Film 11463, Vol. 7, No. 29, Page 2
Petrofka, Bessarabien Dezember 25. 1912
Heute feiern wir Rußländer das hochheilige Weihnachtsfest (7. Januar) und gestern, am Montag (den 6. Januar), hattet ihr, liebe Freunde in Amerika und Canada, das Fest Epiphania (hl. Drei Könige). Glaubet nur, liebe alte Landsleute, und ihr, unsere Verwandten, Freunde und Bekannte, daß an diesem Tage vieles und abermals vieles von euch in Freundes- und Gesellschaftskreisen sowohl, wie auch am Herde trauern der Eltern, gesprochen wird. Von trauernden Eltern, deren Kinder dort in der neuen Welt gewissermaßen lebendig begraben sind. Wie viele bittere Thränen rollen da über die Wangen so mancher Mutter, die ihr Kind schon jahrelang nimmer wiedersah! Wie gerne gäben doch manche Mutter, mancher Vater, Jahre ihres Lebens und Hab und Gut dahin, wenn sie nur noch einmal in ihrem Leben ihr Kind wiedersehen könnten! Wie mancher Vater, manche Mutter, aber müssen ihre Kinder im fernen Amerika und Canada ruhig lebendig begraben liegen lassen, ohne daß dieser innige Herzenswunsch in Erfüllung gehen, ohne daß sie die Kinder in diesem Leben je wiedersehen, bis alle hinübergehen in jenes Land wo keine Thränen mehr fließen, kein Herz mehr wehe thut! Einen starken Trost, einen wirksamen und unermüdischen Vermittler zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern, und zwischen anderen Verwandten und Freunden aber haben wir; es ist der Staats-Anzeiger, der mit seinen zahlreichen Korrespondenzen aus dem Leserkreise diesseits und jenseits des unendlichen Weltmeeres das Bindeglied bildet, das Eltern und Kinder und Geschwister und Freunde gewissermaßen im Geiste wenigstens zusammen bringt, ja vereinigt. Tausend, tausend Dank dafür! Deshalb auch ihr Rußländer in Amerika und Canada unterstützt ohne Ausnahme den Staats-Anzeiger in seiner edlen Mission. Seid nicht geizig, wenn es gilt ein so lobenswerthes Werk fördern zu helfen, denn es ist zu euerem eigenen Vortheil und Nutzen! Jeder Rußländer in der neuen Welt sollte den Staats-Anzeiger lesen und vorauszahlen. Nicht nur das, er sollte auch korrespondiren, ganz gleich wo er sein mag. Weiter sollten unsere Landsleute in der neuen Welt alle, die vielleicht noch Eltern, Geschwister oder Freunde im alten Vaterlande haben und gewiß haben alle solche auch den Staats-Anzeiger für mindestens eine Person in der alten Heimath bezahlen, wenn es die Mittel nicht erlauben sollten, mehr als eine Zeitung zu senden. Durch solche Geschenke wird das Band des geistigen Verkehrs zwischen hüben und drüben immer mehr gefestigt, und die so vorausgabten paar Rubel könnten absolut nicht besser angelegt werden. Also, liebe Freunde, merkt euch das! Jeder Vater, jede Mutter, welche heute in der Lage sind, welche ihre Kinder in der neuen Welt wissen würden heute entschieden ganz anders denken, wie zur Zeit des Abschieds von ihrem Kinde nach dem weiten Amerika! Gewiß würden solche Eltern heute sagen: besser den Sohn hier in Rußland als Soldat dienen lassen, als ein Abschied auf Nimmerwiedersehen! Doch, was geschehen, ist geschehen und heute schwer, wenn überhaupt zu ändern!
Die Witterung ist bei uns bis auf den heutigen Tag regnerisch und wird nur zeitweilig von gelinden Nachtfrösten unterbrochen. Getreidehandel und Verkehr lagen bereits den ganzen Herbst, bis auf heute noch, darnieder und wir können uns kaum erinnern, je zuvor bei einer mittleren Ernte eine solche Herbstsaison verlebt zu haben. Die Weizenausfuhr nach den nahegelegenen Städtchen ist ganz schwach, wenn überhaupt von einer solchen die Rede sein kann. Das hat wahrscheinlich seinen Grund darin, daß der rußländische Weizen diesjähriger Ernte von geringerer Güte und leicht an Gewicht ist. Der amerikanische Weizen ist dieses Jahr, wie man in Zeitschriften liest, besser als der russische und auch nicht theuerer. Daher wohl kaufen die Länder, welche Weizen brauchen, das überseeische Produkt und wir bleiben mit unserem sitzen. Besonders gering ist dieses Jahr der Weizen im Chersonischen Gouvernement und dort wird es den Exporteuren schwerer, den Weizen loszuschlagen als selbst im Bessarabischen Gouvernement. Wenn jetzt noch, wie man vernimmt, in Argentinien eine volle Weizenernte eingeheimst wird, dann werden die russischen Weizenhändler, welche einen großen Vorrath haben, zum Frühjahr einen schweren Verlust erleiden. Für guten Weizen, dessen aber eben wenig vorhanden, zahlen unsere örtlichen Mühlen immer noch 1 Rbl. 5 Kop. bis 1 Rbl. 10 Kop., während die gewöhnliche Sorte nur 85 bis 90 Kop. bringt. Mit der Gerste aber steht es besser und diese bildet jetzt im Handel einen Spekulationsartikel weil die Preise schwanken, bald steigen, bald fallen. Für Roggen ist im Handel gar keine Nachfrage. Altes Welschkorn steht auch niedrig im Preise, nämlich 60 bis 65 Kop. per Pud Körner. Neues an Kolben gilt 10 Kop. per Pud. Mit Hafer wiederum steht es besser, denn dieser wird in großen Mengen nach Bulgarien verkauft.
Mit freundlichem Gruß an den Leserkreis dieses Blattes zeichnet
Romuald Dirk.