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Film 3639, Vol. 8, No. 05, Page 2
Makarofka, Bessarabien Juli 13. 1913
Ganz abgespannt und unaufgelegt greife ich heute Abend zur Feder um mich beim Leserkreis zu entschuldigen, wenn ich nach diesem auf lange Zeit für das geschätzte Blatt wenig schreiben werde. Deshalb ersuche ich diejenigen Leser und Korrespondenten des Blattes, welche oft schon aufgefordert wurden, einmal von sich hören zu lassen und ihren Verwandten und Freunden den Gefallen zu thun.
Manche Leute scheinen keinen Begriff davon zu haben, wie sehr erfreulich es ist im Blatte von Verwandten und Freunden zu hören. Wie ich im Blatte bemerke, ist es oft schon vorgekommen, daß Freunde, deren Lebenswege sich trenneten und die Jahrzehnte lang nichts von einander hörten, durch den Staats-Anzeiger (den man eher Lebenswecker nennen sollte) wieder miteinander in Verbindung gesetzt wurden. Viele Leute in der neuen Welt bringen sogar schwere Opfer an Geld und Mühe und lassen ihren Verwandten und Freunden in der alten Heimath den Staats-Anzeiger zusenden, aber bei manchen Leuten ist alles vergebens und sie lassen trotzdem nichts von sich hören. Solche Leute kann man als abgestorbene Naturen, als todte Charakter bezeichnen, denn sie haben weder für Verwandtschaft noch Freundschaft irgendwelchen Sinn. Schon an äußerlichen Zeichen kann man heutzutage den Menschen erkennen. Kommt man in ein Zimmer welches von aufgeweckten, strebsamen Leuten bewohnt wird, findet man gewiß auch auf dem Tische Zeitschriften, Zeitungen, Kataloge aller Art, Tinte, Feder und Papier. Findet man aber den Tisch jahraus jahrein mit dicker Staubschicht bedeckt, da, lieber Freund, magst du hunderte Zeitungen und Bücher unentgeltlich hinsenden - dort ist Hopfen und Malz verloren! - Ich muß von diesem Thema ablassen, sonst komme ich zu tief hinein und verschwende kostbaren Raum und Zeit. Mag meine Zeit noch so knapp bemessen sein, muß ich meinen Kindern in Morton County Nord-Dakota die Nachricht bringen, daß ich auf Wunsch meiner Frau in Taraklia, wie auch den zu Hause weilenden Kindern, ihren Geschwistern, am 29. und 30. Juni und am 1. Juli einen Besuch abstattete. Der Besuch war zugleich betrübender wie auch freudiger Natur. Als ich beim Betreten meines Hauses meine Frau anschaute, traten mir die Thränen in die Augen, denn nach ihrem dreiwöchentlichen Krankenlager hatte ich nur noch den Schatten von ihr vor mir. Die Kinder hatten große Freude den Vater wieder zu sehen und selbst meine Frau erklärte nach eintägigem Besuche, daß sie sich ganz gesund fühle und rieth mir, ihreswegen zu Hause keine Zeit mehr zu verlieren. Obschon in der That es mir unmöglich war, einen langen Besuch zu machen, blieb ich drei Tage, sorgte namentlich für gute ärztliche Behandlung und verließ meine Frau am 2. Juli unter der Fürsorge des Arztes, um meinen Dienst wieder anzutreten, in welchem ich nun bereits wieder elf Tage stehe. Erfreut über den befriedigenden Zustand meiner Frau will ich doch noch ein paar Minuten dem lieben Blatte opfern und dem Leserkreis eine Erzählung unterbreiten, welche ich bei einem wohlhabenden deutschen Kolonisten abspielte. –
Also: Die Tochter des Herrn B. aus R. verheirathete sich als Mädchen vor etwa acht Jahren an einen Schuster in F. namens Johann M. . . I. . g . und, da dieselbe hübsch von Angesicht, gab ihr der gute Johann allen Willen. Die Frau M. . . .I. . .g aber bekam darauf großen Stolz und nicht lange währte es, stand der gute Johann derart unter dem Pantoffel, daß sie ihn wohlzusagen zu Tode quälte und er nach vierjähriger Ehe mit ihr das Zeitliche segnete. Die gestrenge Frau M. . . .I. . .g hauste nun allein als Wittwe. Obschon sie in der Zwischenzeit als böse Sieben in der Umgegend bekannt geworden war, fand sich aber doch, weil sie schön und wohlhabend, nach kurzer Zeit ein Mann, welcher Hoffnung hatte, besser mit ihr auszukommen als der erste Mann und er heirathete die schöne vermögende Wittwe. Kaum aber waren die Leutchen verheirathet, mußte man wieder hören, daß die schöne (nun muß ich mit ihrem zweiten Manne sehr gröblich verfuhr.) Richtig, hatte sie auch diesen nach drei Jahren unter der Erde.
