Film 11463, Vol. 7, No. 35, Page 2
Krasna, Bessarabien, Rußland
Januar 25. 1913
Diese ist meine erste Korrespondenz im neuen Jahre. Ich hätte früher schon geschrieben, wurde aber durch einen schlimmen Finger daran verhindert.
Die Feiertage wären glücklich überstanden. Die Leute waren alle friedlich und man hörte nichts neues während der Feiertage. Solche Leute, oder besser gesagt junge Männer, die um drei Uhr nachts aufstanden, um ihren Freunden das neue Jahr anzuwünschen oder anzuschießen, bekamen, bis der Tag anbrach, so schwankende Glieder, daß ihrer nicht mehr mächtig waren und daß sie schließlich sich zu Bette legen musten. Wir hatten am Neujahrsmorgen bei 6 Grad Kälte. Nun weiß ich freilich nicht, hatten sich diese jungen Männer nur erkältet, oder hatten sie etwas zu tief in's Branntweinglas geguckt. Eins von beiden aber war's, und ich glaube das letztere.
In Nr. 24 des geehrten Blattes las ich eine Korrespondenz geschrieben von meinem Freunde Michael A. Volk. Es freute mich, zu erfahren, daß auch er Leser des Blattes ist.
Ich bedauere sehr, daß mein alter Freund Jakob A. Kopp schwer krank darniederliegt. Möge Gott ihn bald gesunden lassen.
In der Nacht des 7. Januar besuchten unwillkommene Gäste das Magazin des Gabriel J. Schreiber, in welchem sich 12 Schinken und 5 Seitenstücke befanden. Einen der Schinken bekam sofort der getreue Hund, damit er die Gäste nicht störe, 15 der Fleischstücke nahmen sie mit und eins ließen sie zurück für den Wirth. Also waren sie doch noch barmherzing. Im Verdacht der Thäterschaft stehen ein hiesiger Ansiedler und ein Jude. Sollten sie überführt werden, dürfte das Fleisch ihnen theuer zu stehen kommen und ihnen schlecht munden.
Seit Weihnachten hatten wir gutes Wetter, 1 bis 3 Grad unter Null. Am 18. Januar hatten wir 8 Grad unter null und vom 21. bis 25. hatten wir 3 bis 8 Grad Wärme.
Am 17. Januar wurden ich und Frau auf den Namenstag bei Antoni und Amalia Kunz geladen. Es waren noch anwesend Anton und Annamaria Bonjagowsky, Oswald und Asteria Ternes und Wittwe Wiegenbach. Die Gesellschaft bestand aus neun Personen. Es mangelte nicht an gutem Essen und Trinken, der Gramaphon lieferte Musik und es wurde gesungen, gegessen und getrunken bis 2 Uhr morgens. Ich möchte wünschen, das Antoni 5 bis 6 Mal im Jahre gefeiert würde.
An alten Leuten sind seit dem 22. Dezember gestorben: Dorothea Tischner geborene Rühl, 45 Jahre alt; am 30. Dezember verstarb Wittwe Eva Fenrich, alt 83 Jahre; am 9. Januar verstarb Margaretha Ihli, geborene Heidrich, 52 Jahre alt; am nämlichen Tage verstarb Katharina Kranich, geborene Hartmann, 55 Jahre alt, und am 19. Januar verstarb Joseph Merschbacher, 58 Jahre alt. Auch haben wir viele Kranke im Dorfe. Schwer krank liegen darnieder: Kasimir von Gottlieb Leinz und Jakob von Georg Bachmeier. An ihrem Aufkommen wird gezweifelt.
(Die Aenderung in der Adresse wird sofort gemacht.-Alpenkräuter kann nicht nach Rußland gesandt werden. -Red. Staats-Anzeiger.)
Wir hoffen, den Winter, den rauhen Gesellen, bald los zu werden denn die Sonne steigt alle Tage höher und zeigt sich immer lieblicher.
Wahrer Mund und treue Hand,
Gelten viel in jedem Land.
Bei dem Freunde halte still,
Der nur dich und nicht das deine will.
Was nutzt dem Reichen sein Geld
Wenn der Teufel den Schlüssel behält.
Gruß an die Redaktion und an alle Mitarbeiter und Leser dieses Blattes.
Hochachtungsvoll Anton Gedak
Film 11463, Vol. 7, No. 35, Page 2
Mathildendorf, Bessarabien, Rußland
Februar 10. 1913.
Heute war ich auf unserer Poststation Petrofka, um gemäß Einladungskarte zwei Taschenuhren aus Warschau in Empfang zu nehmen. Dazu reichte mir der Postmeister auch noch den Staats-Anzeiger und einige Briefe aus Amerika. Alles dieses verschaffte mir einen recht kurzweiligen Sonntag, besonders die Briefe von meinen Kindern Ignatz und Amalia Groß und von einigen anderen Freunden. Als ich das Blatt entfaltete, fand ich wieder sehr interessante Berichte von hüben und drüben und, unter Datum des 1. Februar, auch einen kurzen Bericht von meiner Tochter Amalia Groß von Ignatz. Es freut mich herzlich, daß auch sie Leser des lieben Blattes geworden sind. Da ich morgen nach Tarutino zu reisen gedenke um Korbinien, Antonia und Bertha zu besuchen, habe ich gerade jetzt nicht Zeit, den Brief meiner Kinder zu beantworten, aber diese Korrespondenz darf als Vorbote gelten für meine Antwort. Unsere Kinder Eduard und Eugenia Richter sind auch Leser des Blattes, aber ich habe noch nichts von ihnen gelesen. Abgesehen hiervon könnte es auch nicht schaden, wenn seitens meiner Kinder 25 Cents an den Staats-Anzeiger gesandt würden für die schönen Wandkarten, zusammen mit der von Rußland, denn ohne die Verpackungs- und Versandtkosten zu decken, könnte ich kaum dieselben verlangen. (Einsendung der 25 Cents ist nicht nöthig. Die gewünschten Karten gehen Ihnen zu mit freundlichem Gruß. -Red. Staats-Anzeiger.)
Den Korrespondenten in Kraßna, „E Bauer,“ möchte ich fragen, wen er unter den Gelehrten versteht, denn er klärt auch seinen Schulkameraden Kahl darüber nicht auf. Da die Redaktion im Briefkasten aber infolge Einlaufens vieler Korrespondenzen mahnt, alles kurz und bündig zu schreiben, so will ich diesmal nicht weiter darauf eingehen, damit auch anderen Korrespondenten Platz für Berichte bleibe. (Ihr Berichte, lieber Freund, sind stets bündig und sachlich gehalten. Unsere Anmerkung hatte lediglich Bezug auf weitschweifige Berichte, deren wir sehr viele erhalten. -Red. Staats-Anzeiger.)
Morgen also fahre ich auf den weltberühmten Markt zu Tarutino, wo ich vielleicht viel Neues für einen Bericht erfahren werde.
Wir hatten vom 5. bis 10. Februar bei 6 Grad Kälte.
Gruß an meine Kinder in Nord-Dakota und an den Leserkreis des Blattes.
Achtungsvoll
Romuald Dirk.