Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 27. November 1913

Film 3639, Vol. 8, No. 18, Page 2

Makarofka, Bessarabien, October 20. 1913

Heute endlich gelang es mir, mit Dreschen fertig zu werden. Ich hatte während der Dreschzeit großes Glück, denn die Witterung war beständig schön und trocken und bei den fünf Dreschmaschinen ereignete sich nicht das geringste Unglück.

Jetzt ist noch das Welschkorn, welches alles auf Schober gefahren ist, aus den Blättern zu bringen und daran wird wohl zu Ostern auch noch gearbeitet werden, da auf weitere gute Witterung schwerlich zu rechnen ist, weil der Winter vor der Thür steht und wenn erst dieser seinem Einzug gehalten hat, bleibt alle Arbeit zum lieben Frühling.

Es ist aber auch hohe Zeit, daß ich die Hauptarbeiten beendet habe und wieder einmal Frau und Kindern einen Besuch machen kann. Nach diesem werde ich ja sehen wie sich alles gestaltet und ob ich mich wieder in die Gefahr wagen werde in welcher ich für 6 Monate lang stand, denn mit dieser Menschheit zu arbeiten und zu wirken ist so gefährlich und gefährlicher als mit wilden Pferden zu arbeiten. Morgen, den 21. Oktober, trete ich die Heimreise an um nachzusehen wie es zu Hause mit der Familie steht und mit meinem Sohne Korbinian, der am 13. d. M. in Klöstitz im Loos stand. Darüber werde ich meinen Kindern in Morton County Nord-Dakota später berichten. Sobald ich wieder mehr freie Zeit habe, werde ich auch dem Staats-Anzeiger besser abwarten, denn es ist doch möglich, daß viele Leser und Leserinnen mit Freuden meine Berichte lesen. Mancher Landsmann in der neuen Welt will doch gewiß auch gerne hören, was sich in der alten Heimath zuträgt und ist der Hoffnung, solches durch örtliche Korrespondenten zu erfahren. Für jetzt kann ich damit nicht dienen, da ich in derselben Lage stehe u. keine Nachricht erhalte über Vorkommnisse im Bender oder Akkermanner Kreise. Aber, Geduld, liebe Leser, es soll an meinen Berichten nicht fehlen, wenn bei meiner Ankunft in der Heimath sich etwas zuträgt, was die Leser interessiren dürfte.

Der „E Bauer“ aus Kraßna brachte ja manches interessante im Blatte für seine Landsleute dort, weil er jetzt aber spärlicher mit seinen Berichten auftritt, konnte er vielleicht von seinem Gegner „Aach e Bauer“ etwas eingeduschert worden sein. Doch wollen wir alles abwarten. (Ein Bericht des „E Bauer“ erscheint wieder in dieser Nummer des Blattes. -Red. Staats-Anzeiger.)

War die Witterung seither ausgezeichnet für die Drescharbeiten, so läßt sich das nicht sagen mit Bezug auf die Saaten. Besonders werden die Kleinbauern in den Dörfern um baldigen Regen jammern, der den späten Saaten fehlt, und auch wir hier sind jetzt in ähnlicher Lage und bitten den lieben Gott, den trockenen Saaten das nöthige Naß zu spenden.

Da ich vor meiner Abreise noch viel zu thun habe, muß dieser Bericht kurz ausfallen. Doch will ich nicht unterlassen, meinen theuersten Kollegen Anton Jochim herzlichen Gruß zu übermitteln. Gern werden hier, lieber Kollege, Ihre Abhandlungen gelesen, da sie stets der Wahrheit entsprechen. Berichten Sie mir, bitte, mehr von meinen Bekannten und Freunden, die Sie vielleicht auf Ihren Reisen ab und zu treffen möchten. Gruß auch an Frau Jochim. Sobald ich nach Hause komme soll ihr Wunsch erfüllt werden.

Gruß an meine Kinder in Nord-Dakota. Bin Gott sei Dank frisch und gesund und werde bald mehr von zu Hause aus schreiben.

Gruß auch an alle Leser des Staats-Anzeiger und an die Redaktion.