Die schöne Loisa besaß nun ihre Wirthschaft im Dorfe des ersten Mannes P., und ihre Eltern in N. Da diese aber von allen Seiten hören mußten, daß ihre Tochter Loisa eine so ungesittete Frau sei und sie geradezu als „Männertod“ bezeichnet wurde, wandten auch die Eltern sich von ihr und besuchten sie fast nie. So verstrichen Wochen. Endlich aber fand sich vorigen Jahres der Wittwer K., welcher sich erdreistete, den Versuch mit ihr zu machen und ihr den Heirathsantrag stellte, K., ein angesehener Mann, gefiel der schönen Loisa, und sie gab ihr Jawort. Ohne Wissen und Willen der Eltern aber wollte K. doch nicht die schöne Wittwe heirathen und er fuhr nach N. und machte den zukünftigen Schwiegereltern davon Meldung. Diese erklärten, nichts dagegen zu haben. Da aber K. wisse, was in der Ehe ihrer Tochter mit ihren verstorbenen zwei Männern vorgegangen sei, wünschten sie von aller Schuld freigesprochen zu werden, falls auch K. schlimme Erfahrungen mit der schönen Loisa machen sollte. K. versprach, die Eltern in keiner Weise zu beschuldigen und bat nur um ihren elterlichen Segen. Dann fuhr er nach Hause und heirathete die schöne Loisa. Kaum war die Ehe geschlossen, begann Loisa auch ihren dritten Mann in jeder Weise zu drangsaliren. Der gute K. aber konnte Loisa's ekelhaftes Betragen nicht dulden und bat sie wiederholentlich, sie möge sich doch ihrem Manne gegenüber betragen, wie es nach Regel und Ordnung einer Frau zukommt. Da aber Loisa nicht hörte und im alten Schlendrian fortfuhr, beschloß K. ein Mittel anzuwenden, seine Frau zu kuriren, damit es ihm nicht auch ergehe, wie seinen zwei Vorgängern. K. ging zum Schreiner des Dorfes und bestellte bei diesem eine große, starke Wiege, ohne Wissen der Frau. Nach ein paar Tagen ließ er seine Knechte die Wiege ins Haus bringen, aber kaum sah Loisa dieselbe, da ging der Tanz erst recht los. Der Mann warnte die Frau, sich zu benehmen wie es sich geziemt, da er sonst gezwungen sei, sie in dieser Wiege zum Schlafen zu bringen. Als aber Loisa das hörte, gerieth sie ganz außer Rand und Band. Ganz still und ohne Aufregung zu zeigen, rief der Mann seine Knechte, befahl ihnen, Zudecken zu bringen und einen Strick und die gestrenge Wirthin in die Wiege zu legen. K. deckte dann seine Frau schön zu, überband die Wiege mit dem Strick, damit die Decke nicht mit den Füßen abgeworfen werden konnte, und befahl dann einem der Knechte die gestrenge Frau Wirthin einzuwiegen und dabei das Lied zu singen: „Heia bobeia, morgen gehn wir maia; morgen gehn wir Blumen rupfen wo die schönen Heuschrek hupfen; die Wiege macht ihr Knick, Knack, schlaf du alter Dicksack.“ Als aber die schöne Loisa zu diesem Geschäft sich nicht verstehen wollte und aus vollem Halse schrie, kam ihr Mann, hob die Decke, und machte es wie es gewöhnlich die Mütter mit ungehorsamen Kindern machen, und patschte ihr das Hinterquartier gut aus mit den Worten: „Schu! Schu!“ So verfuhr unser K. mit seiner schönen Loisa, bis sie sich ihre kühnen Rohheiten abgewöhnt hatte. Wenn aber Loisa sich manchmal vergaß, und in die alten Gewohnheiten zu verfallen drohte, so durfte ihr Mann nur sagen: Schu, Schu! Und alles war gleich lieblich.
