Deutsch
Film 3639, Vol. 8, No. 28, Page 2
Konstantinofka, Bessarabien
December 28. 1913
Durch Erfahrung wird man klug - freilich sehr oft zu spät. - Aus meinen Erfahrungen nun merke ich heute, daß ich an der Gesundheit meines Körpers oft gefehlt habe. Der liebe Gott hat in seiner Schöpfung der Natur des lebenden Körpers des Menschen nicht vergessen und zu den zahlreichen und wichtigen Pflichten welche Gott dem Menschen gegeben hat, verlieh er ihm auch die Möglichkeit, hundert oder noch mehr Jahre bei gesundem Körper zu leben. Will man dieses Geschenk Gottes ehren und es sich unversehrt auf so lange Zeit erhalten, so muß man täglich Obacht haben, daß es nicht beschädigt werde, weil Gott ein solches Geschenk uns zum zweiten Male nicht giebt. Erhält man also dieses Geschenk von Gott rein und unversehrt, so kann man es mit Gottes Rath, der uns stets zur Seite ist, ganz leicht auf die bestimmte Zeit sich erhalten. Hört man aber auf die Stimme Gottes nicht, welche durch unsere Vernunft wie ein Telephon zu uns spricht, so wird das Geschenk bald beschädigt sein. Ist es einmal beschädigt und man möchte doch es sich auf längere Zeit erhalten, so muß man es in Flikerei oder Reparatur geben, aber wenn einmal an einer Sache geflickt wurde, ist sie schon erbärmlich und gebrechlich. Kommt man im Dorfe zu Bekannten oder Freunden, so klagt fast jeder, daß bei ihm dieses Gottesgeschenk durch Unversichtigkeit zu leiden hat. Einer klagt über Rheumatismus der Handgelenke, der Hüften, des Knies, des Rückens, der Schultern und Armgelenke; der ander über Lungenentzündung. Hemorrhoiden, Halsentzündung. Harnbeschwerden, Lungenschwindsucht. Magenkatarrh, Nervenschwäche, Zahnschmerzen, Husten, und so weiter. Alles kommt davon, weil er Gottes Rath zur Erhaltung des Geschenkes nicht befolgte.
Gewiß findet jeder Leser jede Leserin dieser Zeilen, daß an seinem oder ihrem Geschenke Gottes ein Flecken haftet wenn nicht groß, dann klein - und dabei behauptet er oder sie, daran schuldlos zu sein. Das Geschenk Gottes wäre und ist also der gesunde Körper des Menschen, der ihm verliehen wurde um gewisse Größe und erhabene Pflichten auf Erden zu erfüllen. Erhält nun der Mensch sich nicht den gesunden Körper, so wird es ihm unmöglich, den göttlichen Willen zu erfüllen. Nun mögen wohl der eine oder der andere einwenden: was kann ich dafür, wenn mein Körper krank wird, oder: was kann ich thun, damit er nicht krank werde? Darauf ist viel zu sagen: Hast du einen gesunden Körper, so behandele ihn wie das Auge im Kopfe. Der Wächter des Körpers muß denselben gehörig üben, ihn genug im Freien bewegen, mäßig und ordentlich leben, mit Arbeit und Schlaf zweckmäßig abwechseln und Speise und Trank in erforderlichem Maße und zur gehörigen Zeit genießen. Wenn der Wächter des Körpers keine Witterung scheut, und denselben von Jugend auf abhärtet, so bewahrt er sich vor obengenannten Leiden. Jeder kann sich durch Betrachtung unserer Moldewaner und Russen hievon überzeugen. Fährt man zur Winterszeit an einem Flusse vorüber in dessen Mitte ein Moldewaner oder Russen dort sich befindet, so kann man auf dem Eise des Flusses fast jederzeit die Dorfbewohner barfuß antreffen und man würde nicht hören, daß sie deshalb erkranken, weil sie sich von Jugend an daran gewöhnten. Mann kann an sich selbst leicht beweisen, daß ein gesunder Körper bei Befolgung gewisser Naturregeln erhalten werden kann. Hat man, zum Beispiel, jahrelang zur Winterszeit ein warmes Halstuch getragen, so muß man sehr vorsichtig sein, daß man nicht vergißt es beim Verlassen des Zimmers an den Hals zu legen, denn sonst würde man sicher sich ein Halsleiden zuziehen. Beginnt man aber gleich bei Anfang des Winters seine Ausgänge ohne Halstuch zu machen, so wird man auch bei kälterem Wetter unbeschadet seiner Gesundheit das Halstuch entbehren können. Dies, lieber Leser, ein Beweis, daß zur Erhaltung körperlicher Gesundheit gewisse Naturregeln zu beobachten sind und wer sie weise anwendet erreicht gewiß ein hohes Alter.
