Film 3639, Vol. 8, No. 52, Page 2
Krassna, Bessarabien Juni 10. 1913
Mein Abonnment wird abgelaufen sein wenn dieser Bericht eintrifft, und ich weiss nicht, findet er Aufnahme oder nicht aber ich hoffe es.
In Nummer 44 des Blattes las ich dass Thomas Ihli aus Hettinger Nord-Dakota seinen Sohn im Spital zu Bismarck besuchte, aber es scheint er hat für mich nichts gethan, dass ich den Staats-anzeiger weiter become. Ich bitte also, mir zu schreiben, wie viel russisches Geld ich einsenden soll für das Blatt nebst Priemen oder ??????? als Prämie, zusammen mit Einschreibegebühr auf der Post, und wie ich den Brief adressiren soll. (Translator note: The Editor goes into a long explanation of when the subscription expires and how to renew.)
In meiner vorigen im März eingesandten Korrespondenz berichtete ich über gutes Wetter, und es war damals auch günstig, aber bis heute hat sich alles geändert. Der März war schön, den April dagegen rauh, kalt und trocken und der eiskalte Strumwind kam aus allen vier Himmelsgegenden sodas man den Pelz fast nicht aglegen durfte. Was im März gewachsen war verdarb der April durch Nachtfröste. Am 4. Mai hatten wir aber einen guten Regen, und das war wenigstens ein Trost für die armen Bauern, die 15, 20, ja 25 Rubel Pacht fur ein Dessjatin zahlen müssen. Die Frucht steht nun alle in den Aehren u. ist von ¼ bis ¾ Arschin hoch. Viele Äcker, aber weisen auch gar keine Aehren auf und auf manchen Landstücken sind die Fruchtähren ganz vom Ungeziefer abgefressen worden. Ungeziefer und Erdhasen und was die Schädlinge alle für Namen haben mögen, haben schrecklich überhand genommen. Die ganze Steppe wimmelt von Erdhasen und was einen Tag wächst ist am nächsten Tage abgeschnitten. Auf eine Ernte ist keine Hoffnung mehr. Mancher Bauer hat noch Hoffnung auf Brot und Saat. Das Welchkorn war gut aufgegangen, aber die Raupen frassen es ab und, obschon frisches gesetzt wurde, glaube ich nicht dass es viel helfen wird. Es wird wohl mancher Bauer ohne Welschkorn bleiben. Der Wein zeigte sich gut bis 4. Mai. Dann kamen trockene, kalte Winde, leichte Nachtfröste und richteten grossen Schaden an. Das Getreide wurde roth und gelb, die Viehweide trocknete aus und das Vieh musste mit Stroh gefüttert werden. So ist es bis jetzt noch. Dazu kommt noch die Maul- und Hufkrankheit und die Viehweide liegt voll Vieh, von welchem auch hie und da ein Stück krepirt.
Am 5. Juni hatten wir Regen, aber es war nur ein Strichregen. Seitdem regent es fast täglich. Gott sei Dank für die Wohlthat, aber der Regen kommt zu spät. In diesem Falle ist ein bischen zu spät viel zu spät, wie es ja auch oft vorkommt, das von einer Minute die ganze Ewigkeit abhängt.
Was nur mögen die beiden Bauern in Krassna, E. Bauer, und auch E. Bauer, schaffen? Es hat doch geregnet, und man kann nicht Baschtan hacken. Die schlafen gewiss! Im Januar 1914 besuchte mich Christian Fenrich aus Caramurat in Rumänien. Wir hatten gute Unterhaltung bei Essen und Trinken und Herr Fenrich erzählte mir von seinem Reichthum und wie er vielen armen Leuten aushilft ohne Zinsen zu berechnen und Manchem sogar die ganze Summe schenkt. Auch Kleider und Frucht gäbe er Manchen und er sei bei den Amtsleuten so angesehen, dass er alle Prozesse gewinnt. Ich dachte das müsse ein tüchtiger, gutter Mann sein und gab ihm Weihnachtsgeschenke mit für meine Kinder Joseph und Angela Söhn, nämlich 9 Rubel und 30 Kop. mit. Die hat er augenscheinlich für sich behalten. Ich bitte aber Herrn Fenrich das Geld abzugeben an Joseph und Angela Söhn, denn es wäre doch eine Schande, ja eine Sünde, wenn ein so gutter Mann solche Geschenke behielt.
Gruss an Schwager Peter Schäfer nebst Familie, und Thomas Ihli diene zur Nachright, dass ich ihm zwei Halstücher sandte und auch zwei Briefe, aber keine Antwort erhielt.
Von Phillip Seifert las ich zu meiner Freude einen Bericht im Staats-Anzeiger, aber von Karl Schäfer hörte ich leider nichts mehr.
Gruss an alle Freunde und Bekannte in der neuen Welt, wie auch an die Redaktion von
Valentin Herrschaft