Als nun unser K. seine Loisa zu einer guten Frau erzogen hatte und in Eintracht und Liebe mit ihr lebte, da erst bestimmt er den richtigen Hochzeitstag, das heißt das Hochzeitsmahl, und lud auch dazu die Schwiegereltern ein. Als diese die Einladung erhielten, waren sie traurig und glaubten, der Schwiegersohn rufe sie wegen Zwistigkeiten mit der Frau, doch machten sie sich, wohl oder übel, am bestimmten Tage auf und fuhren zu ihren Kindern nach P. Als die Eltern auf dem Hofe des Schwiegersohnes ankamen, bemerkten sie musterhafte Ordnung und Stille, wie es früher bei ihrer Loisa nicht der Fall gewesen. Die Knechte kamen herbei, spannten die Pferde der Gässte aus, der Schwiegersohn empfing die lieben Eltern und begleitete sie ins Zimmer. Die Tochter Loisa war emsig beschäftig in der Küche und der Schwiegersohn unterhielt sich mit den Eltern, bis Loisa das Mahl auf dem Tische hatte. Dann lud der Schwiegersohn die Schwiegereltern zur Tafel und alle nahmen an der Mittagstafel Platz ohne unnützes Geräusch. Die Schwiegereltern, denen die Ruh und Ordnung auffiel frugen ihren Schwiegersohn K., wie es käme daß bei ihm so gute Zucht herrsche, was bei früheren Männern ihrer Tochter nicht der Fall gewesen sei. Loisa, die sich gleich getroffen fühlte, wollte der Antwort ihres Mannes vorbeugen, aber als ihr Mann das merkte, schaute er sie an und sagte nur: Schu, Schu! Und augenblicklich war Loisa sanft und still und der Schwiegersohn konnte seinem Schwiegervater in aller Ruhe und Stille seine Erklärung geben. - „Ja,“ sagte dann der Schwiegersohn, „diese, eure schöne Loisa, jetzt meine liebe Frau, wurde von euch als Kind gezeugt, aber nicht wie ein solches erzogen.“ Der Schwiegersohn machte hierauf den Schwiegereltern die gebührende Referenz und nöthigte sie nach dem Mittagsmahl in das Schlafzimmer, in welchem er seine Loisa erzog, zeige ihnen die noble Wiege und erklärte ihnen alle Mühe welche er gehabt hatte, bis er das liebe Kind zu einer züchtigen, bescheidenen und achtenswerthen Frau erzogen hatte. Zum Schluß sagte K. seinen Schwiegereltern: „Also habe ich euch, meine theueren Schwiegereltern, heute eingeladen zu dem richtigen Freudenmahl zum Andenken an die Hochzeit mit eurer Tochter Loisa, denn seither war sie keine Frau, sondern nur ein ungezogenes Kind. Jetzt aber, da ich sie nach Ordnung und Regel erzogen habe, bitte ich nochmals um eueren Segen zu unserer Ehe und ich liebe und achte nun euere Tochter Loisa als meine geachtete Ehefrau.“ Dabei drückten sich gegenseitig Kinder und Eltern die Hände und besiegelten den frischgeschlossenen Ehebund unter herzlichen Liebkosungen. - Loisa genießt seit einem Jahre im Dorfe hohe Achtung und kommt heute an Mildthätigkeit und Sanftmuth anderen Dorfsweibern weit zuvor.- -
Nun hoffe ich zum Schluß nur nicht, daß etwa die eine oder die andere der Leserinnen des Staats-Anzeiger meine Abhandlung so auffaßt, als bringe ich sie um das ganze Frauengeschlecht herunterzusetzen, denn das liegt nicht in meiner Absicht. Im Gegentheil stehen Frauen mit Bildung und von guter Erziehung, und besonders solche, die sich oft genug Zeit verschaffen, auch Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, bei mir in hohem Ansehen!
Nun aber will ich abbrechen, um nicht mehr Raum in Anspruch zu nehmen.
Meinen Kindern noch zur Nachricht, daß, obschon ich das werthe Blatt nach hier geliefert erhalte, dasselbe doch auch zu Hause in Taraklia gelesen wird, denn meine Frau erlaubte mir nur unter der Bedingung die Aenderung der Adresse, daß ich ihr das Blatt, nachdem ich selbst es studirt habe zusende. Nun wird sich meine liebe Frau freuen, daß ich ankündige vom Korrespondiren etwas abzulassen, denn sie liebte es niemals, wenn ich Abhandlungen schrieb, die Frauen betreffen.
Mit vielen Grüßen nach drüben und hüben zeichnet
Achtungsvoll
Romuald Dirk