Romuald Dirk.


Film 3639, Vol. 8, No. 18, Page 2

Krasna, Bessarabien Oktober 22. 1913

Das hann ich mer doch ingebild, daß meim Kumerad Niklas Kahl sie Aurora nitt schloft in sonne Sache. Wie ich vor zwei Wuche Nr. 10 vum Staats-Anzeiger in die Händ kried hann un hann die Unnerschrift Aurora Kahl gesiehn, dann hann ich schun gewißt daß do ach die Wohrheit vun de Amerikaner kummt. Vor so was dank ich der Korrespondentin vielmol weil ich wes daß's die Wohrheit un die Wohrheit geht iewer alles. Do kummt ach so raus wie bei unserm H. M. wie er raus gefahr is e Fuhr Frucht holle, wie er ufs Stick kumm is un wollt umtrehn an die Kopitz, dann hat's erscht gesiehn daß er keh Lein uf de Ferd hat.

O, ihr alte Friend in dr neie Welt loßt vun dem Anschekraker e bische ab. Wann se bei uns vun Anschekrak vum Markt hemm fahren gehts oft holbrich her, awer wann mer e ganze Meil fahrt un wes eener nitt daß'r die Woh vum Buggi verlor hat, dann gehts ach holbrich genung her.

Bei uns sin am vorige Anschekraker Markt drei hemm gefahr do wars ach so. Dr Fuhrmann war noch bische bei Licht, awer bei de zwei hinerschte Herrn hats dunkel ausgesiehn. Dr Fuhrmann hat gefahr un die zwei Herre hinne hann Prozes unner sich griet und han sich anfange streite. Bei dem Streit hat uf emol dr ende vunen iewer de Fuhrmann losgeschreit: „Hall still, ich will runner!“ Wie dann dr Fuhrmann still gehalt hat is´r runner un weil se dicht am Poschtgrawe gehall dann isr beim runner gehe gleich in de Poschgrawe gefall. Wie dr anner das gesiehn hat is´r ach runner un is ach in die Poschgrawe gefall. Wie se e Weil geleh hann hat sich endlich ener vunen ufgeschafft. Wi er dann uf war un hat vor sich die schwarz Poschgrawewand gesiehn, dann hatr gedenkt sei Kumerad steht vorm un will en schlan. Wier das gesiehn hat dann hat er losgeschreit: Waß, du willscht mich schlan? Un is dann uf die Poschtgrawewand zugefloh un immer mit dr Fauscht druf. So, hatr dann gesaht, du sollscht an mich denke daß du mit mir vun Anschekrak hemm gefahr bischt. - Wie dr anner das gehört hat, hatr sich ach ufgeschafft un hat ach gedenkt die schwarz Poschgrawewand is sei Kumerad hat dann ach losgeschreit: waß ich soll an dich denke daß ich mit dir vun Anschekrak hemm gefahr bin? un is ach uf de Poschtgrawewand zugleich im mit dr Fauscht druf. Wie dr letschte so recht im schlan war is nun hinne e Fuhr kumm un hat dann dr Fuhrmann gefroht was die zwei Männer dort im Poschtgrawe schaffe. Na, sieht ihr dann nitt, hat dr Fuhrmann gesagt, daß se sich schlan? Wie awer der Mann gesiehn hat daß der ende im Grawe leid, der anre mit dr Fauscht uf die Grawewand hämmert un der Fuhrmann ach denkt, daß sich die schlan, dann hat er gesiehn wann dene drei nitt geholf werd daß sie nit hemm kumme, is dann runner vum Wahn, un hat dann die zwei ausm Grawe geschafft un mit großer Mieh bis Tag hemmgebrung. - So gehts dann, liewe Korrespondentin, un wann dann die Wohrheit geschrieb werd dann steht „Ach e Bauer“ uf un schreibt dann wie doll iewer die Wohrheit, awer 's werd sohne wenig helfe.

Eis schun e Uhr in dr Nacht. Ich muß ufhern un das iewerige vor annermol losse.

Jetzt e schöner Gruß an alle mei Friend in dr neie Welt un an de Leserkreis.

E Bauer.