Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 11. September 1913

Film 3639, Vol. 8, No. 07, Page 2

Makarofka, Bessarabien Juli 26. 1913

Zur Zeit als ich meinen vorletzten Bericht dem Blatte lieferte wurde mir auf längere Zeit nicht nur das Korrespondiren, sondern zu gewissen Stunden sogar das Lesen des lieben Blattes zur Unmöglichkeit, denn das Getreide begann zu reifen und in fünf bis sechs Tagen stand mir ein ganzes Meer reifen Getreides vor Augen. Fünf Bindermaschinen und zwei Rechenabwerfer machten den Anfang zu der schauderhaften Arbeit, da aber das Rauschen und Wirken derselben soviel wie ein Tropfen im Meer zählte, mußten sich die ausreitenden Befehlgeber auf die Suche machen, um aus den umliegenden Dörfern Hülfe zu holen, welchem dann der Reihe nach, wie sie kamen, Dessjatin um Dessjatin abgegeben wurde und wir bezahlten per Dessjatin für die vollendete Arbeit, gebunden und auf Mantel bis 18 Rubel. Dieser hohe Preis trieb Eifer in die Glieder der Arbeiter und so stand innerhalb acht Tagen das ganze Getreide fertig geerntet. Drei Dreschmaschinen standen bereit nach der Arbeit des Sensenmannes das Getreide in die Zähne zu nehmen. Das Blättchen aber drehte sich und es erging uns wie das deutsche Sprichwort sagt: „Früh gesattelt und spät geritten,“ denn nur zwei Tage lang konnten sich die hungrigen Maschinen sättigen, dann hatte es ein Ende. Schon 14 Tage stehen wir nun und schauen nach dem erbarmungslosen Gewölke und bitten um Einhalt des ihm entfließenden Regens, aber es hilft nichts; Tag für Tag zieht sich das Gewölk von neuem zusammen und wir haben Regengüsse, wenn nicht vom Süden, dann vom Norden, wenn nicht vom Norden, dann vom Osten oder vom Westen. Es sieht hier im nördlichen Bessarabien deshalb traurig aus. Bei mir selbst wäre es noch so; wenn sich nur das Firmament aufhellen wollte so wären alle Wunden geheilt, denn täglich werden bei mir die Garben auf Sturz gestellt um das Auswachsen des Getreides zu verhindern. In meiner Nachbarschaft aber sieht es bei manchen Edelleuten ganz erbärmlich schlecht aus, sodaß viele, wie man hört, nahe daran sind, sich zu erschießen, denn das anhaltende Regenwetter überfiel ihre Felder in unaufgeräumten Zustande, sodaß hunderte Dessjatinen Getreide ungebunden auf Walken daliegen, und außerdem kamen bei ihnen die Hauptgüsse nicht immer aus einer Richtung wie bei mir, sondern aus allen Richtungen der Windrose. So macht sich der Mensch manchmal eine Rechnung und im Augenblick werden alle Voranschläge über den Haufen geworfen.

Ich danke herzlich, lieber Kollege Anton Jochim, für den Glückwunsch zum Verwaltersposten, umsomehr, weil man dazu wirklich viel Glück bedarf und ich stattdessen seither ein Unglück über das andere hatte. Jawohl, lieber Kollege, wäre dieser Posten freilich besser als der Lehrerberuf, wenn einem die Erfüllung der Verwalterpflichten nicht so oft das Blut gewaltig durch's Hirn schösse, und wenn man nach Ende jeden Monats das verdiente Sümmchen ohne Kopfschmerzen einsacken könnte. Man bekommt aber bei dieser Arbeit und Verantwortung zuweilen auch das Hitzige und kalte Fieber dermaßen, daß man ganz das schöne Sümmchen vergißt. Wäre ich noch ein „Wutsch,“ wie es die Chersoner in Rußland in deutschrussischer Sprache gebrauchen, so könnte ich wohl hie und da über manchen Stein des Anstoßes hinweg blitzen. Das „Blitzen“ aber nimmt bei mir ein Ende. Auch will ich ein Wort darüber schreiben, was Sie in Ihrem Abschnitte in Nr. 52 des Blattes erwähnten, nämlich, daß ich oft klage über spärliches Korrespondiren Ihrerseits. Das, lieber Kollege, that ich aber nicht oft, sondern nur wenn ich glaubte, daß Sie nicht mehr unter den Lebenden weilen. Nun habe ich aber durch eine Anmerkung der Redaktion erfahren, daß die Schuld nicht an Ihnen liegt, sondern daran, daß die Redaktion zeitweise mit Berichten überschwemmt wird. Ich muß nun gestehen, ich finde im Blatte fast jederzeit von Ihnen reichliche und für den Leserkreis sehr nutzbringende Abhandlungen, welche für den Leserkreis besser passen als Nachrichten über Ausarbeiten unsinniger Gesetze seitens eurer Regierung oder gar persönliche Streitigkeiten. In Rußland hat man die Erfrischungen des niederen Standes wie: „Tabak, Cigaretten, Hülsen zu Cigaretten und das erquickende Kornöl zwar auch streng im Auge, aber man hat es noch nicht so weit gebracht, den Genuß derselben dem niederen Stande zu verbieten, sondern man belegt statt dessen solche Dinge mit einer Steuer so hoch, daß dem Bauer die Rippen krachen. Es wäre mir in der That interessant, zu erfahren, wie weit ein solches Verbot in Nord-Dakota um sich gegriffen hat. Darüber könnte mir wohl mein lieber Kollege Anton Jochim Aufschluß geben. Ein gänzliches Verbot ist doch wohl unmöglich; wie wollte man denn sonst Hochzeiten und Kindtaufen und so weiter feiern ohne Schnaps oder geistige Getränke? (*Da Herr Jochim dieses Thema auf diese Aufforderung hin jedenfalls anschneiden wird, wollen wir ihm die Antwort überlassen. -Red. Staats-Anzeiger.) Was das neue Heirathsgesetz in Nord-Dakota betrifft, daß sich Bräutigam und Braut auf ihre Gesundheit hin ärztlich müssen untersuchen lassen, glaube ich es ist vortrefflich und sorgt also dafür, daß nur gesunde Leute sich heirathen können. Auf diese Art kommt es etwa so heraus wie öfters der verstorbene Krasnaer Ansiedler N. sagte: „Seht mal da, Leut; die zwei wutscheste Männer in Krasna haben ja die schönste Weiber.“

