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Auszug aus der „Staats-Anzeiger“ 29. Januar 1914

Film 3639, Vol. 8, No. 27, Page 2

Krasna, Bessarabien Dezember 14. 1913

Nachstehend einen Theil des A B C das die Leser interessiren dürfte. Also: Das goldene A B C für Jedermann, der gern mit Ehren will bestehen:

1. Es ist gestellt mit ganzem Fleiss,
Kurz und lieblich, reimenweis.

2. Ich kam einst in ein fremdes Land
Da Stand geschrieben an der Wand;
Sei fromm und auch verschwiegen,
Was nicht dein ist, das lass liegen.

3. Hüte dich, fluch nicht in meinem Haus,
Oder geh bald zur Thür hinaus;
Sonst möchte Gott im Himmelreich
Strafen mich und dich zugleich.

4. Wer in sein eigen Herz sieht,
Der redet von Bösem nicht,
Denn an sich selbst findet Jedermann
Gebrechen genug - wer's merken kann.

5. Rede wenig, aber wahr
Borge wenig, zahle baar,
Lasse Jedem wer er ist,
So bleibst du auch wer du bist.

6. In diesem deutschen Alphabet
Viele schöne Lehr geschrieben steht;
Drum solls ein Jeder lesen gern
Und was drin ist daraus lernen.

Ausgangs August fuhr ich auch etwa einen Monat lang geschäftshalber im Chersonischen Gouvernment herum und kam glücklich auch an einem Sonntage nach Berlin bei bekannten Leuten an. Da wurde mir erzählt, dass bei ihnen ein wohlhabender Jude wohnhaft ist - es sei ein ehrlicher Jude - der auf Borg viel Getreide in der ganzen Umgegend aufrgekauft habe. Das Getreide wurde geliefert auf die Eisenbahnstation und von dort brachte er es nach Odessa. Er trug seinem alten Schwiegervater auf, er möchte ihn abholen, wenn er zurückkommt. Der alte Jude holte auch seinen Schweigersohn ab, hatte aber selbst noch ein Geschäft zu machen, und so stieg der alte Jude in die Maschine und der Schwiegersohn fährt mit dem Fuhrwerk allein nach Hause zu. Er hatte 46.000 Rubel wurden ihm abgenommen und das Fuhrwerk fortgejagt. Alle Leute in Berlin jammern nun um ihr Geld und meinen, der Alte hat das Geld und der Junge habe sich gerne binden lassen. Natürlich, für 46.000 Rubel kann man sich schon binden lassen und einen halben Tag lang jammern bis man gefunden und von den Banden befreit wird, und dazu kann man sich auch noch anstellen als wolle man von Sinnen kommen. Ich wäre selbst neugierig zu erfahren, wie sich die Geschichte weiter entwickelt.

Gruss an Thomas Ihli. Zwei Halstücher sind abgeschickt für zwei kleinen Mädchen. Gruss auch an Schwager und Schwester Karl Schäfer und an Phillip und Frau Seifert. Den Artikel habe ich gelesen. Schreibt öfters. In Nummer 19 las ich den Artikel von Nikolaus Engel, dass Frau Kilian Ibach das Zeitliche segnete. Unser herzliches Beileid.

Jetzt ein paar Worte an die Herren Jakob Kopp und Kilian Ibach. Sie waren doch beide Schullehrer. Bestellt euch doch den Staats-Anzeiger wenn ihr nicht schon Leser seid, und schreibt uns recht viel aus Canada. Dann auch könnt ihr ja in diesem Blatte viel Neues hören aus der alten Heimath.

Gestorben ist neulich Simon Fenrich. Lieber Nikolaus Engel, nimm den Staats-Anzeiger und richte aus was ich geschrieben habe.

Gruss auch an die gehrte Redaktion und an alle Mirarbeiter und Leser des Blattes von.

Valentin Herrschaft


Film 3639, Vol. 8, No. 27, Page 2

Krasna, Bessarabien December 15. 1913

Jetzt will ich meine Freund in der neue Welt berichte, dass ich un mei Familie noch Gott sei Dank gesund sin und wünsche euch alle gelückseliges neues Jahr, Gesundheit, langes Lewe, Fried un Einichkeit un noch dem Tod die ewiche Glickseligkeit. Auch dem Herrn Redaktionär Brandt un alle Mitarbeiter wünsch ich viel Glück. Dr liewe Gott soll alle gesund losse dass de Zeitung so fort gefiert werd im neie Jahr so wie im alte, un noch besser, dann wess ich dass bis zum annere neis Jahr noch meh Leser an dem Blad sich freie were wie sich das verflossene Jahr dran gefreit han.

Wie mer oft im Blad gesiehen hat, hat sich ach mancher geärgert, awer da ist so das Blad nitt schuld, nor die Unwahrheite wo die Leit in der Burscht un in Kopp fuhren. Wann e jeder de Wohrheit so schreiwe dat wie ich un noch annere Wohrheitskorrespondenten, dann dat sich gewiss keener ärgere. Awer wie is's heit zu tag in dr Welt? Wann mer am die Wohrheit saht, dann werd'r bös! So is's ach dem „Auch E. Bauer,“ ganga. Gell, du „Auch e. Bauer? Ganga. Gell, du „Auch E. Bauer wie musch manch einer sich im Herz fraie wann mer ener in dr Zeitung runnerputze thut mit Unwohrheite, awer geht einer nor beiläufig an des Käschtsche vun so emme Mann wo Unwohrheite von annere schreibt, un wills a bissel uffdecke, dann schreit der Mann gleich „Die Finger dort drfun! Dort ist vor dich nix drin!“ So gehtsch awer nitt; mer muss jeder losse wer'r is, dann bleibt mer ach wer mer is. Manche Korrespondente denke, dass dr „Auch e. Bauer“ mich mit sein Artikel ingeschichtert het. Das soll nor keener denke, denn mit dr Wohrheit losst sich keener inschwichtere. Jetzt hann mer bal Neijohr - dann werd sich so alles zum bessere wenne, un wann sich dann e verdorbenes Herz gebessert hot zum gute, dann kann derjenige sahn:

O Herr, Welch unvergleichbar Gut
Ist uns ein rein Gewissen'
Wen dieses tröstet, der hat Muth
Wenn Sünder zagen müssen.
Sein Herz, voll Frieden, zittert nicht,
Nicht vor dem Tod nicht vor'm Gericht;
Du giebst ihm Ruh und Frieden.

Mit beschte Gruss hiewe un driwe.

E. Bauer

dokumente/zeitungen/eureka/f-19140129-q2.txt · Zuletzt geändert: von Otto Riehl Publisher