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Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 4. September 1913

Film 3639, Vol. 8, No. 06, Page 2

Krasna, Bessarabien Juli 19. 1913

Ich erhielt heute eine weitere Nummer des Staats-Anzeiger und las den Artikel geschrieben von meinem Onkel Thomas Franz Ihli, daß er den Staats-Anzeiger für mich bezahlt hat. Da er hören möchte, wie das Blatt mir gefällt, will ich nur schreiben, daß er mir eine größere Freude gar nicht hätte machen können und das Blatt gefällt mir so gut, daß ich immer sehnsüchtig auf weitere Nummern warte. Auch die schönen Wandkarten habe ich im März erhalten und bin dafür tief dankbar, aber der Marienkalender blieb aus. (Der geehrte Herr Korrespondent erhält dafür den Lahrer Hinkender Bote. -Red. Staats-Anzeiger.) Geehrter Herr Redakteur F. L. Brandt: ich wurde schon oft aufgefordert, für das Blatt zu schreiben, aber, da ich kein großer Federheld bin, fürchtete ich immer, mein Gekritzel werde in den Papierkorb wandern und ich würde ausgelacht werden. Sollte ich nun das Glück haben, meinen Bericht im Blatte zu lesen, werde ich ab und zu doch wieder schreiben, aber die Fehler muß die Redaktion schon verbessern. (Schon gut. Wir bitten nur, weiter berichten zu wollen, denn Ihre Beiträge sind uns willkommen. -Red. Staatsanzei-ger.) Seit dem 6. Juli sind wir mit Dreschen beschäftigt, können aber nicht viel ausrichten, da wir immer regnerisches, nebliges Wetter haben und das Dreschen bei uns sehr langsam geht, da wir noch immer Pferdekraft verwenden. Der Ernteertrag ist gut und auch der Wein. Dagegen sieht es mit der Viehweide schlecht aus und das arme Vieh muß noch altes Stroh fressen. Emil Joseph Kopp aus Raleigh in Nord-Dakota übermittelt in Nummer 50 des Blattes Grüße an seine Großeltern. Leider muß ich ihm berichten, daß sein Großvater Mathias Miller am 22. Juni das Zeitliche segnete. Witwe Angela Bachmeier, geborene Herrschaft, hat sich mit Wittmann Joseph Sehn nach Rumänien verheirathet. Sie wurden am 10. Juni in Kraßna getraut. In Nummer 50 fordert mein Vetter Thomas Ihli mich auf, ich möge ein Lebenszeichen von mir geben, also thue ich das, trotzdem er meinen vorigen Brief bis jetzt nicht beantwortete. Sobald ich auf die Post nach Tarutino komme, werde ich seiner Frau ein großes Halstuch schicken, und Johann Nagel schickt auch eins an Phillip Nagel. Warum schreiben Karl und Phillip nicht? Sie waren doch gewiß auch auf dem Namenstag Peter und Paul. Ich wäre auch gerne dort gewesen beim Schwager Peter Schäfer und wir hätten gewiß gute Zeiten verlebt. Gruß an alle Freunde und Bekannten in Amerika und Canada, wie auch an Kilian Ibach und Familie. Ist er denn nicht Leser des Blattes in Canada? (Da Sie nicht angeben wo in Canada, können wir die Frage nicht beantworten. -Red. Staats-Anzeiger.) Wenn er nicht Leser ist, sollte er sofort das Blatt sich verschreiben und auch korrespondiren, denn er ist ja ein guter alter Schullehrer, scheint aber sehr schreibfaul geworden zu sein. Also es sollte mich sehr freuen, von ihm etwas im Staats-Anzeiger zu lesen. Ich las im Blatte von dem Alpenkräuter und sandte 5 Rubel dorthin, erhielt denselben aber nicht, nur die Antwort, daß der Alpenkräuter nicht über die Grenze kommen kann. Das Geld erhielt ich nicht zurück. (Wir bitten, uns zu schreiben, wie das Geld gesandt wurde, per Postanweisung oder wie. Wenn Sie das Geld noch nicht wieder erhielten, werden wir dann die Sache für Sie glatt machen, denn die Firma ist unbedingt zuverlässig, sonst würde ihre Anzeige nicht im Blatte erscheinen. -Red. Staats-Anzeiger.) Das Rheumatismusmittel Berendsin Nr. 2, welches ich vom Staats-Anzeiger bestellte, habe ich aber richtig und schnell erhalten und bin auch sehr zufrieden mit dem Mittel.

Mit Gruß an alle Leser des lieben Blattes zeichnet

Valentin Herrschaft.


