggen vor oder zu Jakobi reif und man darf schönes Wetter zur Heuernte hoffen. Je später der Schlehdorn nach dem 1. Mai blüht, desto schlimmer sieht es mit der Kornernte aus. - Wenn die Rohrdommel zeitig gehört wird, hofft man auf eine gute Ernte. - Wenn die Grasmücke singt ehe der Weinstock sproßt, verkündigt sie ein gutes Jahr. Früher Donner, später Hunger. Deutet auf einen nassen Sommer. Wenn die Finken und Buchfinken sich früh vor Sonnenaufgang hören lassen, verkünden sie nahen Regen. Wenn die Lerche hoch steigt im Flug und hoch oben singt, verkündet sie schönes Wetter.

Sommermonate, Juni, Juli, August: Den Sommer schändet kein Donnerrollen. Zählt man zwischen Blitz und Donner acht Pulsschläge, ist das Gewitter noch eine Viertelmeile weit entfernt, je weniger man zählt, desto näher ist es. Gewitter steht zu erwarten, wenn das Vieh zu Mittag nach Luft schnappt, mit offenen Nüstern über sich riecht und mit aufgereckten Schwänzen auf der Weide springt. Wenn der Esel beim Austreiben aus dem Stalle die Nase in die Höhe steckt und tüchtig die Ohren schüttelt, ist Regen oder Gewitter zu erwarten. - Höhenrauch im Sommer ist der Vorbote eines strengen Winters. - Wenn die Johanniswürmchen ungewöhnlich leuchten und glänzen, kann man sicher auf schönes Wetter rechnen. Lassen sie sich bis zum Johannistag nicht sehen, ist das ein Zeichen kalter, unfreundlicher Witterung. - Weben die Spinnen fleißig im Freien, deutet das auf beständiges Wetter, arbeiten sie aber nicht, so steht unangenehmes Wetter bevor. Arbeiten sie bei Regen, so dauert dieser nicht lange und folgt bald beständiges, schönes Wetter. - Wenn die Gartenschne-cken und Schleimschnecken häufig auf Beeten und Wegen sich finden, so folgt Gewitterregen. - Vor dem Gewitter fliegen die Schwalben niedrig. Herbstmonate: September und Oktober:

Viele Nebel im Herbst deuten auf einen schneereichen Winter. - Fällt das Laub zeitig von der Bäumen, ist ein schöner Herbst und gelinder Winter zu erwarten; bleibt es hängen bis zum November, soll ein langer Winter folgen. - Wenn nach Sonnenuntergang ein dichter Nebel über Flüssen und Bächen und Wiesen liegt, bedeutet das beständiges, schönes Wetter. Dichter Nebel zeigt oft an, daß es Nachts regnen wird. - Mehr landwirthschaftlich sind: Finden sich noch spät im Herbst Baumblüthen, so deutet das auf ein ungünstiges Jahr. - Späte Rosen im Garten (etwa im September) deuten auf schönes Wetter und gelinden Herbst.

Wintermonate November, Dezember, Januar, Februar und März:

Wenn es vorwintert, nachwintert es gern. - Später Winter, spätes Frühjahr. - Wenn Birken und Weiden ihr Laub am Wipfel lange grün halten, während das untere früh abfällt, deutet es auf zeitigen Winter und gutes Frühjahr. Vorstehende Regeln beziehen sich wohl alle darauf, daß ein warmer Herbst einem verspäteten, kalten Winter vorangeht. Man will auch bemerkt haben, daß nach reicher Hopfenernte jedesmal strenger Winter und ein gutes Kornjahr folgen. - Donner im Winterquartal bringt uns Kälte ohne Zahl. (Das heißt warme Sturmwinde um Martini lassen strengen Winter folgen.) - Viele Nebel im Herbst deuten auf einen schneereichen Winter. - Nebel im Winter bei Ostwind und Kälte deuten auf Thauwetter; bei Westwind auf Regen. - Sinkende Nebel deuten auf rauhe und kalte Witterung. - Wenn die Forellen früh laichen, giebt es viel Schnee. - Wenn der Hase sich von den Höhen in die Niederung begiebt, folgt anhaltende Kälte. - Fällt der erste Schnee in Dreck, wird der Winter ein Geck. Soll wohl bedeuten: Bleibt der erste Schnee nicht liegen, ist dies ein Zeichen unbeständigen Wetters. Allerdings ist dann die untere Region zu warm und die Kälte der oberen nicht stark genug. Allein nach dem Verhalten des ersten Schnees kann nicht auf den ganzen Winter geschlossen werden. - Schneit es fein, darf man anhaltende Kälte erwarten; fällt der Schnee in großen Flocken und läßt er sich gut ballen, kommt mäßige Kälte. Ganz richtig, denn feiner Schnee bleibt liegen; großflockiger ist der Uebergang zum Thauwetter. Daher auch: kleiner Schnee, große Wasser; großer Schnee, kleines Wasser. - Schneejahr, reich Jahr. - Wie die Witterung in den zwölf Nächten vom Fastenach an ist, so ist sie zwölf Monate hindurch. - Hat der Neujahrstag Morgenröthe, folgen im Sommer viele Gewitter. Auf einen gelinden Januar folgt ein kalter Frühling. - So viel Nebel im März, soviel Güsse in 100 Tagen. - Wenn die Gans zu Martini in's Eis tritt, tritt die Weihnachten in den Koth. - Grüne Weihnachten, weiße Ostern. - Wenn die Kraniche und wilden Gänse ziehen, bleibt der Winter auch nicht lange aus.

