Film 3639, Vol. 8, No. 24, Page 2
Krasna, Bessarabien 29. November 1913
Ich muß der Redaktion danken, daß sie sich mit meinem Geschreibsel so viel Mühe gab und den Bericht abhobelte, und ich bitte, auch diesmal wieder die Fehler verbessern zu wollen. (Nun, das ist so schlimm nicht! -Red. Staats-Anzeiger.) Nun warte ich schon seit vierzehn Tagen vergeblich auf den Staats-Anzeiger und auch auf den Marienkalender, der mir versprochen wurde, aber ich glaube, der wird wohl wieder verloren gehen. (Ist sicher nunmehr eingetroffen, denn es ist sehr selten, daß Kalender verloren gehen. -Red. Staats-Anzeiger.)
Die Witterung war im Oktober trocken und Ausgangs Oktober hatten wir schon starken Nachfrost, sodaß die Winterfrucht beschädigt wurde, da man meinte sie würde austrocknen. Am 27. Oktober fiel in Tarutino ein starker Regen unter Blitz und Donner wie im Frühjahr, aber wir in Krasna bekamen nicht viel davon. Zwei oder drei Tage später bekamen wir Regen, aber so wenig, daß er gar keine Rolle spielte, dagegen aber gingen schwere Nebel nieder, sodaß morgens immer alles naß war. Mitte November hatten wir wieder starke Nachtfröste, aber am 24. November einen durchweichenden Regen, am 25. Regen und Schnee, sodaß die Bauern sehr froh gestimmt wurden, denn die Frucht begann sich mittelmäßig zu zeigen. Gestern, den 28. November, hatten wir wieder Regen mit Schnee vermischt.
An dem Eisenbahnbau hat man im Oktober begonnen und es wird fleißig an demselben gearbeitet, nur war infolge der anhaltenden Trockenheit die Erde steinhart und die armen Leute konnten nur wenig verdienen.
Thomas Ihli diene zur Nachricht, daß ich den Scheck erhalten habe. Ich muß ihn nach Krotna schicken; von dort geht er nach Warschau und von dort nach Odessa.
Dann bekomme ich den Betrag, nämlich 21 Rubel, ausgezahlt. Hätte er den Scheck auf Odessa geschrieben, wäre es gut gewesen.
Hochzeiten gab es dieses Spätjahr genug. Ich selbst habe zwei mitgemacht und viel Vergnügen gehabt.
Wo bleibt denn Romuald Dirk mit seinen Berichten? Bitte Herrn Dirk weiter zu korrespondiren!
Romanus Bogalofski in Rumänien stellte die Frage, welches an der Wurst das vorderste Ende ist. Nun, lieber Freund, die Sache ist schnell entschieden: wenn man sich die Wurst über die Schulter hängt, sieht man gleich welches das vorderste und welches das hinterste Ende der Wurst ist. Jetzt aber, lieber Romanus, sage mir: wer darf mit Recht sagen mein Sohn, komm her, wenn er auch gleich nicht der Vater ist? Nichts für ungut. - Gruß an meine Kinder Joseph und Angelia Söhn.
Unserem Herrn Oberschulzen, Mathias Ruscheinsky haben drei Burschen nächtlicherweise alle Fenster eingeschlagen. Der Oberschulz war im tiefsten Schlaf, und wußte vor Schrecken weder aus noch ein. Am folgenden Morgen aber hat man die drei Nachtvögel aber doch gefunden und sie gestanden es auch ein. Die Aufregung war so groß, daß man fast meinte die drei Burschen kämen an den Galgen. Der Oberschulz war natürlich sehr aufgebracht, wollte nicht nachgeben und die drei Burschen müßten nach Kishenef zum Gouverneur, wo sie ohne Gericht verurtheilt werden sollten, denn Fenstereinschlagen wird schwer bestraft. Jetzt aber hat sich der Oberschulz mit den drei Burschen geeinigt, die ihm 75 Rubel zahlen und der Herr Natschalnik nimmt sie fünf Stunden in Arrest. Die Buben sind froh daß sie so gut davonkamen und nicht dem Oberschulzen die Fenster kaufen müssen, denn die waren schon grün und roth und stammen sicher wohl vom Großvater her.
Dem Schreiber haben die Buben auf der „Kerwe“ Wurst, Bier und Schnaps gestohlen, aber er hatte sie bald erwischt und sie wurden auf der Kanzlei gehörig ausgehauen.
Gruß an die Redaktion und an den Leserkreis. Wünsche allen fröhliche Weihnachten und glückliches neues Jahr!
Valentin Herrschaft.