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dokumente:zeitungen:eureka:e-19131225-q2

Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 25. Dezember 1913

Film 3639, Vol. 8, No. 22, Page 2

Kraßna, Bessarabien November 13. 1913.

Jetzt will ich's auch einmal versuchen, hochdeutsch zu schreiben. Ich wünsche zuerst dem lieben Staats-Anzeiger, seinem tüchtigen Redakteur und den lieben Lesern fröhliche Weinachten und ein glückliches neues Jahr, und hoffe dabei zugleich, daß mein Gekritzel nicht in den Papierkorb fliegen möge.

Am 9. September fuhr J. K. nach Tarutino um Geschäfte abzuwickeln. Er hatte 300 Rubel im Sack. Er hatte sich mit der Zeit von Schnaps und Wein einen ziemlichen Rausch angedudelt - er war, wie man schlechtweg sagt halb sechs - aber bis abends war er halb 12 und hatte dabei ein großes Maul, mit allen die er sprach. Er war so klug, daß seines Gleichen einfach nicht zu finden war. Abends, als es Zeit war Licht anzustecken, fing Herr J. K. mit einem Male zu schreien an: „Mein Geld, mein Geld, mein Geld fehlt!“ Man suchte in allen Ecken und Winkeln und Wegen mit der Laterne. Der J. K. wird immer gescheiter - je länger, je mehr - und ruft Gott und alle Heiligen an, aber kein Mensch versteht ihn, und man fand auch nichts von dem Gelde. Am folgenden Morgen war Herr J. K. ganz verständig, ließ den Schützen schellen und versprach 25 Rubel dem der ihm sein Geld zurückbringt.

Eine Nacht und eine Tag gingen vorbei, aber Herr J. K. fand sein Geld nicht. Am zweiten Tage aber, als J. K. zu seiner Thüre herauskommt, liegt sein Geld auf der Treppe, so wie er es verwahrt hatte - es fehlte auch keine Kopeke. - Das war gewiß ein guter Dieb oder ein guter Freund, der Herrn J. K. das Geld verwahrte. Solche Diebe kann man brauchen.

Im Augustmonat hatten sich etliche Burschen zusammengethan und beschlossen, Arbusen und Melonen zu stehlen. Zuerst nahmen sie einem armen Mann Pferd und Fuhrwerk, aber das arme Thier konnte kaum mit dem Fuhrwerk laufen. Endlich aber war doch alles fertig und sie fuhren an den Platz. Hier fingen die Burschen an zu Rupfen, aber als sie mitten in der Arbeit waren, hörten die Burschen zu ihrem Schrecken, wie zwei Männer sie bei Namen riefen. Nun aber lief jeder fort so rasch er eben konnte. Die zwei Männer brüllten: Steht, oder wir schießen! Aber die Burschen hörten nicht auf sie und rannten spornstreichs weiter. Nun gab einer der Männer einen Schuß aus seiner Schrotflinte ab, welcher zwei der Burschen traf. Einer blieb auf dem Platze liegen, aber der andere machte sich davon. Nun halfen die beiden Männer dem jungen Burschen auf das armselige Fuhrwerk und schafften den Kerl nach Hause, denn seine Waden waren voll Schrot. Auch der andere hatte genug Schrot in den Waden. Der Schuß hatte die beiden Burschen gerade richtig getroffen. Nun aber war das Elend groß, und man mußte die beiden Diebe nach Tarutino ins Spital schaffen und die Schrotkörner entfernen lassen. Der eine war bald hergestellt, aber der andere mußte vier Wochen im Spital bleiben. Zurzeit sind die beiden Spitzbuben wieder ganz gesund, aber die zwei Vetter sind unzufrieden und wollen klagen, weil man ihre Diebe angeschossen hat, aber sie müssen erst ihre zwei Diebe verklagen, ehe sie die beiden Männer verklagen können, und darum sind sie voll Zorn und Wuth. Sie müßten aber doch das siebente Gebot kennen so da Lautet: Du sollst nicht stehlen.

Ich könnte die Leute alle namhaft machen, aber ich würde mir dadurch zu viele Feinde auf den Hals laden.

Aach e Bauer.

dokumente/zeitungen/eureka/e-19131225-q2.txt · Zuletzt geändert: von Otto Riehl Publisher