Alle diese Regeln wurden jahrelang beobachtet und haben sich auch immer wieder bewahrheitet. Heute aber scheint es, als sind sie weniger verläßlich als je zuvor und es scheint eine große Veränderung vorgegangen zu sein. Freilich, so sehr zum Verwundern ist das gerade nicht, denn jedes lebende Wesen auf dem Erdenrunde, wie auch der Mensch, verändert sich beständig, weshalb sollen also nicht auch die elementaren Gewalten der Natur aus ihren Bahnen weichen? Besonders weicht der Mensch täglich aus seiner von Gott vorgeschriebenen Bahn, sodaß man ihn bald für etwas anderes ansehen und bei solcher Beobachtung ausrufen könnte:

Ein Affenkasten ist die Welt,
Das ist gewißlich wahr,
Und wer sie für was andres hält,
Der irrt sich offenbar.
Beim Kind schon fängt das Aeffen an;
Das liegt nun mal im Blut;
Nur das was andre schon gethan,
Nur das hält man für gut.
Und wenn´s der größte Blödsinn wär
Den man uns vorgemacht,
Wir äffen´s nach mit Würd und Ehr
Getreulich Tag und Nacht.
Wie wiederwärtig mancher Fraß
Weiß man nur gar zu gut;
Und dennoch ißt man dies und das
Weil es der Nachbar thut,
Kommt mal ne neue Mode auf
- Ist sie auch hirnverrückt-
Sie nimmt gebietrisch ihren Lauf,
Man ist von ihr entzückt.
Nun frage ich, wie kommt es nur,
Das Gottes Schöpfungs Kron',
Die höchste Leistung der Natur,
Dem Schöpfer ward zum Hohn?
Woher das ganze Unheil rührt?
Das leuchtet jetzt mir ein:
Wer seinen Stamm vom Affen führt
Kann nur ein Affe sein!
Doch eilend kommt mir in den Sinn,
Und ruf ich's aus geschwind:
Das trotzdem wir von Anbeginn
Nur Gottes Kinder sind.

Die Vergangenheit ist uns bekannt, was uns aber die Zukunft bringen mag, ist eine Frage. Jeder Tag bringt neues Wissen, aus welchem wir schließen mögen, daß die Welt gegen frühere Zeiten eine Wendung machte. Wie gesagt, nicht nur die Regeln der Witterung haben Aenderungen erfahren, auch der Mensch tritt hie und da aus seinem Stamm und will zum Affen werden. Häßlich ist es, anzusehen, wie mancher Mensch heute seinen von Gott erhaltenen schönen Körper durch hirnverrückte Moden verunstaltet. Manche Damen schnüren sich mit Modeleibbinden den Körper zusammen, daß die Rippen krachen, um eine schöne, schlanke Gestalt zu zeigen.

Manche wieder legen sich Hinterviertelkissen an, daß sie aussehen wie ein Pavian im zoologischen Garten. Eine andere Dame trägt wieder Kopfbedeckung, daß man ein Rundwettrennen darauf halten könnte, und so weiter. Auch bei Herren werden Körperverunstaltungen vorgenommen. Das alles aber muß der vernünftigen Menschen auf den Gedanken bringen, daß solche seiner Mitmenschen nahe daran sind, Affen zu werden. Der Affe ist eben ein Affe: was er sieht, macht er nach, ganz gleich ob es schädlich oder dienlich für ihn ist, ob es ihn schöner oder häßlicher erscheinen läßt, denn er hat dafür kein Verständniß.

Ja, die Zeit ist da und sicher bewahrheitet sich der alte Spruch: die Zeiten sind veränderlich. Lieber Leser, werfe deine Blicke nach den verschiedenen Seiten der Welt, so wirst du gewiß finden, daß unter der Menschheit Tugend, Mäßigkeit, Geduld, Keuschheit und Liebe zu Gott schon dahin ist. Sitzt man zu Hause bei den Seinen am friedlichen Herde, kann man sich in das Veränderungssystem der Welt gar nicht so hineindenken, macht man aber eine kleine Reise, so wie ich unlängst eine zu meinem Neffen in Arzis machte, so stößt man auf Veränderungen, daß man ganze Bände darüber schreiben könnte. Kaum bin ich zwei Monate von Kraßna fort, als ich aber auf meiner Reise auch dahin kam, mußte ich auch dort so viel hören, daß man Stunden schreiben könnte, wenn alles zu Papier kommen sollte. Ich will aber darüber keine Zeit verlieren, sondern dies dem Korrespondenten „E Bauer“ überlassen, der ja ab und zu von dort berichtet, denn diesem sind doch die näheren Umstände besser bekannt, und ich hoffe, er wird nicht schlafen, wie viele andere Korrespondenten. Der Korrespondent aus Krasna, Herr Anton Gedak, meldet in Nummer 14 des Staats-Anzeiger, daß er den Sommer über, unmöglich korrespondiren konnte wegen Mangel an Zeit und weil er dachte, daß Herr Dirk alles berichten werde und sich darin auch nicht getäuscht habe. Hätte aber Herr Gedak meine Korrespondenzen sich näher angesehen, dann hätte er melden sollen, daß nicht nur etwas, sondern vieles übrig geblieben war aus Krasna zu melden, denn die Korrespondenzen die ich zu jener Zeit für das Blatt schrieb enthielten von Kraßnaer Verhältnissen wenig oder gar nichts.

Mit Gruß an die Redaktion und an den Leserkreis zeichnet

Romuald Dirk.

dokumente/zeitungen/eureka/e-19130206-q2.txt · Zuletzt geändert: von Otto Riehl Publisher