Da ich nun gerade ungestört bin, will ich auch Herrn Joseph von Martin Kopp besten Dank sagen für die Nachricht von meinem Freunde Daniel Dirk. Ich hätte mich sehr gefreut, noch näheres über sein Befinden zu erfahren, denn ich merke, daß er, mein Freund, wie noch viele andere aus Krasna, in der neuen Welt so in Arbeit und Handel vertieft sind, daß es ihnen gar nicht mehr in den Sinn zu kommen scheint eine gute Zeitung zur Hand zu nehmen. Es will mir scheinen, sie schobern die Dollars aufeinander um später berichten zu können, wie hoch sich die Zahl derselben beziffert. Ganz prächtig gefiel mir Herrn Kopp's Korrespondenz, denn zu ähnlichen Abhandlungen ist auch der „E Bauer“ in Krasna geneigt. Wie ich aber nun leider im Blatte lese, will der E. Bauer sich zum Schreiben des Hochdeutschen versteigen, um mehr im Ansehen zu steigen. Das finde ich nicht für gut, denn sobald einer hoch steigt, fällt er auch tief, und ich würde E Bauer rathen, auf die Anmerkung der Redaktion in seinem letzten Artikel zu achten, denn Herr Redakteur Brandt meint es gewiß gut. Indessen will ich dem Herrn nicht vorgreifen; er möge thun wie ihm beliebt.

Besten Dank der Redaktion für Uebersendung der betreffenden Nummer des Blattes an meinen Bruder Jakob Dirk in Westfield Emmons County N. D. Wenn sein Herz noch nicht ganz erkaltet ist, hoffe ich, das Blatt könnte ihn wieder zum Leben bringen. Uebermittele hiermit ihm wie auch Frau Marianna und Kindern herzlichen Gruß. Ich bin frisch und gesund. Als ich neulich zu Besuch bei Frau und Kindern weilte, hatte ich auch Gelegenheit, seine zwei Schwager in Emmenthal, Michael und Joseph, zu besuchen. Sie und Familien sind noch immer gesund und wohlauf. Tags zuvor machten Joseph und Frau bei mir in Taraklia einen Besuch und wir verlebten einige recht heitere Stunden.

Doch, liebe Leser, die Zeit meiner Freiheit läuft ab und ich muß zum Schluße eilen für diesmal. Bezüglich des ruhmreichen siebenjährigen Bestehens des Staats-Anzeiger will ich nur der Redaktion tausendfältigen Dank dafür übermitteln, daß mir das Blatt immer pünktlich zuging, und dafür, daß Herr Redakteur Brandt sich unermüdlich bemüht, uns ein gediegenes Blatt zu liefern. Ich sehe nun mit Spannung der ersten Nummer des achten Jahrganges entgegen und erkläre mich bereit, den Staats-Anzeiger als meinen liebsten Hausfreund aufzunehmen und wünsche, daß er im Laufe des bevorstehenden Jahres seine Zweige zum Nutz und Frommen des Volkes hundertfältig mehr ausbreiten möge und noch erfolgreicher wird, als er es seither schon war. Herrn Redakteur Brandt und allen Mitarbeitern am Blatte herzliche Gratula-tion. Sie haben berechtigten Stolz auf den Staats-Anzeiger, denn er ist berühmt auf dem ganzen Erdenrunde und ich hoffe und wünsche, daß er unter fester Leitung und Führung alle sich ihm bietenden Klippen umschiffen möge zur Freude tausender und aber tausender Freunde und Gönner des Blattes. Es lebe die Redaktion des Staats-Anzeiger in Bismarck Nord-Dakota hoch! Hoch! Hoch!!! –

Grüße nun herzlich meine Kinder in Morton County Nord-Dakota: Ignatz und Amalia Groß und Eduard und Eugenia Richter nebst ihren Sprößlingen und hoffe auf baldige Nachricht von ihnen brieflich oder durch den Staats-Anzeiger. Weiter hoffe ich auch von meinem Bruder Jakob zu hören und die Photographie von ihm und Familie zu erhalten und schließlich im achten Jahrgang auf noch recht viele Bilder der Mitarbeiter nebst ihrer Lebensbeschreibung.

Achtungsvoll

Romuald Dirk.