Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 22. Januar 1914

Film 3639, Vol. 8, No. 26, Page 2

Konstantinofka, Bessarabien
Dezember 5. 1913

Die Nachricht unseres Schwiegersohnes Ignatz Groß bei Brisbane in Nord-Dakota in Nr. 16 des Blattes von dem Unglück, das in der Nacht zwischen 11 und 12 Uhr am 30. Oktober meinem anderen Schwiegersohne Eduard Richter in Raleigh Nord-Dakota das zweistöckige Wohnhaus niederbrannte, hat uns solchen Schrecken verursacht, daß alle in meiner Familie wie vom Blitz getroffen waren. Noch wühlte in unserer Brust der Schmerz weil unser Sohn Korbinian vor einigen Tagen sich von uns für den Militärdienst verabschieden mußte, als die neue Hiobspost eintraf. Sehr schwere Tage sind über uns gekommen, doch: was wollen wir dagegen machen? Man muß sich..[hier fehlt offensichtlich ein Teil des Textes]

Wir benachrichtigen also unsere lieben Kinder und Freunde, daß euer Bruder und Schwager Korbinian als Soldat genommen und nach Sebastapol zur Festungsartillerie abkommandirt wurde. Bis dato hat er uns seine genaue Adresse noch nicht übermittelt.

Benachrichtigt uns brieflich über die Ursache des Brandes und wie groß der Schaden ist den ihr dadurch erlitten habt. Adressirt Briefe: South Rußland, Gouv. Bessarabien, Kreis Bender, Post Kainari, Dorf Konstantinofka, Romuald Dirk. Es thut mir weh, daß ihr Kinder nicht längst schon geschrieben habt. Gut, daß das liebe Blatt, der Staats-Anzeiger, nach allen Welttheilen seine Stimme hören läßt. Wäre das nicht, würde Mancher dieser Welt „lebewohl“ sagen, ohne daß einer seiner Angehörigen etwas davon erführe!

Die Witterung war bis auf Dezember hier wunderbar schön, sodaß man schon glaubte, der Wintersmann sei gestorben, aber schon die ersten Dezembertage brachten uns Vorboten, welche uns mahnten die Pelze hervorzusuchen. Auch die Schlitten wandern hie und da zu den Handwerkern in die Reparatur, denn der Dezember Anfang brachte so viel Schnee, daß der Wanderer seine Reise per Schlitten antreten kann. Für mich wäre es ja hochnöthig eine Reise nach Tarutino und Kraßna zu machen, da ich mich aber an die Schlittenfahrt erinnere, welche ich zweitletzten Winter von Emmenthal nach Kraßna machte, will ich lieber warten bis ich Nachricht habe, daß gute Schlittenbahn ist. Jedesmal hatten wir bei uns gute Schlittenbahn, aber als ich nach Süden zu 30 Werst zurückgelegt, hatte ich statt Schlittenbahn einen rauhen Eisweg, sodaß mir die Läufer am Schlitten derart abgeschliffen wurden daß ich nur mit Mühe heimkommen konnte.

Mit Sehnsucht warte ich darauf, daß das Blatt mir nach Kainari zugesandt wird. Als ich Taraklia verließ, bat ich den dortigen Postmeister, meine Korrespondenz und Zeitungen mir nach Konstantinofka nachzusenden und bat ihn, besonders darauf zu achten, daß die Scheere, welche ich längst schon hätte vom Staats-Anzeiger erhalten sollen, nicht durch ihn verloren gehe. Wahrscheinlich aber habe ich damit den Herrn an der Leber getroffen, denn er sandte nachher weder das wöchentliche Blatt noch andere Korrespondenz an meinen Namen nach Kainari. Auf meine briefliche Mahnung hin, daß ich mein Recht suchen würde, erhielt ich schließlich die Nummern 16 und 18, aber Nummer 17 und die Scheere habe ich noch zu hoffen. Wenn die Scheere registrirt wurde, und die Redaktion Nachforschungen anbahnt, könnte ich sie vielleicht doch noch erhalten, aber anderenfalls ist die verloren. (Schere wurde nicht eingeschrieben, aber wir hoffen doch, daß sie inzwischen anlangte. Wenn nicht, lassen wir eine zweite abgehen. Es kommt theuer, aber wir sind entschlossen, Ihnen die Schere zu liefern. -Red. Staats-Anzeiger.) Nummer 17 des Blattes aber las ich doch bei einem anderen Abonnenten des Blattes und erblickte darin zu meiner größten Freude das Bild nebst Lebensbeschreibung meines theueren Herrn Kollegen Anton Jochim. Obschon der liebe Kollege Bild und Lebensbeschreibung sehr verspätet erscheinen ließ, waren sie mir und Familie so lieb wie zu jeder anderen Zeit. Meiner Frau nur wollte es nicht gefallen, daß das Bild etwas unklar erschien. Das ist nicht die Schuld der Redaktion, sondern des Photographen, der Linsen geringer Güte bei Aufnahme des Bildes benutzte, sodaß es eben nicht klar war.

Gruß an unsere Kinder in Nord-Dakota und an alle Freunde und Leser des Blattes. Wir sind gesund, aber infolge der erlittenen Schicksalsschläge etwas bedrückt gestimmt.

Romuald Dirk.