Film 3639, Vol. 8, No. 06, Page 2

Krasna, Bessarabien Juli 20. 1913

„Wenn mancher Mann wüsste wer mancher Mann wär, gäb mancher Mann manchem Manchmal mehr Ehr“, und so weiter. So ergeht es wohl auch den „E. Bauer“ im Blatte, von dem wir nun bislang drei Artikel und tugenhafte Berichte gelesen haben. „E. Bauer“ lacht und meint, man wusste nicht wer das in die Zeitung setzt, und dass einer meint es sie der Gedak, der andere es sei Romal. Dirk und der dritte es sei Peter Leintz. Nun, der „E. Bauer“ ist ganz im Irrthum, denn wir glauben, dass nur ein aus dem Narrenhaus Entsprungener das Zeug geschrieben haben kann. Kein anderer vernünftiger Mensch, nur einer ohne Verstand, schleicht sich nachts an fremde Fenster und nur ein Verrückter oder gänzlich sittenloser und verkommener Mann läuft nachts fremden Weibern nach, oder kümmert sich darum, wie gerne andere Männer die Wittweiber mit auf den Markt nehmen statt ihrer eigenen Frau. „Wess das Herz voll ist, dess geht der Mund über“ und der „E. Bauer“ gehört gewiss zu den Schönsten in Krasna nicht, sonst würde er vor seiner Thüre kehren, anderer Leute Schmutz liegen lassen und erst den Balken aus seinem Auge entfernen, ehe er sich um den Splitter im Auge des Nächsten kümmert. „E. Bauer“ weiss gar nicht, dass er sich die Nase abschneidet und sein eigenes Gesicht schändet. Die Nachtvögel, welche immer alles wissen, was im Dorfe vorgeht das sind Schlupfer.

Auch „E. Bauer“


Film 3639, Vol. 8, No. 06, Page 2

Krasna, Bessarabien Juli 15. 1913

In Raleigh in Morton County Nord-Dakota wohnt meine Schwester Eugenia, und in Brisbane, im nämlichen County, meine ältere Schwester Amalia. Nun fand ich in Nummer 50 des Staats-Anzeiger aus Raleigh eine Korrespondenz von 29. Juni unterzeichnet von Herrn Emil Joseph Kopp, welcher mich in derselben als Schulkamerad begrüßt. Natürlich freut man sich über solche Begrüßungen sehr. Da ich aber, als ich die Kraßnaer Schule besuchte, nur ein Knabe von 12 Jahren war, kann ich mich heute nicht mehr klar erinnern, welche Knaben aus Kraßna mit mir die Schule besuchten, und deshalb bitte ich Herrn Emil Joseph Kopp um weiteres darüber. Vielleicht ist Herr Kopp sogar im Irrthum bezüglich meiner Person und verwechselt mich mit einem anderen. Also ich bin der Sohn des Romuald Dirk, ledig, 21 Jahre alt, stehe dieses Jahr als Rekrut ohne Vergünstigung im Loos, und werde wahrscheinlich 2 Jahre und 8 Monate den Ranzen tragen müssen. Der 23. Oktober ist der Tag der Entscheidung.

Ich befinde mich in der Heimathskolonie Kraßna als Schmiedegeselle und mein Bruder Daniel arbeitet als Schmiedegeselle in Tarutino. Vordem arbeiteten wir beide zu Hause in der Schmiede beim Vater, aber da die Ernten immer mißlich ausfielen und alles kommerziele Leben stockte, mußten wir die Schmiede bis auf Weiteres schließen. Der Vater selbst steht nun auch in Diensten, wenigstens bis die Entscheidung wegen des Militärdienstes fällt.

Herrn Emil Joseph Kopp vor der Hand besten Dank für die Erinnerung und ich bitte ihn, entweder in diesem Blatte oder brieflich mir mehr mitzutheilen, damit ich die Gewißheit erlangen kann, ob wir Schulkameraden sind oder ob eine Verwechslung vorliegt. Da aber meine Schwestern im nämlichen County mit ihm wohnen, müßte sich alles bald feststellen lassen. Auch wäre ich neugierig, zu erfahren, warum denn meine Schwestern so schreibfaul sind und nur selten von sich hören lassen. Zwar mögen sie im Schreiben nicht sonderlich gewandt sein, aber sie schreiben sicher so gut wie die Durchschnitts-Korrespondenten. Wenn ich einmal das Glück hätte, meine beiden Schwäger persönlich zu sprechen, würde ich auch ihnen den Kümmel reiben, weil sie gar nichts von sich hören lassen. Wäre ich hier freier Schmiedemeister, wie sie dort freie Farmer sind, dann wäre in jeder Nummer des Staats-Anzeiger ein Lebenszeichen von mir zu finden, aber da ich eben in Diensten stehe, geht es so leicht nicht. Dazu bin ich auch noch ein junger, lediger Mann und muß älteren Leuten im Korrespondiren das Vorecht lassen. Ihr aber, liebe Schwäger Ignatz und Eduard, seid eigene freie Herren und braucht Niemandem Rechenschaft abzulegen.

Der Vater war drei Tage in Taraklia auf Besuch, aber ich konnte nicht hinkommen.

Schwester Antonia, Perpetua und Bruder Zachäus waren dort und übermittelten mir, daß der Vater soweit gesund, aber sehr augenleidend ist.

Hoffe auch bald etwas zu hören von meinem Geschwisterkinde Lorenz Dirk in Emmons County Nord-Dakota.

Mit Gruß an alle Verwandte und Freunde und an den Leserkreis des Staats-Anzeiger, zeichnet

Korbinian Dirk

dokumente/zeitungen/eureka/e-19130904-q2.txt · Zuletzt geändert: von Otto Riehl Publisher