Zu einem gesunden Körper trägt auch der Geist bei, der sich zweckmäßig ausgebildet, moralisch veredelt hat und religiös gestimmt ist. In einem gesunden Körper wohnt auch eine gesunde Seele, lehrt ein Weiser des Alterthums. Wenn der Mensch eifrig Wahrheit sucht und Dinge und Menschen gehörig zu erforschen strebt, wenn er mit Liebe und Gewissenhaftigkeit jede Menschen- und Berufspflicht erfüllt, so wappnet oder stählt dieses Bewußtsein seinen Körper und schützt ihn vor vielen Uebeln. Ein langes Leben ist der Lohn der Mäßigkeit und Ordnung und, wer so viel als möglich der Stimme der Vernunft und der Lehre geprüfter Erfahrung gehorcht, wird es kühn mit den Widerwärtigkeiten des Lebens und mit diesen Uebeln aufnehmen können, welche unsere Gesundheit bedrohen. Ein sittlich guter Lebenswandel, religiöse Denkart und geklärter Sinn, gepaart mit Arbeitsamkeit, Reinlichkeit und Heiterkeit, tragen viel zum langen Leben bei.
Der Geist allein lebt - das Leben des Geistes ist allein unseres Leben! Das Leben des Leibes muß jenem immer untergeordnet und von ihm beherrscht werden. Nicht umgekehrt darf der Geist sich den Stimmungen und Trieben des Körpers unterordnen, wenn das wahre Leben erhalten werden soll. Diese große Wahrheit wurde von jeher von den weisesten Männern der Welt, als der Grundpfeiler der Sittlichkeit, Tugend und Religion und alles dessen was groß und göttlich ist, anerkannt. Es liegt in der Natur des Menschen, lieber leiblich als geistig zu leben, und daher kommen die vielen Gemüths- und Seelenverstimmungen, welche Veranlassungen geben zu verschiedenen Fehlern, Gewohnheiten und Leidenschaften die den Körper in kurzer Zeit so ruiniren, daß der Mensch sein Lebtag daran kränkelt oder gar sich den Tod zuzieht. So lange in unserem südlichen Bessarabien die Weingärten noch reinen Naturwein lieferten, konnte man den Gewohnheitstrinkern nicht anmerken, daß ihnen dadurch das Leben verkürzt werde. Heute aber, da Weingärten keinen Naturwein zu liefern und künstlich fabrizirte Weine an seine Stelle getreten sind, welche aus verschiedenen und auch giftigen Stoffen zusammengesetzt sind, liegt schon viel klarer auf der Hand, wie sich der Mensch durch Fröhnung dieser Leidenschaft an Körper und Gesundheit schädigt. Kommt der eine oder andere zu Hause vom Markte, wo er unvorsichtigerweise viel von diesem Wein trank, so kann er überzeugt sein, daß er am nächsten Tage dem Tod näher als dem Leben ist, und ich bin überzeugt, daß im Verlauf kurzer Jahre viele ihren Tod diesen künstlich zubereiteten Getränken zuzuschreiben haben. Warum? Weil ich selbst nach Genuß dieses Giftes mehr todt als lebending war. Wer sich also in solchen Sachen nicht beherrschen kann, wird sich eines langen Lebens nicht erfreuen! Der Selbstbeherrschung aber bedarf es nicht blos zur Erhaltung des höheren geistigen Lebens und zur Gesundheit, sondern sie dient auch zur Erhaltung und Vervollkommnung des physischen Lebens und wird dadurch eines der wichtigsten diätischen Heilmittel. Wir wollen keineswegs den Einfluß des Leiblichen auf das Geistige leugnen, aber viel auffallender ist die Macht des Geistes über das Leibliche. Sie kann tödten und lebendig machen. Es giebt Fälle wo Menschen lediglich an blitzähnlichen Einwirkungen des Geistes auf den Körper gestorben sind und andere Fälle in denen geistige Einwirkung Ohnmachten, Lähmungen und Blutflüsse hervorbrachten, und wieder andere Fälle in denen schwere Krankheiten durch Freude, Erhebung und Erweckung des Geistes geheilt wurden. Welche Wunderkraft also besitzt nicht der Geist über den Leib! Darum auch sind Freiheit des Geistes, Unschuld des Gemüthes und Reinheit des Herzens die Hauptbedingungen gesund und glücklich zu leben. Namentlich in moralischer Hinsicht sind diese guten Eigenschaften empfehlenswerth. Was ein reiner Körper ist, wissen wir alle, aber was unter einem reinen Gemüth verstanden wird, ist vielleicht weniger klar.
Also ein reines Gemüth ist ein solches welches keinen bösen Gedanken nachhängt, von keiner schlimmen Leidenschaft beunruhigt wird. Wie nämlich das Wasser eines Flusses oder Teiches trübe oder unrein wird, wenn Sturmwinde oder andere Ursachen es in heftige Bewegung bringen, so wird auch unser Gemüth verunreinigt, sobald böse Gedanke, böse Wünsche oder Begierden in ihm aufsteigen und es in Unruhe versetzen. Man hüte sich vor Gesellschaft schamloser, unzüchtiger, liederlicher Menschen, welche unschuldige Seelen durch Beispiel oder Verführung nur zu leicht anstecken können. Wenn man in Verbindung mit solchen Leuten treten muß, erinnere man sich der Warnung unseres Erlösers: „Selig sind, die reinen Herzens sind!“ Das meint mit anderen Worten die da keinen lasterhaften Gedanken und Begierden in ihrer Seele Raum geben, die nicht zornig, nicht habsüchtig, nicht neidisch, nicht wollüstig, nicht eitel, nicht beschmüthig, nicht tückisch, nicht ungerecht sind wie leider so viele Menschen, sondern, im Gegentheil: sanftmütig, friedlich, persöhnlich, liebreich, züchtig, bescheiden, mildthätig und gerecht sind. -
Die Witterung war im Dezember gleichmäßig bei nächtlichen Frösten und täglichem Thauwetter, unterbrochen hie und da von Schneefall oder Regen. Was das neue Jahr uns bringen wird müssen wir abwarten. Der Regent im Jahre 1914 ist Merkur, der unter allen Planeten der Sonne am nächsten stehende, denn er ist nur 8.000.000 Meilen von ihr entfernt. Er bewegt sich in 87 Tagen 11 Stunden um die Sonne und ist ungefähr fünfmal kleiner als unsere Erde. Nach Ansicht der Alten sollen die Jahre, die unter Merkurs Herrschaft stehen, mehr trocken und warm als feucht und kalt sein, und im Frühling öfters Fröste bringen die den Früchten schaden. -
Nun noch etwas für die Haufrau aus meinen Erfahrungen. Gefäße in welchen starkriechende Flüssigkeiten aufbewahrt wurden, dringt man gänzlich von Gerüchen wenn man schwarzes Senfmehl hineinschüttet, etwas lauwarmes Wasser zufügt, kurze Zeit stehen läßt und das Gefäß dann gut aus und mit Wasser einigemale nachspült. Auch die Hände befreit man leicht von starken Gerüchen, indem man sie mit ein wenig Senfmehl wäscht. -
Grüße an meine Kinder in Morton County, an Kollege Anton Jochim, an Jakob Sommerfeld und an alle Freunde und Bekannte im Leserkreise des Blattes.
Romuald Dirk